Autoren | Epochen
 

Nikolaus Lenau
 
eigentl.: Nikolaus Franz Niembsch; (ab 1820) Edler von Strehlenau
Künstlername "Lenau" (= Endsilben des Adelsprädikats) ab 1830

Lebensdaten | Werk

Lenau-Texte im Netz


* 13. August 1802 Csatád bei Temesvár
(Banat; ab 1926 Lenauheim, Rumänien)
 

+ 22. August 1850 Oberdöbling/Wien (progressive Paralyse)

 

Grabstätte: Friedhof von Weidling bei Klosterneuburg

 

 
Nach einem Gemälde von K. Rahl
 

   

Erfolgreichster Lyriker seiner Zeit. Dichter des Weltschmerzes und der Lebensmüdigkeit, der noch in der Romantik wurzelt; aber auch revolutionärer Dichter des Vormärz, der sich mit den sozialen und politischen Verhältnissen auseinandersetzt und in seiner politischen Dichtung gegen Unterdrückung und Despotismus, gegen Untertanengeist und Unfreiheit Stellung nimmt. Der Schwerpunkt der Lenau-Rezeption liegt heute in Osteuropa. Vertonungen seiner Lieder von Carl Loewe, Robert Schumann, Franz Liszt, Hugo Wolf, Richard Strauß u.a.

    

Sohn des früheren Dragoner-Unterleutnants und Rentamtsschreibers Franz Niembsch (1777-1807) und seiner Frau Maria Antonia Theresia, geb. Maigraber (1771-1829); Schwestern: Magdalena (1799-1803), Theresia (1801-1878), Magdalena (*1804). Enge Bindung an die Mutter. Der haltlose Vater bringt die Familie durch seine Spiel- und Trunksucht in Armut. Studium möglich durch die finanzielle Unterstützung der Großeltern väterlicherseits. L. verbringt die ersten 16 Lebensjahre zwar in Ungarn, wächst aber im deutschen Milieu auf, beherrscht die ungarische Sprache nur mangelhaft.
  "...meine sämtlichen Schriften sind, da ich für Taten keinen Raum finde, mein sämtliches Leben...": vier abgebrochene Studiengänge, zwei verhinderte Ehen, gescheiterter Versuch, als Farmer in Amerika Fuß zu fassen, abgelehnte Bewerbung um eine Ästhetik-Professur. Lebt
großenteils von der finanziellen Unterstützung bzw. dem Erbe seiner Großeltern. Voller Unrast, unstet im Charakter wie in der Weltsicht, kränkelnd, hypochondrisch, schwermütig und zerrissen.

 

1823-27

Eheähnliches Verhältnis mit Adalberta Hauer (der unehelichen Tochter einer Haushälterin); Tochter: Adelheid (1826-1844)

1834-44

Platonisches Liebesverhältnis mit der verheirateten Sophie von Löwenthal, geb. Kleyle (1810-1889; Kusine des Jugendfreundes Fritz Kleyle); steht zwei Heiratsversuchen im Wege.

 


Wichtige Lebensdaten:

1803

Der Vater quittiert den Dienst und zieht nach Wien; Mutter samt Kindern nach Buda zur Großmutter.

1807

Tod des Vaters.

1811

Zweite Ehe der Mutter mit dem Arzt (eher "Kurpfuscher") Karl Vogel. Erster Unterricht im Geige- und Gitarrespiel.

1812

Piaristen-Gymnasium in Pest.

1816

Übersiedlung der Familie nach Tokaj. Hausunterricht durch den Ungarn József Kövesdy.

1817

Rückkehr (ohne den Stiefvater) nach Buda; Wohnung in ehemaliger Militärfriedhofskapelle..

1818

Wieder Piaristen-Gymnasium in Pest. Wegen der ärmlichen Familienverhältnisse zusammen mit der Schwester Magdalena Übersiedlung nach Stockerau bei Wien zu den Großeltern, die ihm eine standesgemäße Ausbildung finanzieren wollen.

1819

Studiumsvorbereitender Kurs in Wien. Übersiedlung der Mutter nach Preßburg.

1820

Freundschaft mit Fritz Kleyle (1803-1836). Nobilitierung des Großvaters.

1821

Vorübergehender Bruch mit den Großeltern und Rückkehr zur Mutter nach Preßburg. Erste Gedichte. Bekanntschaft mit Adalberta Hauer.

1822

Ostern: Aussöhnung mit den Großeltern. Studium des ungarischen Rechts in Preßburg. Tod des Großvaters (Legat). Herbst: Besuch der Landwirtschaftlichen Akademie in Ungarisch-Altenburg (Magyarovár). 

1823

Abbruch des Landwirtschaftsstudiums; Rückkehr nach Wien. Freundschaft mit Graf Auersperg (Anastasius Grün); Verkehr im Kreis der Literaten des "Neuner" (d.i. das "Silberne Kaffeehaus"): Grillparzer, Raimund u.a. 

1824

Herbst: Studium des deutschen Rechts in Wien.

1826

März: Geburt einer Tochter. L. bezweifelt die Vaterschaft; Nov.: Wechsel zum Medizinstudium.

1828

Endgültiger Abbruch der Beziehung zu Berta Hauer.

1829

Okt.: Tod der Mutter.

1830

Unterbrechung des Studiums. Aug.: Erholungsurlaub in Gmunden: Liebe zu Nanette Wolf. Sept.: Tod der Großmutter: Erbschaft von 9 000 Gulden. 

1831

Reise nach Süddeutschland in der Absicht, das Studium in Heidelberg abzuschließen. Aug.: Stuttgart; Gustav Schwab, Redakteur des Cottaschen Morgenblatts, vermittelt eine Ausgabe der Gedichte bei Cotta. Freundschaft mit den schwäbischen Romantikern (Kerner, Uhland u.a.). Zusammentreffen mit polnischen Flüchtlingen in Weinsberg.
Liebe zu Charlotte Gmelin ("Schilflottchen"), der Nichte von Schwabs Frau. Bekanntschaft mit Emilie Reinbeck (1794-1846) in Stuttgart. Nov.: Wiederaufnahme des Medizinstudiums in Heidelberg.

1832

Trennung von Charlotte Gmelin. Endgültiger Abbruch des Studiums.
Auswanderungsversuch: am 25.6. als Mitglied einer Auswanderergesellschaft in Mannheim Aufbruch nach Amerika in der Hoffnung, dort anders als im restaurativen Europa ein freies Leben führen zu können. Überfahrt von Amsterdam aus. 11.10.: Ankunft in Baltimore. Kauf von 400 Morgen Kongressland in New Lisbon, Ohio. Im Winter krank in Pittsburgh.

1833

März: Verpachtung seines Landes. Besuch der Niagarafälle. Apr.: desillusionierte Rückkehr von New York nach Bremen. Lebt ab jetzt abwechselnd in Württemberg und Österreich. In Wien Bekanntschaft mit Max und Sophie von Löwenthal.

1834

Platonisches Liebesverhältnis mit Sophie (Mutter zweier Kinder); Hinwendung zum christlichen Glauben.

1836

Tod von Kleyle. Ablehnung der Bewerbung um eine Ästhetik-Professur an der Theresianischen Ritterakademie. Schwierigkeiten mit den Wiener Zensurbehörden. Verhaftung der Schwester Magdalena wegen angeblichen Diebstahls. Freundschaft und Korrespondenz mit dem dänischen Theologen Hans Lassen Martensen (1808-1884).

1837-41

Im Hause Löwenthal in Wien und im Salzkammergut (Bad Ischl), lediglich unterbrochen von Aufenthalten in Württemberg.

1839

Juni: Bekanntschaft mit der Sängerin Karoline Unger (1805-1877), leidenschaftliche Zuneigung, Heiratsabsichten. Versuch, sich von Sophie zu lösen, scheitert.

1840

14.7.: endgültige Trennung von Karoline. Bekanntschaft mit der Schriftstellerin Emma von Suckow (Emma Niendorf, 1807-1876). Intensive Beschäftigung mit der Philosophie Hegels. Lösung vom Unsterblichkeitsglauben.

1844

Apr.: Begegnung mit Berthold Auerbach. Juli: Bekanntschaft mit Marie Behrends (1811-1889, Bürgermeisterstochter aus Frankfurt) in Baden-Baden. Aug.: Verlobung in Frankfurt/M. Schwere Auseinandersetzung mit Sophie in Lainz. 29.9.: Schlaganfall im Hause Reinbeck in Stuttgart; Gesichtslähmung. In der Nacht vom 12. auf den 13.10. erster Tobsuchtsanfall. Ausbrechender Wahnsinn (wahrscheinlich Folge einer früheren syphilitischen Infektion); Selbstmordversuche. 22.10.: Einweisung in die Irrenanstalt Winnenthal bei Stuttgart.

1847

Mai: Anton Schurz, der Mann der Schwester Therese, lässt L. in die Irrenanstalt Oberdöbling bei Wien bringen.

1850

22.8.: Tod um 6 Uhr früh.


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung)

Gedichte

1832

Gedichte; u.a.

  • Schilflieder (Zyklus)

  • Polenlieder

1834

Gedichte (verm. Neuauflage); u.a.

  • Atlantica

1838

Neuere Gedichte

1841

Umrisse zu den Gedichten

1841-43

Johannes Ziska (Zyklus)

1844

Gesammelte Gedichte; u.a.

  • Waldlieder (Zyklus)

1851

Nikolaus Lenaus dichterischer Nachlaß (u. a. Don Juan; Helena)

Romanzenepen

1837

Savonarola. Ein Gedicht

1842

Die Albigenser. Freie Dichtungen

Dramatische Epen

1836

Faust. Ein Gedicht

1851 (1844 e)

Don Juan. Dramatische Szenen (Frgm.)

Werkausgaben

1851

Dichterischer Nachlaß, hg. v. Anastasius Grün, Stuttgart/Tübingen: Cotta

1855

Sämtliche Werke, hg. v. Anastasius Grün, Stuttgart/Augsburg: Cotta (4 Bde.)

1910

Werke. Krit. durchges. Ausgabe, hg. v. K. Schaeffer, Leipzig: Bibliogr. Institut (2 Bde.)

1910-23

Sämtliche Werke und Briefe, hg. v. Eduard Castle, Leipzig: Bibliogr. Institut (6 Bde.)

1970

Sämtliche Werke und Briefe, hg. v. Walter Dietze, Leipzig: Insel (2 Bde.)

1989-2004

Werke und Briefe. Hist.-krit. Ausgabe, hg. v. Helmut Brandt u. Gerhard Kosellek, Stuttgart/Wien: Deuticke/Clett-Cotta (7 Bde.)


               

 
Schilflied I

Drüben geht die Sonne scheiden,
Und der müde Tag entschlief.
Niederhangen hier die Weiden
In den Teich, so still, so tief.

Und ich muß mein Liebstes meiden:
Quill, o Träne, quill hervor!
Traurig säuseln hier die Weiden,
Und im Winde bebt das Rohr,

In mein stilles, tiefes Leiden
Strahlst du,' Ferne! hell und mild,
Wie durch Binsen hier und Weiden
Strahlt des Abendsternes Bild.

 

 
Waldlied I

Am Kirchhof dort bin ich gestanden,
Wo unten still das Rätsel modert
Und auf den Grabesrosen lodert;
Es blüht die Welt in Todesbanden.

Dort lächelt auf die Gräber nieder
Mit himmlisch duldender Gebärde
Vom Kreuz das höchste Bild der Erde;
Ein Vogel drauf, sang seine Lieder.

Doch kaum daß sie geklungen hatten,
Flog scheu zum Wald zurück der Wilde;
Ich sang, wie er, ein Lied dem Bilde
Und kehrte heim in meine Schatten,

Natur! will dir ans Herz mich legen!
Verzeih, daß ich dich konnte meiden,
Daß Heilung ich gesucht für Leiden,
Die du mir gabst zum herben Segen.

In deinen Waldesfinsternissen
Hab ich von mancher tiefen Ritze,
Durch die mir leuchten deine Blitze,
Den trüglichen Verband gerissen.

 
Der Postillion

Lieblich war die Maiennacht,
Silberwölklein flogen,
Ob der holden Frühlingspracht
Freudig hingezogen.

Schlummernd lagen Wies und Hain,
Jeder Pfad verlassen;
Niemand als der Mondenschein
Wachte auf der Straßen.

Leise nur das Lüftchen sprach,
Und es zog gelinder
Durch das stille Schlafgemach
All der Frühlingskinder.

Heimlich nur das Bächlein schlich,
Denn der Blüten Träume
Dufteten gar wonniglich
Durch die stillen Räume.

Rauher war mein Postillion,
Ließ die Geißel knallen,
Über Berg und Tal davon
Frisch sein Horn erschallen.

Und von flinken Rossen vier
Scholl der Hufe Schlagen,
Die durchs blühende Revier
Trabten mit Behagen.

Wald und Flur im schnellen Zug
Kaum gegrüßt – gemieden;
Und vorbei, wie Traumesflug,
Schwand der Dörfer Frieden.

Mitten in dem Maienglück
Lag ein Kirchhof innen,
Der den raschen Wanderblick
Hielt zu ernstem Sinnen.

Hingelehnt an Bergesrand
War die bleiche Mauer,
Und das Kreuzbild Gottes stand
Hoch, in stummer Trauer.

Schwager ritt auf seiner Bahn
Stiller jetzt und trüber;
Und die Rosse hielt er an,
Sah zum Kreuz hinüber:

»Halten muß hier Roß und Rad,
Mags euch nicht gefährden:
Drüben liegt mein Kamerad
In der kühlen Erden!

Ein gar herzlieber Gesell!
Herr, 's ist ewig schade!
Keiner blies das Horn so hell
Wie mein Kamerade!

Hier ich immer halten muß,
Dem dort unterm Rasen
Zum getreuen Brudergruß
Sein Leiblied zu blasen!«

Und dem Kirchhof sandt er zu
Frohe Wandersänge,
Daß es in die Grabesruh
Seinem Bruder dränge.

Und des Hornes heller Ton
Klang vom Berge wieder,
Ob der tote Postillion
Stimmt' in seine Lieder. –

Weiter gings durch Feld und Hag
Mit verhängtem Zügel;
Lang mir noch im Ohre lag
Jener Klang vom Hügel.

(1833)

 

 
Abschied

Lied eines Auswandernden

Sei mir zum letztenmal gegrüßt,
Mein Vaterland, das, feige dumm,
Die Ferse dem Despoten küßt
Und seinem Wink gehorchet stumm.

Wohl schlief das Kind in deinem Arm,
Du gabst, was Knaben freuen kann;
Der Jüngling fand ein Liebchen warm;
Doch keine Freiheit fand der Mann.

Im Hochland streckt der Jäger sich
Zu Boden schnell, wenn Wildesschar
Heran sich stürzet fürchterlich;
Dann schnaubt vorüber die Gefahr:

Mein Vaterland, so sinkst du hin,
Rauscht deines Herrschers Tritt heran,
Und lässest ihn vorüberziehn
Und hältst den bangen Atem an. –

Fleug, Schiff, wie Wolken durch die Luft,
Hin, wo die Götterflamme brennt!
Meer, spüle mir hinweg die Kluft,
Die von der Freiheit noch mich trennt!

Du neue Welt, du freie Welt,
An deren blütenreichem Strand
Die Flut der Tyrannei zerschellt,
Ich grüße dich, mein Vaterland!

(1832)

 

 

     

GOWEBCounter by INLINE

Besucher seit dem 19.01.2001

        

up