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Georg Christoph Lichtenberg
 
Lebensdaten
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Lichtenberg-Texte im Netz


* 1. Juli 1742 Oberramstadt b. Darmstadt

+ 24. Februar 1799 Göttingen (Lungeninsuffienz)

Grabstätte: Göttingen, Friedhof St. Bartholomäus

  

  

        

Physiker, Philosoph, Publizist, Satiriker, Aphoristiker, Kunstkritiker.
Unter den Zeitgenossen anerkannt und gefürchtet als scharfzüngiger Satiriker, im 19. Jh. geschätzt durch seine Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche. Heute berühmt als Klassiker des deutschen Briefs (1600 von insges. ca. 8000 Briefen sind erhalten) und als Begründer des deutschen Aphorismus: Die postum veröffentlichten Aphorismen und Sentenzen aus den von ihm so genannten "Sudelbüchern" (Notizbüchern mit vermischten Gedanken, Exzerpten und Lesefrüchten aus 35 Jahren) hatten großen Einfluss auf Denker wie Schopenhauer, Nietzsche oder Kierkegaard.

     

Siebzehntes und jüngstes Kind des Pastors und späteren Superintendenten von Hessen-Darmstadt Johann Conrad Lichtenberg (1689-1751) und seiner Frau Henrike Catharine, geb. Eckhard (1696-1764). Von Geburt an von schwächlicher Konstitution, körperlich zurückgeblieben (als Erwachsener ca. 1,45 m groß) und infolge von Rachitis bucklig; dadurch sein Leben lang gesundheitlich beeinträchtigt (Asthma). Sein Handicap fördert eine bis zur Hypochondrie gesteigerte Selbstanalyse und scharfe Menschenbeobachtung. In seinen Veröffentlichungen aufklärerisches Eintreten gegen Aberglauben und religiöse Intoleranz, gegen die Gefühlsduselei der Empfindsamkeit, den Geniekult des Sturm und Drangs und - wohl auch durch seine persönliche Behinderung motiviert - Lavaters Physiognomielehre.

      

1780-82

Eheähnliche Gemeinschaft mit Dorothea Maria Stechard (1765-1782)

1783

Eheähnliche Gemeinschaft mit Margarete Elisabeth Kellner (1759-1848); Kinder: Karl Gottlieb (*+1784), Georg Christoph (1786-1845), Christian Friedrich (*1787), Luise (1789-1819)

1789

Eheschließung mit Margarete Elisabeth Kellner; eheliche Kinder: Wilhelm Christian (1791-1860), Agnes Wilhelmine (1793-1820), Auguste Friederike (1795-1837), August Heinrich ("Henri", 1797-1839)


Wichtige Lebensdaten:

1745

Juli: Übersiedlung der Familie nach Darmstadt, wo der Vater Stadtpfarrer wird.

1749

Ernennung des Vaters zum Superintendenten.

1751

Juli: Tod des Vaters.

1752-61

Besuch des Darmstädter Pädagogiums.

1763-67

Studium der Mathematik, Astronomie und Naturgeschichte an der Universität Göttingen. Besuch von Vorlesungen in Architektur, Ästhetik, Literatur, Philosophie und Geschichte.

1764

Juni: Tod der Mutter. Beginn der Sudelbuch-Aufzeichnungen.

1767

Harz-Reise; Aug.: Ernennung zum Professor der Mathematik und Lehrer der englischen Sprache an der Universität Gießen. L. tritt die Stelle nicht an, sondern bleibt als Hofmeister englischer Studenten in Göttingen.

1768

Freundschaft mit dem Verleger Johann Christian Dieterich, in dessen Haus L. bis zu seinem Tod wohnt.

1769

Freundschaft mit dem Lyriker Christian Boie.

1770

März-Mai: Auf Einladung eines Zöglings 1. England-Reise (London, Richmond); Ernennung zum außerordentlichen Professor für Experimentalphysik an der Universität Göttingen. Antrittsvorlesung: Betrachtungen über einige Methoden, eine gewisse Schwierigkeit in der Berechnung der Wahrscheinlichkeit beim Spiel zu heben.

1771

Jan.: Reise nach Gotha; Besuch des Lyrikers Johann Wilhelm Ludwig Gleim bei L.

1772

Febr.: Reise nach Gotha.

1772-73

Im Auftrag des englischen Königs Reisen zur astronomischen Ortsbestimmung nach Hannover, Osnabrück und Stade; während eines Aufenthalts in Hamburg Bekanntschaft mit Klopstock.

1773

Sommer. Reise nach Helgoland.

1774

Ernennung zum außerordentlichen Mitglied der Göttinger Königlichen Sozietät der Wissenschaften.

1774-75

2. Reise nach England; in London Begegnung mit Reinhold und Georg Forster. Ernennung zum Ordinarius.

1775

Ernennung zum ordentlichen Professor für Naturwissenschaften an der Universität Göttingen; Dez.: Wiederankunft in Göttingen.

1777

Febr.: Entdeckung der später nach ihm benannten "Lichtenbergschen elektrischen Figuren". Mai: Bekanntschaft mit dem zwölfjährigen Blumenmädchen Maria Dorothea Stechard.

1777-1799

Herausgeber des Göttinger Taschen-Kalenders.

1778

Sommer: Reise nach Helgoland und Hamburg. Dez.: Besuch Georg Forsters bei L.

1780

Ostern: Maria Dorothea Stechard zieht bei L. ein. Montage des ersten Blitzableiters in Göttingen Lichtenbergs Haus.

1780-85

Herausgeber des Göttingischen Magazins der Wissenschaften und Litteratur (zusammen mit G. Forster)

1781

Herzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach besucht L.

1782

Tod Maria Dorothea Stechards.

1782-84

Experimente mit Gasballons.

1783

Margarete Elisabeth Kellner tritt ihren Dienst als Hausangestellte bei L. an; Sept.: Goethe zu Besuch bei L.

1784

Besuch von Volta bei L.

1785

Zusammen mit Volta Experimente zur Luftelektrizität.

1786

Besuch Johann Kaspar Lavaters bei L.

1788

Ernennung zum Hofrat.

1789

Heirat; Asthmakrankheit als Folge der durch den Buckel verursachten Lungenschwäche verstärkt sich. Tagebuchführung bis zum Tod.

1790

Der Philosoph und Theologe Franz von Baader besucht L.

1792-96

Korrespondenz mit Goethe.

1793

Ernennung zum Mitglied der Royal Society of Improving Natural Knowledge in London.

1795

Ablehnung einer Berufung an die Universität Leiden. Wahl zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.

1797

Aus gesundheitlichen Gründen Ablehnung von Cottas Einladung zur Mitarbeit am Musenalmanach.


Werke:
(e = entstanden)

Notizhefte ("Sudelbücher")

1764-70 e

Sudelbuch A

1765-72 e

Füllhorn der Amalthea

1768-71 e

Sudelbuch B

1772-73 e

Sudelbuch C

1773-75 e

Sudelbuch D

1775-76 e

Sudelbuch E

1776-79 e

Sudelbuch F

1779-83 e

Sudelbuch G

1784-88 e

Sudelbuch H

1789-93 e

Sudelbuch J

1793-96 e

Sudelbuch K

1796-99 e

Sudelbuch L

Aufsätze, Satiren u. Streitschriften

1766

Von dem Nutzen, den die Mathematik einem Bel Esprit bringen kann

1773

Patriotischer Beytrag zur Methyologie der Deutschen (anonym; satirisches Verzeichnis der "Redensarten, womit die Deutschen die Trunkenheit einer Person andeuten")

1773

Timorus, das ist Vertheidigung zweyer Israeliten, die durch die Kräftigkeit der Lavaterischen Beweisgründe und der Göttingischen Mettwürste bewogen den wahren Glauben angenommen haben (u. d. Pseudonym Conrad Photorin; gegen Johann Caspar Lavater, der Mendelssohn aufgefordert hatte zu konvertieren)

1774 e

Parakletor (gegen Genie-Kult)

1776

Epistel an Tobias Göbhard in Bamberg über eine auf Johann Christian Dieterich in Göttingen bekannt gemachte Schmähschrift (u. d. Pseudonym Friedrich Eckard)

1776/78

Briefe aus England

1777

Ueber Physiognomik wider die Physiognomen. Zur Beförderung der Menschenliebe und Menschenkenntniß (gegen Lavater)

1778

Neueste Versuche zur Bestimmung der zweckmäßigsten Form der Gewitterstangen

1779

Neueste Geschichte der Blitzableiter

1780

Gnädigstes Sendschreiben der Erde an den Mond

1781

Über die Pronunciation der Schöpse des alten Griechenlands verglichen mit der Pronunciation ihrer neuern Brüder an der Elbe: oder über Beh, Beh und Bäh, Bäh. Eine litterarische Untersuchung von dem Concipienten des Sendschreibens an den Mond (gegen Johann Heinrich Voß, der die Transkription des gr. Eta als "ä" durchsetzen wollte)

1782

Über Herrn Vossens Vertheidigung gegen mich im März/Lenzmonat des deutschen Museums 1782

1783

Fragmente von Schwänzen. Ein Beytrag zu den Physiognomischen Fragmenten.

1791

Amintors Morgen-Andacht (anonym)

1794

Ein Traum (anonym)

1794-1799

Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche (5 Bde.)

1797

Dornenstücke. Nebst einem Memento mori für die Verfasser der Xenien (u .d. Pseudonym Paul Ehrenpreis)

1844 (1777 e)

Über die Macht der Liebe

Werkausgaben

1800-06

Vermischte Schriften, hg. v. Ludwig Chr. Lichtenberg u. Friedrich Kries, Göttingen: Dieterich (9 Bde.)

1844-47

Vermischte Schriften. Neue vollst. Ausgabe, hg. v. Ludwig Chr. Lichtenberg u. Friedrich Kries, Göttingen: Dieterich (8 Bde.)

1899

Aus dem Nachlaß. Aufsätze, Gedichte, Tagebuchblätter, Briefe, hg. v. Albert Leitzmann, Weimar: Böhlau

1902-08

Aphorismen, hg. v. Albert Leitzmann, Berlin: Behr (5 Bde.; später auf 14 Bde. erw.)

1939

Aphorismen, Briefe, Schriften, hg. v. P. Requadt, Stuttgart: Kröner

1949

Gesammelte Werke, hg. v. Wilhelm Grenzmann, Frankfurt/M.: Holle (3 Bde.)

1967-72

Schriften und Briefe, hg. v. Wolfgang Promies, München: Hanser (6 Bde.)

   

Lichtenberg-Gesellschaft


                 

 
Es wäre der Mühe wert, zu untersuchen, ob es nicht schädlich ist zu sehr an der Kinderzucht zu polieren. Wir kennen den Menschen noch nicht genug um dem Zufall, wenn ich so reden darf, diese Verrichtung ganz abzunehmen. Ich glaube, wenn unsern Pädagogen ihre Absicht gelingt, ich meine, wenn sie es dahin bringen können, daß sich die Kinder ganz unter ihrem Einfluß bilden, so werden wir keinen einzigen recht großen Mann mehr bekommen. Das Brauchbarste in unserem Leben hat uns gemeiniglich niemand gelehrt. Auf öffentlichen Schulen, wo viel Kinder nicht allein zusammen lernen, sondern auch Mutwillen treiben, werden freilich nicht so viel fromme Schlafmützen gezogen, mancher geht ganz verloren, den meisten sieht man aber ihre Überlegenheit an. Bewahre Gott, daß der Mensch, dessen Lehrmeisterin die ganze Natur ist, ein Wachsklumpen werden soll, worin ein Professor sein erhabnes Bildnis abdruckt.

(Sudelbücher, Heft F, 38)

Grabschrift auf Herrn B.

Hier liegt
und rezitiert nicht mehr,
das ist
hier liegt begraben
J. Christoph B...
trotz seines patriotischen Sinnes
mehr eine Anthologie der Deutschen,
als ein Deutscher.
Sein ganzes Leben
war ein Sinngedicht,
denn
Er brachte den klügsten Einfall den
er jemals hatte
ans Ende,
Er starb.
Doch Nein,
er ward vielmehr vergriffen
und wir zweifeln nicht
daß
Er an jenem Tage auf besseres Papier
wieder aufgelegt werden wird.

(Sudelbücher, Heft B, 400)

 

       

     

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