Naturalismus

1880-1900

 
Begriff:

zu "Natur" (bereits zeitgenössisch); daneben: "Moderne".

Datierung:

Übersteigerung des Realismus: erste Ansätze im Drama Büchners u. Hebbels, den Romanen Fontanes. Am Beginn des N. stehen die "Kritischen Waffengänge" der Gebrüder Hart (1882; Forderung nach konsequenter Befolgung realistisch-materialistischer Erkenntnisse; Abrechnung mit dem zeitgenössischen Epigonentum). Die revolutionäre Kraft des N. ist um 1900 erschöpft.

Programmschriften:

Wilhelm Bölsche: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie (1887);
Arno Holz: Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze (1891)

Grundzüge:

Protestbewegung gegen die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse der Gründerzeit: Technisierung, Verarmung weiter Schichten, soziale Gegensätze.
Einflüsse kommen aus Frankreich (Zola), Russland (Tolstoi, Dostojewski), Skandinavien (Jacobsen, Strindberg, Ibsen).

Der N. geht weltanschaulich aus vom Positivismus (Philosophie des Gegebenen, Tatsächlichen, Unbezweifelbaren; Comte, Taine); materialistisches Menschenbild: Loslösung vom Transzendenten; Mensch als Triebwesen; deterministische Weltsicht, Daseinskampf (Darwin).
Dichter als Naturwissenschaftler (Bölsche): Versuch, die Natur des Menschen mit naturwissenschaftlichen Mitteln als Produkt der Faktoren Vererbung und Milieu zu erklären. Angestrebt wird folglich eine objektive und naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit des Menschen und seiner Umwelt mit höchster Akribie und Präzision. Kunst: Natur - x (Holz). Unsere Welt ist nicht mehr klassisch,/Unsere Welt ist nicht romantisch, /Unsere Welt ist nur modern (Holz).

Darstellungsmittel:

Verfeinerung der Darstellungsmittel, "Natürlichkeit" der Sprache:
Sekundenstil (Abbildung der Wirklichkeit von "Sekunde zu Sekunde" in der Registrierung kleinster Details);
Umgangssprache, Dialekt, Satzabbruch, Grammatikfehler.
Im Drama ausführlichste Bühnenanweisungen (epischer "Nebentext"), die Milieu vorführen, Bühnengeschehen kommentieren, Mimik und Gestik vorschreiben.

Themen:

Elend der proletarischen Massen; Mensch als Produkt seines Erbes und seines Milieus; Großstadtleben; passiver Held; Liebe in der Abhängigkeit vom Trieb; Zuwendung zum Hässlichen, Niedrigen; Kranke, Geistesgestörte, Alkoholiker, Dirnen als Handlungsträger.

Dichter:

junge Autoren, vielfach Studenten, die sich anti-bürgerlich definieren; literar. Zentren: Berlin, München.

bevorzugte Formen:

Roman, experimentelle Prosa (Erzählung, "Studie", Skizze, Naturschilderung); Drama (offenes Drama; Held aus den unteren Schichten); Lyrik (Erzählgedicht; Prosalyrik; Themen: Technik, Großstadt).

 
Autoren:


Ernst Retemeyer: Freie Bühne

 

(update: 31.07.2007)

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