Heinrich von Kleist
vollst. Bernd Wilhelm Heinrich von Kleist
Lebensdaten Werk


*18. Oktober 1777 Frankfurt a.d. Oder

+21. November 1811 am Kleinen Wannsee bei Potsdam (Selbstmord)

bestattet: am Kleinen Wannsee (genauer Ort nicht mehr lokalisierbar); Gedenkstein

Sohn des preußischen Majors Joachim Friedrich von Kleist (1728-1788) und dessen zweiter Frau  Juliane Ulrike von Kleist, geb. von Pannwitz (1746-1793). Geschwister: Friederike (1775-1811), Auguste (1776-1818), Leopold (1780-1837), Juliane (1784-1856); Halbschwestern: Wilhelmine (1772-1817) und Ulrike (1774-1849; die Lieblingsschwester).

Bedeutendster Dramatiker, Novellist, Anekdoten-Erzähler und Essayist zwischen Klassik und Romantik. Autodidakt. In der Jugend tief beeindruckt vom Geist der Aufklärung (Kant, Rousseau), die aber der leidenschaftlichen Suche nach innerer Sicherheit und Orientierung nicht genügen kann ("Kant-Krise"). In den Werken Spannungsverhältnis zwischen den Forderungen des Ich und der Pflicht, sich ins Allgemeingültige einzufügen: Dichter des sich absolut setzenden Gefühls, das an der Realität scheitert. Die Marionette (Über das Marionettentheater) - nicht wie üblich Symbol des Deterministischen - steht für das nicht durch das Bewusstsein und Reflexion verdorbene Leben im Stande der "paradiesischen" Unschuld.
   Distanzierte Sprache (namentlich in den erzählenden Texten), die versucht den Inhalt zu beherrschen: streng, von der grammatikalischen Ordnung durchwirkt, gedrängt, klar.
   Eigentliche Entdeckung Kleists im 20. Jh. (Kafka, Rilke, Expressionismus). Thomas Mann: Er war einer der größten, kühnsten, höchstgreifenden Dichter deutscher Sprache, ein Dramatiker sondergleichen - überhaupt sondergleichen, auch als Prosaist, als Erzähler - völlig einmalig, aus aller Hergebrachtheit und Ordnung fallend, radikal in der Hingabe an seine exzentrischen Stoffe bis zur Tollheit, bis zur Hysterie, allerdings tief unglücklich, mit Ansprüchen an sich selbst, die ihn zermürbten, um das Unmögliche ringend, von psychogenen Krankheiten niedergeworfen alle Augenblicke und zu frühem Tod bestimmt. (1954)


wichtige Lebensdaten:

1788

Tod des Vaters; Erziehung durch den Prediger S. H. Catel in Berlin.

1792

Eintritt in das Garderegiment Potsdam als Gefreiter-Korporal.

1793

Verlegung des Regiments nach Frankfurt a. M.; Teilnahme am "Rheinfeldzug" gegen die französischen Revolutionsheere. Tod der Mutter.

1795

Rückkehr nach Potsdam als Fähnrich.

1797

Beförderung zum Leutnant. Mathematische, philosophische und altsprachliche Studien; wachsende Abneigung gegen den Soldatenstand.

1799

Abschied vom Militär; drei Semester Studium an der Universität Frankfurt/Oder (Jura, Volkswirtschaft, Naturwissenschaften).

1800

Verlobung mit Wilhelmine von Zenge (1780-1852). Übersiedlung nach Berlin; Vorbereitung auf den Staatsdienst. Spätsommer: rätselhafte Reise nach Würzburg mit dem Freund Ludwig von Brockes. Nach der Rückkehr Anstellung als Volontär bei der Technischen Deputation des Königlichen Manufaktur-Kollegiums in Berlin.

1801

Aufgrund des Kant-Studiums erste große Lebenskrise ("Kantkrise"): Verzweiflung über die Einsicht, dass die Wissenschaft keinen Zugang zur objektiven Erkenntnis und absoluten Wahrheit hat. Als Reaktion darauf Reise mit Ulrike über Dresden, Halberstadt, Göttingen, Mainz, Straßburg nach Paris. Juli - November: Aufenthalt in Paris. Unstimmigkeiten mit Ulrike, allein Weiterreise in die Schweiz (Bern, Thun);  Hinwendung zu Rousseau.

1802

K. gibt die Absicht, Bauer zu werden, bald auf; aber als Folge dieses Plans Bruch mit seiner Braut. K. wohnt einsam auf einer kleine Aaare-Insel bei Thun; freundschaftlicher Umgang mit dem Schriftsteller Heinrich Zschokke, dem Verleger Heinrich Geßner und Wielands Sohn Ludwig in Bern; Gewissheit, zum Dichter berufen zu sein. Im Herbst Rückkehr nach Deutschland (Weimar).

1803

Als Gast Wielands in Oßmannstedt bei Weimar; Mitte März Abreise; bei der Familie Schlieben in Dresden; ungeklärte Beziehung zu Henriette von Schlieben. Selbstmordgedanken. Fußreise mit Pfuel (Freund aus Potsdamer Zeit) über Bern, Mailand, Genf nach Paris. Okt.: zweite große Lebenskrise (Schaffenskrise); Vernichtung des Guiskard-Manuskripts; Versuch, sich der napoleonischen Invasionsarmee gegen England anzuschließen ("ich stürze mich in den Tod..."). Auf Veranlassung des preußischen Gesandten Rückkehr nach Deutschland; in Mainz körperlicher Zusammenbruch.

1804

Juni: Rückkehr nach Berlin; Wiedereintritt in den Staatsdienst (Finanzministerium).

1805

Übersiedlung nach Königsberg; als Diätar an der Domänenkammer.

1806

Endgültige Aufgabe der Beamtenlaufbahn. Oktober: militärischer Zusammenbruch Preußens.

1807

K. wird beim Versuch, nach Dresden zu gelangen, in Berlin als angeblicher Spion verhaftet; französische Gefangenschaft in Fort de Joux bei Besançon, später in Chalons-sur-Marne; Juli: Entlassung aus der Gefangenschaft. Dresden: Kleists glücklichste Zeit im Dresdner Literaten- und Künstlerkreis (Adam Müller); literarische Anerkennung.

1808

Herausgabe der Kunstzeitschrift "Phöbus" (zus. mit Adam Müller): ungünstige Aufnahme; Übersendung des ersten Phöbus-Heftes an Goethe ("auf den Knien meines Herzens"); kühle Reaktion. März: katastrophaler Misserfolg der Goetheschen Uraufführung des "Zerbrochnen Krugs" in Weimar.

1809

Februar: letztes Phöbus-Heft. April: Erhebung Österreichs; vaterländische Lyrik; Reise mit Friedrich Christoph Dahlmann nach Österreich; Zeuge des Sieges bei Aspern (Mai); Prag; das Vorhaben, ein patriotisches Wochenblatt ("Germania") herauszugeben, wird durch die Niederlage bei Wagram gegenstandslos. Dritte große Lebenskrise: Verzweiflung, monatelange Krankheit. Rückkehr nach Frankfurt/Oder; völlig mittellos.

1810

Neubeginn in Berlin; Umgang mit Adam Müller, von Arnim, Brentano, Fouqué, Rahel Varnhagen; Oktober: Redakteur der "Berliner Abendblätter" (erste Tageszeitung Berlins; anfänglich großer Erfolg).

1811

Mai: Ende der "Berliner Abendblätter"; Auseinandersetzung mit Staatskanzler von Hardenberg wegen einer Entschädigung; Gesuch an den König und an den Kronprinzen um Anstellung bleibt unbeantwortet; zunehmende Vereinsamung; private und politische Perspektivlosigkeit ("es ist auch nicht ein einziger Lichtpunkt in der Zukunft..."); engere Freundschaft mit der krebskranken Henriette Vogel (1773-1811).
20. November: K. und Henriette Vogel fahren zum Gasthof Stimming bei Potsdam; am nächsten Tag nachmittags 4 Uhr: K. erschießt Henriette Vogel und sich selbst am Ufer des Kleinen Wannsees: "...die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war."


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung)

Dramen

1803
(ab 1802 e; 1804 a Graz)

Die Familie Schroffenstein (Trauerspiel)

1807
(ab 1806 e; 1899 a Berlin)

Amphitryon (Lustspiel)

1808
(1806-07 e; 1876 a Berlin)

Penthesilea (Trauerspiel)

1808
(1802-03; 1807-08 e)

Robert Guiskard, Herzog der Normänner (Trauerspiel; Frgm.)

1810
(ab 1807 e; 1810 a Wien)

Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe (Ritterschauspiel)

1811
(ab 1803 e; 1808 a Weimar)

Der zerbrochne Krug (Lustspiel; Frgm. im "Phöbus", 1808)

1821
(1808 e; 1839 a Bad Pyrmont)

Die Hermannsschlacht

1821
(1809-11 e; 1821 a Wien)

Prinz Friedrich von Homburg

Erzählungen

1807

Das Erdbeben in Chili (u.d.T. Jeronimo und Josephe)

1808

Die Marquise von O...

1810

Michael Kohlhaas (1. Drittel im "Phöbus", 1808)

1810

Das Bettelweib von Locarno

1810 (erw.1811)

Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik

1811

Der Findling

1811

Die Verlobung in St. Domingo

1811

Der Zweikampf

Ausgabe der Erzählungen

1810/11

Erzählungen (2 Bde.)

Anekdoten

1810

Franzosen-Billigkeit; Der verlegene Magistrat; Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege u.a.

1811

Sonderbarer Rechtsfall in England u.a.

Kleine Schriften (Ausw.)

1805/06 e

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

1809 e

Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte

1810

Über das Marionettentheater

Schriften aus dem Nachlass

1821 

Hinterlassene Schriften, hg. v. Ludwig Tieck

Gesamtausgaben

1905

Werke (krit. Ausg.), hg .v. Erich Schmidt im Verein mit Georg Minde-Pouet u. Reinhold Steig, Leipzig/Wien (5 Bde.)

1952

Sämtliche Werke und Briefe, hg. v. Helmut Sembdner, München (2 Bde.)

1978

Werke und Briefe, hg. v. Siegfried Streller u.a., Berlin/Weimar (4 Bde.)

1986ff.

Sämtliche Werke und Briefe, hg. v. Ilse-Marie Barth u.a., Frankfurt/M. (4 Bde.)


Link:

Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn

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