Conrad Ferdinand Meyer
eigentl. Conrad Meyer, 1865 Übernahme des väterlichen Namens Ferdinand
Lebensdaten Werk


*11. Oktober 1825 Zürich (Stampfenbach)

+28. November 1898 Kilchberg bei Zürich (Herzschlag)

begraben: Kilchberg, Bergfriedhof, beim Chor der Kirche


(1871)

Aus alter calvinistischer, wohlhabender Züricher Patrizierfamilie; Sohn des früh verstorbenen Regierungsrates Ferdinand Meyer (1799-1840) und seiner Ehefrau Elisabeth Meyer, geb. Ulrich (1802-1856). Veranlagung zur nervösen Reizbarkeit und zur Schwermut (Erbteil der geistvollen, aber unduldsam frommen Mutter). Inniges Verhältnis zur Schwester Elisabeth ("Betsy"; 1831-1912); Leiden unter der Intoleranz der Mutter; nach deren Tod (Suizid) finanziell unabhängig.
Lebensschwäche, Ungenügen an sich selbst, Leiden unter der langjährigen Erfolglosigkeit in der bürgerlichen Umgebung. Erst 1864 erste Veröffentlichung; Durchbruch als Dichter mit 45 Jahren.

1875

Heirat mit Luise Ziegler (1837-1915; Tochter eines Zürcher Regierungsrats); Tochter: Camilla (1879-1936)

Einer der drei großen Schweizer Dichter des 19. Jhs.; unter den bürgerlichen Realisten neben Storm der einzige, dessen Werk nicht nur episch, sondern auch lyrisch ausgerichtet ist. Absoluter Formwille ("genug ist nicht genug"). Kompensation der eigenen Lebensproblematik durch Ausweichen in die Historie ("Eigenwelt" - "Sehnsuchtswelt": dualistische Figurenkonstellation, antithetische Struktur seiner Erzählungen).

Ehrungen:

1880

Ehrendoktor der Zürcher Universität

1888

Bayerischer Maximiliansorden


wichtige Lebensdaten:

1831

Eintritt in die Volksschule. Geburt der Schwester Betsy. Beginn der Freundschaft mit Johanna Spyri.

1837

Gymnasium.

1840

Tod des Vaters .

1843

Reise nach Lausanne; Entschluss, Dichter zu werden.

1844

Jurastudium in Zürich ohne innere Neigung.

1845

Umzug nach Stadelhofen. Liebe zu Marie Burckhardt.

1846-52

Jahre der Erstarrung ohne Lebensplan ("Ich lebte nicht. Ich war im Traum erstarrt"). Krise, ausgelöst durch Vischers Buch "Kritische Gänge" (Auseinandersetzung mit dem Romantizismus der Zeit und dem Pietismus: M.s Ideen von Dichtung stürzen "wie ein morsches Brettergerüst" zusammen; die Kluft, die ihn von der zur Wirklichkeitsbewältigung unfähigen Mutter trennt, wird deutlich; Gefühl der Verlassenheit, Selbstmordgedanken, psychischer und physischer Zusammenbruch.

1849

Bekanntschaft mit Bettino Ricasoli.

1852

Die Mutter weiß sich keine andere Hilfe mehr, als ihren Sohn mit seinem Einverständnis in die Irrenanstalt Préfargier bei Neuenburg einweisen zu lassen; fünf Monate Internierung als Anstaltsinsasse; Lebenswende: fatalistischer Zug, Hinwendung zum Christentum, aber auch Ehrgeiz etwas Besonderes zu werden. Neigung zu Cécile Borrel.

1853

Übersiedlung nach Neuenburg; Umzug nach Lausanne; beim Historiker Louis Vulliemin. Lehrer am Blinden-Institut. Liebe zu Alexandrine Marquis und Constance von Rodt. Rückkehr nach Zürich.

1855

Übersetzung der "Récits des Temps Mérovingiens" von Augustine Thierry. Sekretär der Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz.

1856

Die gemütskranke, an religiösem Verfolgungswahn leidende Mutter ertränkt sich.
Flucht nach Lausanne.

1857

Liebe zu Pauline Escher. Reisen nach Paris und München. Gemeinsames Leben der Geschwister.

1858

Italien-Reise mit Betsy (Rom, Florenz, Siena). Besuch bei Ricasoli.

1859

Seelische Krise nach der abgelehnten Werbung um Clelia Weydmann (1837-1866).

1860

Übersiedlung nach Lausanne; theologische Studien.

1861

Rückkehr nach Zürich.

1866

Mehrmonatige Reise mit Betsy nach Graubünden und ins Veltlin.

1868

Umzug in den "Seehof" zu Küsnacht.

1871

Reisen nach München; Verona, Venedig.

1872

Übersiedlung in den "Seehof" zu Meilen; Aufenthalt in Pontresina.

1875

Heirat; Hochzeitsreise nach Südfrankreich und Korsika.

1876

Wohnung in Wangensbach. Beginn des Briefwechsels mit Keller.

1877

Übersiedlung nach Kilchberg am Zürichsee.

1880

Reise nach Nürnberg, Dresden, Leipzig.

1881

Beginn des Briefwechsels mit Marie Luise von François.

1887

Schwere Krankheit (Halsentzündung): Erstickungsängste, Würgeschmerzen.

1888

Kur in Gottschalkenberg; Aufenthalt auf Schloss Steinegg.

1891

Augenleiden, überreizte Nerven infolge Überarbeitung; geistiger Zusammenbruch; Spannungen zwischen Frau und Schwester. 

1892

7.7.: Einweisung "mit seinem vollen Einverständnis" in die Irrenanstalt Königsfelden im Aargau; Diagnose: "senile Melancholie" ; Sept.: Rückkehr nach Kilchberg.

1893

Der Herrschaft seiner Frau ausgeliefert: Ende des Künstlers Meyer.


Werke:

Gedichte

1864

Zwanzig Balladen von einem Schweizer (Neuaufl. 1867 u.d.T. Balladen von Conrad Ferdinand Meyer; u.a. Die Füße im Feuer)

1869

Romanzen und Bilder 

1882
(5. Aufl. 1892)

Gedichte (immer wieder überarbeitet; Der römische Brunnen, Zwei Segel) 

1871
(endgült. Fassung 1881) 

Huttens letzte Tage (Gedichtzyklus von  urspr. 54, dann 71 Gedichten in 8 Büchern) 

Verserzählung

1872

Engelberg

Novellen

1854-56 e

Clara

1873

Das Amulett 

1878

Der Schuß von der Kanzel 

1879

Der Heilige 

1881

Plautus im Nonnenkloster

1882

Gustav Adolfs Page (seit 1885; urspr. u.d.T. Page Leubelfing) 

1883

Das Leiden eines Knaben 

1884

Die Hochzeit des Mönchs 

1885

Die Richterin 

1887

Die Versuchung des Pescara 

1891

Angela Borgia

Roman

1874

Jürg Jenatsch. Eine Bündner Geschichte

Ausgaben

1925

Sämtliche Werke, Leipzig (14 Bde.)

1928

Sämtliche Werke, hg. v. R. Faesi, Berlin (4 Bde.)

1929

Sämtliche Werke, hg. v. W. Linden, Berlin (6 Bde.)
Sämtliche Werke, hg. v. A. Bettelheim, Leipzig (3 Bde.)

1943

Gesammelte Werke, Zürich (6 Bde.)

1946

Sämtliche Werke, hg. v. G. Steiner, Basel (4 Bde.)

1958ff.

Sämtliche Werke. Hist.-krit. Ausgabe, hg. v. H. Zeller u. A. Zäch, Bern (15 Bde.)

1961ff.

Sämtliche Werke, hg. v. H. Zeller u. A. Zäch, Bern (7 Bde.)

1968

Sämtliche Werke, hg. v. E. Laaths, München (2 Bde.)

Link:

Conrad-Ferdinand-Meyer-Gesellschaft e.V.



Der römische Brunnen
 
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
     Und strömt und ruht.

(letzte Fassung 1882)

Auf dem Canal grande

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kurze kleine Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

 

 

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