Autoren | Epochen
 

Conrad Ferdinand Meyer
 

eigentl. Conrad Meyer, 1867 Übernahme des väterlichen Namens Ferdinand
 
Lebensdaten | Werk


* 11. Oktober 1825 Zürich (Stampfenbach)

+ 28. November 1898 Kilchberg bei Zürich (Herzschlag)

Grabstätte: Kilchberg, Bergfriedhof; beim Chor der Kirche

 

 
  

  

Einer der drei großen Schweizer Dichter des 19. Jhs.; unter den bürgerlichen Realisten neben Storm der einzige, dessen Werk nicht nur episch, sondern auch lyrisch ausgerichtet ist. Absoluter Formwille ("genug ist nicht genug"). Kompensation der eigenen Lebensproblematik durch Ausweichen in die Historie ("Eigenwelt" - "Sehnsuchtswelt": dualistische Figurenkonstellation, antithetische Struktur seiner Erzählungen).

                
Aus alter calvinistischer, wohlhabender Züricher Patrizierfamilie; Sohn des früh verstorbenen Juristen und Regierungsrates Ferdinand Meyer (1799-1840) und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Ulrich (1802-1856). Veranlagung zu nervöser Reizbarkeit und zur Schwermut (Erbteil der geistvollen, aber unduldsam frommen Mutter). Inniges Verhältnis zur Schwester Elisabeth ("Betsy"; 1831-1912); Leiden unter der Intoleranz der Mutter; nach deren Tod (Suizid) finanziell unabhängig.
Lebensschwäche, Ungenügen an sich selbst, Leiden unter der langjährigen Erfolglosigkeit in der bürgerlichen Umgebung. Spät (1864) die erste Veröffentlichung; Durchbruch als Dichter mit 45 Jahren.
 

1875

Heirat mit Luise Ziegler (1837-1915; Tochter eines Obersten und Zürcher Regierungsrats); Tochter: Camilla (1879-1936)

Ehrungen:

1880

Ehrendoktor der Zürcher Universität

1888

Bayerischer Maximiliansorden


Wichtige Lebensdaten:

1829

Wahl des Vaters in den Großen Rat des Kantons Zürich.

1830

Der Vater wird Regierungsrat.

1831

Eintritt in die Volksschule. Geburt der Schwester Betsy. Beginn der Freundschaft mit Johanna Spyri.

1832

Ausscheiden des Vaters aus der Regierung.

1837

Gymnasium in Zürich.

1840

Tod des Vaters.

1843

Reise nach Lausanne; Entschluss, Dichter zu werden.

1844

Reifeprüfung in Zürich; Jurastudium in Zürich ohne innere Neigung.

1845

Umzug mit Mutter und Schwester nach Stadelhofen. Liebe zu Marie Burckhardt.

1846-52

Jahre der Erstarrung ohne Lebensplan ("Ich lebte nicht. Ich war im Traum erstarrt"). Krise, ausgelöst durch Vischers Buch "Kritische Gänge" (Auseinandersetzung mit dem Romantizismus der Zeit und dem Pietismus): M.s Ideen von Dichtung stürzen "wie ein morsches Brettergerüst" zusammen; die Kluft, die ihn von der zur Wirklichkeitsbewältigung unfähigen Mutter trennt, wird deutlich; Gefühl der Verlassenheit, Selbstmordgedanken, psychischer und physischer Zusammenbruch.

1849

Bekanntschaft mit Bettino Ricasoli.

1852

Die Mutter weiß sich keine andere Hilfe mehr, als ihren Sohn mit seinem Einverständnis in die Irrenanstalt Préfargier bei Neuenburg einweisen zu lassen; fünf Monate Internierung als Anstaltsinsasse; Lebenswende: fatalistischer Zug, Hinwendung zum Christentum, aber auch Ehrgeiz etwas Besonderes zu werden. Neigung zur Oberschwester Cécile Borrel.

1853

Übersiedlung nach Neuenburg; März: Umzug nach Lausanne; beim Historiker Louis Vulliemin. Geschichtslehrer am Blinden-Institut. Liebe zu Alexandrine Marquis und Constance von Rodt. Dez.: Rückkehr nach Zürich.

1855

Übersetzung der "Récits des Temps Mérovingiens" von Augustine Thierry. Sekretär der Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz.

1856

Sept.: Die gemütskranke, an religiösem Verfolgungswahn leidende Mutter ertränkt sich.
Flucht nach Lausanne.

1857

Liebe zu Pauline Escher. Reisen nach Paris und München. Gemeinsames Leben der Geschwister.

1858

März - Juni: Italien-Reise mit Betsy (Rom, Florenz, Siena). Besuch bei Ricasoli.

1859

Arbeit als Übersetzer in Zürich. - Seelische Krise nach der abgelehnten Werbung um Clelia Weydmann (1837-1866).

1860

Übersiedlung nach Lausanne; Versuch, sich an der Universität zu habilitieren. Theologische Studien.

1861

Rückkehr nach Zürich.

1865

M. lernt seinen künftigen Verleger Hermann Haessel aus Leipzig kennen.

1866

Mehrmonatige Reise mit Betsy nach Graubünden und ins Veltlin.

1867

Annahme des Vaternamens als zweiten Vornamen, um Verwechslungen mit einem gleichnamigen Zürcher Schriftsteller zu vermeiden.

1868

Umzug in den "Seehof" zu Küsnacht. Erste Bekanntschaft mit der späteren Ehefrau Luise Ziegler.

1871

Winter: Reisen nach München; Verona, Venedig.

1872

März: Übersiedlung in den "Seehof" zu Meilen; Aufenthalt in Pontresina.

1873

Besuch bei Naville in Genf.

1875

5.10.: Heirat; Hochzeitsreise nach Südfrankreich und Korsika.

1876

Wohnung des Ehepaars in Wangensbach bei Küsnacht. Betsy zieht in die Toskana zu einer Freundin. - Beginn des Briefwechsels mit Keller.

1877

Kauf eines Bauernhauses in Kilchberg am Zürichsee.

1879

Geburt der Tochter Camilla.

1880

Reise nach Nürnberg, Dresden, Leipzig.

1881

Beginn des Briefwechsels mit Marie Luise von François.

1887

Schwere Krankheit (Halsentzündung): Erstickungsängste, Würgeschmerzen, Depressionen.

1888

Kur in Gottschalkenberg; Aufenthalt auf Schloss Steinegg.

1891

Augenleiden, überreizte Nerven infolge Überarbeitung; geistiger Zusammenbruch; Spannungen zwischen Frau und Schwester. 

1892

7.7.: Einweisung "mit seinem vollen Einverständnis" in die Irrenanstalt Königsfelden im Aargau; Diagnose: "senile Melancholie".

1893

Sept.: Rückkehr nach Kilchberg. Der Herrschaft seiner Frau ausgeliefert: Ende des Künstlers Meyer.


Werke:

(Z = Zeitschriftenveröffentlichung)

Gedichte

1864

Zwanzig Balladen von einem Schweizer (Neuaufl. 1867 u.d.T. Balladen; u.a. Die Füße im Feuer)

1870
(recte 1869)

Romanzen und Bilder 

1882

Gedichte (immer wieder überarbeitet; 5. Aufl. 1892; u.a. Der römische Brunnen, Zwei Segel; Im Spätboot) 

Verserzählungen

1871

Huttens letzte Tage. Eine Dichtung (Gedichtzyklus von  urspr. 54, dann 71 Gedichten in 8 Büchern; endgült. Fass. 1881) 

1872

Engelberg. Eine Dichtung

Novellen

1854-56 e

Clara

1873

Das Amulett 

1877

Der Schuß von der Kanzel 

1879 Z
1880

Der Heilige 

1881 Z
1882

Plautus im Nonnenkloster (Z: u.d.T. Das Brigittchen von Trogen)

1882

Gustav Adolfs Page (Z: u.d.T. Page Leubelfing) 

1883

Das Leiden eines Knaben  (Z: u.d.T. Julian Boufflers. Das Leiden eines Knaben)

1884

Die Hochzeit des Mönchs 

1885

Die Richterin 

1887

Die Versuchung des Pescara 

1891

Angela Borgia

Roman

1874 Z
1876

Georg Jenatsch. Eine alte Bündnergeschichte (erw. 2. Aufl. 1878; 3. Aufl. 1882: Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte)

Übersetzungen

1855

A. Thierry: Erzählungen aus den merovingischen Zeiten (2 Teile; anonym)

1865

E. Naville: Der himmlische Vater

Werkausgaben

1916

Unvollendete Prosadichtungen, hg. v. a. Frey, Leipzig: Haessel (2 Teile)

1928

Sämtliche Werke, hg. v. R. Faesi, Berlin: Knaur (4 Bde. in 2)

1929

Sämtliche Werke, hg. v. W. Linden, Berlin: Bong (6 Teile, 3 Bde.)

1946

Sämtliche Werke, hg. v. Gustav. Steiner, Basel: Birkhäuser (4 Bde.)

1958-98

Sämtliche Werke. Hist.-krit. Ausgabe, hg. v. H. Zeller u. A. Zäch, Bern: Benteli (15 Bde.)

1968

Sämtliche Werke, hg. v. Erwin Laaths, München: Winkler (2 Bde.)

        

Conrad-Ferdinand-Meyer-Gesellschaft e.V.


                  


Der römische Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
     Und strömt und ruht.
(letzte Fassung 1882)

              

Im Spätboot

Aus der Schiffsbank mach ich meinen Pfühl.

Endlich wird die heiße Stirne kühl!

O wie süß erkaltet mir das Herz!

O wie weich verstummen Lust und Schmerz!

Über mir des Rohres schwarzer Rauch

Wiegt und biegt sich in des Windes Hauch.

Hüben hier und wieder drüben dort

Hält das Boot an manchem kleinen Port:

Bei der Schiffslaterne kargem Schein

Steigt ein Schatten aus und niemand ein.

Nur der Steurer noch, der wacht und steht!

Nur der Wind, der mir im Haare weht,

Schmerz und Lust erleiden sanften Tod:

Einen Schlummrer trägt das dunkle Boot.

(1882)

 


Auf dem Canal grande
Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.
   

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.
   

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.
  

Eine kurze kleine Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

(1889)

 

       

      

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