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Detlev von Liliencron

eigentl.: Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron

LebensdatenWerk

Liliencron-Texte im Netz



* 3. Juni 1844
Kiel
(damals dänisch)

+ 22. Juli 1909 Alt-Rahlstedt/Hamburg (Lungenentzündung)

Grabstätte: Alt-Rahlstedt, Evangelischer Friedhof

 

 

  

                

Lyriker, Erzähler, Dramatiker. Neuerer und Vorbereiter; beeinflusst mit seinen Gedichten die Entwicklung der modernen Lyrik um 1900. Lässt sich kaum einer bestimmten literarischen Strömung zuordnen: naturalistische wie impressionistische und symbolistische Tendenzen. Die Adjutantenritte machen ihn zum Idol der Naturalisten, deren sozialrevolutionärer Zug aber völlig fehlt. Daneben Einfluss auf die jungen Rilke und Hofmannsthal. Frische, sinnlich-subjektive, realistisch-unmittelbare Bildlichkeit, gleichsam pointillistischer, reduzierter und skizzenhafter Stil. Themen wie Natur, Liebe, Vergänglichkeit und Tod ("acherontisches Frösteln"); mit den Themenbereichen Großstadt und Krieg weist L. auf den Expressionismus voraus.  Bei aller scheinbaren Ungezwungenheit ist L. auch ein Meister der Form. Zahlreiche Gedichte wurden vertont (Brahms, Pfitzner, Reger, Strauss). Lesenswert sind - im Gegensatz zu den Dramen - auch noch viele der Novellen.

                 

Aus verarmtem Kleinadel. Künstlername "Detlev" nach einem Vorfahren, für den mit dem Adelstitel noch Vermögen und Ansehen verbunden waren. Sohn des Zollverwalters Louis Ernst Freiherr von Liliencron (1802-1892) und seiner Ehefrau, der amerikanischen Generalstochter Adeline Sylvestra, geb. von Harten (1808-1872). Die Schwester Emma (+1857) stirbt früh bei einem tragischen Unfall. Von Kindheit an Wunsch, Soldat zu werden.  In der ersten Lebenshälfte kastentypisches Leben eines wilhelminischen Offiziers ohne Vermögen: Spielschulden, Weibergeschichten. Auswanderung nach Amerika; nach der schnellen Rückkehr kleiner preußischer Verwaltungsbeamter. Mehrere Verlobungen, drei Ehen. Immer unbürgerlicher Außenseiter mit junkerhafter Attitüde. Kommt spät zum Schreiben. Schiebt den größten Teil seines Lebens einen Schuldenberg vor sich her. Wohlsituiert erst in den letzten Lebensjahren, als er zum vaterländischen Klassiker wird (Kaiser Wilhelm II.: "gottbegnadeter Dichter"). Politisch konservativ.

       

1878-1885

Erste Ehe mit der Offizierstochter Helene von Bodenhausen (1854-1932; 1871 Verlobung, 1872 Lösung der Verlobung; 1877 zweite Verlobung; 1879 Trennung; 1885 Scheidung).

1887-1892

Zweite Ehe mit der Gastwirtstochter Augusta Brandt (+1904); Scheidung.

1899

Dritte Ehe mit der Großbauerntochter Anna Michael (1866-1945); zwei Kinder.

Ehrung:

1909

Ehrendoktorwürde der Universität Kiel


Wichtige Lebensdaten:

1851

Privatschule und Hausunterricht.

1854

Kieler Gelehrtenschule (Gymnasium). Mittelmäßiger Schüler, Interesse an Geschichte.

1857

Tod der Lieblingsschwester Emma (Arterienverletzung durch den Flügelschlag eines gereizten Schwans bei einem Besuch im Kloster Itzehoe).

1861

Realschule in Erfurt.

1862

Schulabgang ein Jahr vor dem Abitur. Privatunterricht, um als Offiziersanwärter in den preußischen Dienst eintreten zu können.

1863

Aufnahme in das preußische Heer. Der Wunsch, Reiteroffizier zu werden, ist aus finanziellen Gründen nicht erfüllbar; stattdessen Fahnenjunker beim Westfälischen Füsilierregiment Nr. 37. Kriegsschule in Engers am Rhein.

1864-65

Versetzung in die Provinz Posen; Einsatz gegen die aufständischen Polen.

1865

Beförderung zum Sekondeleutnant.

1866

Verwundung im Preußisch-Österreichischen Krieg. Nach Kriegsende Stationierung in Mainz. Freundschaft mit dem Offizier Ernst von Seckendorff. Liebe zu Anna Gottesleben, der Tochter eines Druckereibesitzers. Heiratsantrag wird vom Vater Annas abgewiesen, der seine Tochter niemals einem Soldaten oder Protestanten geben will.

1869

Abkommandierung zum Lehr-Infanteriebataillon nach Potsdam. Finanzielle Schwierigkeiten (Spielleidenschaft), Unterstützung durch den Vater.

1870

Verwundung im Deutsch-Französischen Krieg.

1871

Adjutant und Meldereiter. Eisernes Kreuz II. Klasse.
Nach Kriegsende in Köthen, um seine Verwundung auszukurieren. Leidenschaftliche Liebe zu Helene von Bodenhausen (Tochter eines Oberstleutnants a.D.). Abschied vom Heer wegen Spielschulden.

1872

Tod der Mutter. Lösung des Verlöbnisses mit Helene. Nach Begleichung der Schulden Wiedereinstellung: Premierleutnant im 7. Pommerschen Infanterieregiment Nr. 54.

1873

Nachricht von der Verlobung Helenes mit einem anderen; erneute Spielschulden. Verlobung mit einer Gutsbesitzertochter aus Pommern geht in die Brüche, als ihr Vater von den Schulden erfährt.

1875

Endgültiger Abschied von der Armee (ohne Pension), um nach Amerika auszuwandern.

1875-76

Über die Lebensumstände in Philadelphia, Chicago, Texas, New York ist wenig bekannt. Lebensunterhalt als Pferdezureiter, Sprach- und Klavierlehrer, Anstreicher, Kneipenpianist.

1877

Über Liverpool Rückkehr nach Deutschland; Wohnsitz in Hamburg. Auf Initiative des Vaters Bewilligung eines Ruhegehalts plus Verwundetenzulage; Erlaubnis zum Tragen der Armeeuniform.
Zweite Verlobung mit Helene von Bodenhausen. Beschluss, Musiklehrer zu werden. Erste schriftstellerische Tätigkeit. Briefkontakt zu Storm und Geibel.

1878

Heirat mit Helene. Verpfändung des Ruhegehalts.

1879

Übersiedlung in den Badeort Borby an der Ostsee. Helene geht zu ihrer Mutter nach Görlitz zurück.

1881

Stellvertretender Hardesvogt in Flensburg (ohne feste Anstellung). Versetzung zum Landratsamt Plön. Erste Veröffentlichung in den Münchener Fliegenden Blättern: das Gedicht Die Musik kommt.

1882

Hardesvogt der Insel Pellworm. Beförderung zum Reservehauptmann der Landwehr.

1883

Kirchspielvogt in Kellinghusen. Schlagartig berühmt durch die Adjutantenritte.

1885

Scheidung. Zwangsvollstreckung auf die Dienstbezüge; Ausscheiden aus dem Amt.

1887

Zweite Ehe mit seiner Haushälterin Augusta Brandt. Drückende Schuldenlast.

1890

Aufenthalt in München; Bekanntschaft mit Otto Julius Bierbaum und Hugo Wolf.

1891

Gründung der Gesellschaft für modernes Leben (u.a. Bierbaum). Nach der Rückkehr aus München Übersiedlung nach Hamburg-Ottensen.

1892

Zweite Scheidung. Übersiedlung Augustas in die USA. Wohnung in Altona (Palmaille 5).
Mitbegründer der Literarischen Gesellschaft (u.a. Otto Ernst, Gustav Falke). Beginn der Freundschaft mit Richard Dehmel.

1895

Freundschaft mit der Schriftstellerin Anna von Krane.

1897

Öffentliche Sammlung für L. Ehrengaben zweier Stiftungen. Vortragsreisen nach Düsseldorf, Leipzig, Prag, Königsberg, Münster.

1899

Dritte Eheschließung.

1900

In Weimar Gast von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster; Kontakt mit der Hofgesellschaft.

1901

Übersiedlung nach Alt-Rahlstedt bei Hamburg. Jährliches Ehrengehalt von 2000 Mark durch Kaiser Wilhelm II.

1904

Öffentliche Feiern aus Anlass des 60. Geburtstags.

1909

Reise mit der Familie zu den Schlachtfeldern des Krieges von 1870/71, bei der L. sich die tödliche Lungenentzündung zuzieht.


Werke:
(e = entstanden; a = uraufgeführt in)

Gedichte

1881

Die Musik kommt (von Oscar Straus vertont)

1883

Adjutantenritte und andere Gedichte

1889

Gedichte

1890

Der Haidegänger und andere Gedichte (mit einer Prosaskizze)

1893

Neue Gedichte

1897

Kampf und Spiele (Slg.)
Kämpfe und Ziele (Slg.)

1897/1900

Gesammelte Gedichte (3 Bde.):

  • Kämpfe und Spiele (1897)

  • Kämpfe und Ziele (1897)

  • Nebel und Sonne (1900)

1900

Nebel und Sonne (Slg. = Neue Gedichte, 1893)

1903

Bunte Beute (Slg.)

1908

Balladenchronik (Slg.; u.a. Pidder Lüng, Trutz blanke Hans, Blitzzug)

1909

Gute Nacht. Hinterlassene Gedichte

Erzählungen

1886

Eine Sommerschlacht (Slg.)

1888

Unter flatternden Fahnen. Militärische und andere Erzählungen

1891

Krieg und Frieden. Novellen

1895

Kriegsnovellen:

  • Verloren

  • Adjutantenritte

  • Eine Sommerschlacht

  • Unter flatternden Fahnen

  • Der Narr

  • Nächtlicher Angriff

  • Portepeefähnrich Schadius

  • Der Richtungspunkt

  • Das Wärterhäuschen

  • Umzingelt

1900

Könige und Bauern:

  • Zwei Runensteine

  • Die Könige von Norderoog und Süderoog

  • Die Dithmarschen

  • Die Mergelgrube

  • Auf der Seehundjagd

  • Das Richtschwert aus Damaskus

  • Geert der Große von Holstein

  • Greggert Meinstorff

1900

Roggen und Weizen:

  • Auf meinem Gute

  • Märztage auf dem Lande

  • Auf der Hühnerjagd

  • Das Muttermal

  • H. W. Jantzen Wwe.

  • Der Buchenwald

  • Ick hev di lev

  • Der Dichter

  • Sommermittagsspuk

  • Der Töpfer

  • Auf der Austernfischerjagd

  • Die dicke Lise

  • Der zinnerne Krug

1901

Aus Marsch und Geest:

  • Die Schnecke

  • Der letzte Gruß

  • Das Richtschwert aus Damaskus

  • Die vergessene Hortensie

  • Auf der Marschinsel

  • Auf der Seehundjagd

  • Das Abenteuer des Majors Glöckchen

1903

Umzingelt
Der Richtungspunkt

1904

Das Abenteuer des Majors Glöckchen und andere Novellen
Greggert Meinstorff und andere Novellen

1909

Letzte Ernte. Hinterlassene Novellen:

  • Eine Soldatenphantasie (1872 e)

  • Der Blanke Hans

  • Das Muttermal

  • Vor Tagesanbruch

  • Der gelbe Kasten

  • Das Ehepaar Quint

  • Der alte Wachtmeister

Romane

1887

Breide Hummelsbüttel

1889

Der Mäcen (2 Bde.)

1899

Mit dem linken Ellbogen

1908

Leben und Lüge. Biographischer Roman

Epos

1896 (ab 1879 e)

Poggfred. Kunterbuntes Epos in zwölf Cantussen

1904, 1908

Poggfred (erweit.: 24, 29 Cantusse)

Dramen

1885 (a Altenburg)

Knut der Herr (histor. Drama)

1886 (a 1908 Berlin)

Die Rantzow und die Pogwisch (histor. Drama)

1886
(a 1893 München)

Der Trifels und Palermo. Trauerspiel

1887 (a Leipzig)

Arbeit adelt. Genrebild

1888 (1908 a Kiel)

Die Merowinger. Tragödie

1904 (1884 e)

Pokahontas. Drama aus den Kolonien

Schriften

1898

Up ewig ungedeeld. Die Erhebung Schleswig-Holsteins im Jahre 1848

Werkausgaben

1896-1900

Sämtliche Werke, Berlin: Schuster & Loeffler (9 Bde.)

1904-08

Sämtliche Werke, hg. v. Richard Dehmel, Berlin: Schuster& Loeffler (15 Bde.)

1911/12

Gesammelte Werke, hg. v. Richard Dehmel, Berlin: Schuster & Loeffler (8 Bde.)

1977

Werke, hg. v. Benno von Wiese, Frankfurt/M.: Insel (2 Bde.)


  

Märztag

Wolkenschatten fliehen über Felder,
Blau umdunstet stehen ferne Wälder.

   

Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
Kommen schreiend an in Wanderzügen.

   

Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen,
Überall ein erstes Frühlingslärmen.

   

Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.

  

Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
Wollt' es halten, mußt' es schwimmen lassen.

   
(1903)

Siegesfest

Flatternde Fahnen
Und frohes Gedränge.
Fliegende Kränze
Und Siegesgesänge.

    

Schweigende Gräber
Verödung und Grauen.
Welkende Kränze
Verlassene Frauen.

     

Heißes Umarmen
Nach schmerzlichem Sehnen.
Brechende Herzen,
Gestorbene Tränen.

   

(1883)

  

  

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