Otto Ludwig
Lebensdaten Werk


*12. Februar 1813 Eisfeld an der Werra (Herzogtum Hildburghausen; 1826 an Sachsen-Meiningen)

+25. Februar 1865 Dresden (Nervenfieber)

Grabstätte: Dresden, Trinitatis-Friedhof

Drittes Kind des Stadtsyndikus und herzoglichen Advokaten Ernst Friedrich Ludwig (1779-1825) und seiner Ehefrau Sophie Christiane, geb. Otto (+1831). Ältere Geschwister früh gestorben. Früh Vollwaise. Ständig kränkelnd und depressiv.

1852

Heirat mit Emilie Winkler. Kinder: Otto (*1852), Reinhold (*1854), Alma (*1856), Cordelia (*1858)

Erzähler, Dramatiker, Literaturtheoretiker.
Theoretischer Begründer des "poetischen Realismus" (exakte Wirklichkeitsbeobachtung, aber "poetische" Verklärung unter Ausklammerung der hässlichen Seite der Realität). Obwohl Ludwig (schrankenloser Bewunderer des "Realisten" Shakespeare und Kritiker des "Idealisten" Schiller) sich selbst in erster Linie als Dramatiker sieht, sind seine Erzählungen und romantheoretischen Studien von größerer Bedeutung. Seine Studie "Formen der Erzählung" steht am Anfang der theoretischen Auseinandersetzung mit "epischer" und "szenischer" Erzählweise und weist bereits auf die Bedeutung des Erzählerstandpunkts hin. In den Romanstudien fordert L. die strikte Unterscheidung der Gattungen Epik und Drama, was ihn aber nicht daran hindert, in seinem Hauptwerk, dem Roman Zwischen Himmel und Erde, Leitmotive und typische Mittel des modernen szenischen Erzählens wie inneren Monolog und erlebte Rede zu verwenden.

Auszeichnung

1861

Schillerpreis (für "Die Makkabäer")


wichtige Lebensdaten:

1824

Volksschule in Eisleben.

1825

Tod des Vaters.

1828

Gymnasium in Hildburghausen.

1829

Kaufmannslehre beim Onkel Christian Otto. Pflege der kranken Mutter. Nachts Musikstudien.

1831

Tod der Mutter. Aufnahme im Haus des Onkels.

1832

Lyceum in Saalfeld.

1833

Rückkehr nach Eisfeld. Wohnung im Gartenhaus des Vaters. Opernkompositionen.

1839

Herzogliches Stipendium: Musikstudium bei Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig.

1840

Krankheitsbedingte Aufgabe des Musikstudiums; Abwendung von der Musik. Erste Veröffentlichung (Das Hausgesinde); Hierauf zweites Stipendium (bis 1843). Herbst: Rückkehr nach Eisfeld.

1842

Bekanntschaft mit Heinrich Laube.

1843

Tod des Onkels Christian, der L. die Hälfte seines Vermögens vermacht.

1844

Übersiedlung nach Nieder-Garsebach bei Meissen im Triebischtal. Bekanntschaft mit Emilie Winkler.

1845

Bekanntschaft mit dem Sänger, Schauspieler, Theaterdirektor und Schriftsteller Eduard Devrient (1801--1877).

1850

Übersiedlung nach Dresden. Literarischer Durchbruch mit dem Erbförster; Bekanntschaft mit Gustav Freytag und Berthold Auerbach.

1852

Heirat.

1856

Stipendium von König Maximilian von Bayern.

1859

Finanzielle Unterstützung durch die Schillerstiftung.

1860

Intensive Beschäftigung mit Shakespeare und der Romantheorie. Chronisches Nervenfieber.

1865

L. stirbt verarmt in Dresden.


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung)

Roman

1856

Zwischen Himmel und Erde

Erzählungen

1840

Das Hausgesinde

1843

Die Emanzipation des Domestiken

1843 e
(1890)

Die wahrhaftige Geschichte von den drei Wünschen

1843 e
(1891)

Maria

1846

Die Buschnovelle

1855/56 e
(1857)

Aus dem Regen in die Traufe (= Widerspiel der "Heiterethei")

1855/56

Die Heiterethei. Eine Kleinstadtgeschichte

1857

Thüringer Naturen. Charakter- und Sittenbilder (Sgl.; Bd. I: Die Heiterethei und ihr Widerspiel)

Dramen

1842 e
(1961)

Der Engel von Augsburg (Agnes-Bernauer-Drama)

1843 e
(1870)

Hanns Frey (Lustspiel)

1844

Die Torgauer Heide

1845 e
(1870)

Die Rechte des Herzens (Tragödie)

1847 e
(1870)

Das Fräulein von Scuderi

1849 e
(1891)

Die Pfarrrose (sic!)

1850 a (Dresden)
(1853)

Der Erbförster (bürgerliches Trauerspiel)

1852 a (Wien)
(1854)

Die Makkabäer

1854

Otto Ludwigs dramatische Werke (Bd. I: Der Erbförster, Bd. II: Die Makkabäer)

Studien

1871

Shakespeare-Studien

1874

Romanstudien

Ausgaben (Auswahl)

1870

Gesammelte Werke, Berlin (5 Bde.)

1871/74

Nachlaßschriften, hg. v. Moritz Heydrich, Leipzig (2 Bde.)

1879

Gesammelte Werke, hg. v. Gustav Freytag, Berlin (4 Bde.)

1891

Gesammelte Schriften, hg. v. Adolf Stern u. Erich Schmidt, Leipzig (6 Bde.)

1912-22

Sämtliche Werke, hist.-krit. Ausgabe, hg. v. Paul Merker, München (6 Bde,)



Über den poetischen Realismus
Das Dargestellte soll nicht gemeine Wirklichkeit sein, jene falsche Illusion muß verhütet werden, die Schlegel das Alpdrücken der Phantasie nannte. Je mehr nun das Drama von der gemeinen Wirklichkeit durch Gedankenhaftigkeit und plastische Fülle des Ausdruckes abgeschlossen ist, desto mehr kann auch die Epitomierung1 wagen, desto idealer kann die Behandlung von Zeit und Raum werden. Da alle Wirkung aus dem innern Kerne des Stoffes hervorgehen muß, wird der eigentliche Schauplatz das Innere, die Region von Leidenschaft und Gewissen des oder der Helden, wo nur die innern Kräfte spielen nach dem Gesetze der Kausalität der vernünftigen und sinnlichen Natur des Menschen; wo der Zufall also ausgeschlossen ist, und kein wirklicher Raum, keine wirkliche Zeit mitspielt, d.h. wo nichts darauf ankommt. Nur muß premiert2 werden, daß diese Abwendung von der gemeinen Wirklichkeit, diese Erhebung über sie nicht etwa das Kolorit eines Transparents, wie bei Schiller, eine eintönige Feierlichkeit oder feierliche Eintönigkeit oder gar die Verzückung und den subjektiven Schwung lyrischer Rhetorik bedeuten soll. Weit entfernt davon! Ebensoweit als von der dünnen, haltungslosen Sprache der gemeinen Wirklichkeit. Wie die Fata Morgana soll die dramatische Diktion die gemeine Wirklichkeit, nur in einem ätherischen Medium spiegeln, die Mannigfaltigkeit der Linien, Tinten usw. durchaus nicht verwischen. Wie der Stoff vom Geiste gereinigt, wiedergeboren, geschwängert ist, so soll der Dialog vom Geiste wiedergebornes und geschwängertes Gespräch der Wirklichkeit sein. Nur was geistig ist, und zwar Ausdruck einer gewissen Idee am Stoffe, und zwar derjenigen, die als natürliche Seele in ihm wirkt und atmet, wird in das himmlische Jenseits der künstlerischen Behandlung aufgenommen; was bloßer Leib, zufällig Anhängendes ist, muß abfallen und verwesen. Soweit die Seele den Leib schafft, sozusagen, die bloße Form des Leibes steht verklärt auf aus dem Grabe. Diese Zauberwelt, dieser wahrere Schein der Wirklichkeit, ist nicht streng genug abzuschließen. Denn sowie ein bildloser Gedanke, ein ungedankenhaftes Gefühl, irgend ein unmittelbar wirklicher Laut in seinen Kreis sich eindrängt, ist die Harmonie des Zaubers aufgehoben. Aber wunderbar! Der Zauber schwindet nicht vor dem Wirklichen, umgekehrt; in der That ist es das Gesetz des Wirklichen, welches über dessen bloß zufällige Erscheinung siegt. - Die Kunst soll nicht verarmte Wirklichkeit sein, vielmehr bereicherte; nicht weniger Reize soll sie bewahren, sie soll neue hinzuerhalten durch das Medium des phantasieentquollenen Gedankens, alle die, welche aus dem gedankenhaft bezüglichen Neben- und Ineinander der beiden Welten des Ernsten und des Komischen hervorgehen. Sie soll nicht eine halbe, sondern eine ganze Welt sein.

1 (gr.) verkürzende Darstellung
2
(lat.) verlangt

  

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