Jean Paul
d.i. Johann Paul Friedrich Richter
Pseudonym Jean Paul zum ersten Mal 1793 als Verfasser des Romans
Die unsichtbare Loge; in Anlehnung an
den verehrten "Jean Jacques" (Rousseau); Aussprache schon zu Lebzeiten meist
eingedeutscht.
Lebensdaten Werk
*21. März 1763 Wunsiedel (Fichtelgebirge) +14. November 1825 Bayreuth (Brustwassersucht) begraben: Bayreuth, Alter Friedhof |
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Erster Sohn des Lehrers,
Organisten und Hilfsgeistlichen Johann Christian Christoph Richter (+1779) und seiner Frau
Sophia Rosina, geb. Kuhn (+1797). Sechs Geschwister; in ärmlichen Verhältnissen
aufgewachsen. In der
Hauptsache Autodidakt; ungewöhnliche Belesenheit: verschlingt alles Wissen der Zeit,
dessen er habhaft werden kann. Sein Leben ist lange Zeit geprägt von materieller Not (Abbruch
des Studiums) - später auch von erotischen Verwicklungen.
Seine sentimental-humoristischen Romane wurden im zeitgenössischen gehobenen Bürgertum
mehr gelesen als die Werke der Klassiker. Im 19. Jh. vergessen. Wiederentdeckung durch
Stefan George.
1801 |
Eheschließung mit der Juristentochter Karoline Mayer (1777-1860); Kinder: Emma (*1802), Maximilian (1803-1821), Odilie (+1804) |
Jean Paul nimmt
eine Sonderstellung in der deutschen Literatur ein. Er vereinigt in sich alle Tendenzen
der Übergangszeit: Rokoko und Empfindsamkeit, Klassik und Romantik (Phantasie, Neigung
zur Groteske). Seine Romane spielen in der Welt der Rokoko-Schlösser und der engen Welt
der Pfarrer und Schulmeister in den kärglichen Dörfern Oberfrankens. Eigenwilliger
Erzähler: Formauflösung der Romane, Spiel mit witzigen und bizarren Einfällen,
Abschweifungen, poetologische Kommentare, Reflexionen, labyrinthische Handlungen;
beißende Satire steht neben mildem Humor und geistreicher Ironie, Realismus neben
verklärendem Idyll, drastische Erzählung neben sentimentaler Sehnsuchtsstimmung.
Einfluss auf den modernen enzyklopädischen Roman.
Schlüssel zum Verständnis ist die poetologische Schrift "Vorschule der
Ästhetik": Der dichterische Schaffensprozess kommt weder in einer rein
phantasiebetonten Verachtung der Wirklichkeit ("poetischer Nihilismus")
noch in einer bloßen Nachahmung der Wirklichkeit ("poetischer
Materialismus") zur Erfüllung, sondern in der innigen gegenseitigen
Durchdringung des Unendlichen und der Wirklichkeit. Darauf beruht auch das Wesen des
Humors (mit dem sich J. P. als erster eingehend auseinandersetzt): Humor ist "das
umgekehrt Erhabene" und setzt das Endliche wie in einem Hohlspiegel in den "Kontrast
mit der Idee").
Gesellschaftskritik (Satiren) und politische Stellungnahmen (Angriff gegen die Zensur, "Kriegserklärung
gegen den Krieg").
Ehrung:
1817 |
wichtige Lebensdaten:
1765 |
Vater wird Pfarrer in Joditz an der Saale; unterrichtet den Zweijährigen durch Memorieren in Latein und im Katechismus. |
1776 |
Vater wird Pfarrer in Schwarzenbach an der Saale. |
1778 |
Erste Exzerptenhefte. |
1779 |
Gymnasium in Hof; J. P. wohnt bei den Großeltern; Apr.: Tod des Vaters. |
1780 |
Finanzielle Not der Familie infolge Erbauseinandersetzungen nach dem Tod des Großvaters. |
1781 |
Mai: Studium der Theologie, später der Philosophie in Leipzig; Finanzierung des Lebensunterhaltes durch Privatunterricht. |
1783 |
Kurzfristiges Verlöbnis mit Sophia Ellrodt. |
1784 |
Völlige Mittellosigkeit erzwingt Aufgabe des Studiums; Flucht vor den Gläubigern zur Mutter nach Hof. |
1787 |
Hauslehrer des jüngeren Bruders seines verstorbenen Freundes Lorenz Adam von Oerthel auf Schloss Töpen bei Hof. |
1789 |
Selbstmord des Bruders Heinrich, Rückkehr nach Hof. |
1790-94 |
J. P. übernimmt den Unterricht von 7 Kindern in Schwarzenbach. |
1791 |
Liebe zu Amöne Herold (heiratet später seinen Freund Georg Christian Otto). |
1792 |
Beginn des Briefwechsels mit Karl Philipp Moritz. |
1793 |
Reise nach Bayreuth, Neustadt an der Aisch und Erlangen; Verlobung mit der 15-jährigen Karoline Herold. |
1794 |
Rückkehr zur Mutter nach Hof; Erzieher und Schriftsteller in Hof; Trennung von Karoline Herold. |
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1795 |
Der Hesperus macht J. P. schlagartig berühmt. |
1796 |
Besuch in Weimar auf Einladung Charlottes von Kalb; kurzer Aufenthalt in Jena; Freundschaft mit Herder. Goethe und Schiller halten sich auf Distanz. |
1797 |
Tod der Mutter; Übersiedlung nach Leipzig; Beziehung zu Emilie von Berlepsch. |
1798 |
Verlobung mit Emilie von Berlepsch (Jan.) wird Ende Februar wieder gelöst. Reisen nach Dresden (Karoline Schlegel), Halberstadt (Gleim), Weimar und Jena (Herder, Wieland, Fichte). Okt.: Umzug nach Weimar. |
1799 |
Titel eines Legationsrats durch den Herzog von Sachsen-Hildburghausen. Okt.: Verlobung mit Karoline von Feuchtersleben (bis Mai 1800). Nov.: erstes Treffen mit Tieck und Novalis. |
1800 |
Auf einer Reise nach Berlin erste Bekanntschaft mit Karoline Mayer. Auf Einladung Königin Luises in Potsdam. Okt.: Übersiedlung nach Berlin (Fichte, Schleiermacher, Fr. Schlegel, Tieck). Verlobung mit Karoline Mayer. |
1801 |
27.5.: Hochzeit und Übersiedlung nach Meiningen; freundschaftliche Beziehungen zu Herzog Georg I. von Sachsen-Meiningen (+1803). |
1802 |
Reise nach Weimar. |
1803 |
Juni: Übersiedlung nach Coburg. |
1804 |
Aug.: Übersiedlung nach Bayreuth. |
1805 |
Besuch Fichtes und Herzog Pauls v. Württemberg; Gesuch um eine Staatspension an Friedrich Wilhelm III. von Preußen wird abgelehnt; Mitarbeit am Morgenblatt für gebildete Stände (bis 1824). |
1809 |
Ehrenmitglied des Frankfurter Museums: Jahresgehalt von Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg, ab 1815 von der bayerischen Regierung. |
1810 |
Reise nach Bamberg (E.T.A. Hoffmann). |
1811 |
Reise nach Erlangen und Nürnberg. |
1812 |
Reise nach Nürnberg (Friedrich Heinrich Jacobi, Hegel). |
1816 |
Korrespondierendes Mitglied der Berlinischen Gesellschaft für deutsche Sprache. Auf Einladung des Fürst-Primas Dalberg Reise nach Regensburg. |
1817 |
Reise nach Heidelberg, Mannheim, Frankfurt a.M. (Heinrich Voß d.J., Tieck, Hegel, Uhland). Beziehung zu Sophie Paulus (1791-1847; später kurzzeitig Frau A. W. Schlegels). |
1818 |
Reise nach Frankfurt und Heidelberg (Friedrich u. August Wilhelm Schlegel). |
1819 |
Sommer: Reise nach Stuttgart; Sept.: Aufenthalt in Löbichau auf Einladung der Herzogin Dorothea von Kurland. |
1820 |
Besuch des Sohnes Maximilian in München; Audienz bei König Maximilian I. Joseph; Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. |
1821 |
Reise nach Bamberg; Sept.: Tod des Sohnes Maximilian (Typhus). |
1822 |
Mai/Juni: Aufenthalt in Dresden. |
1823 |
Augenkrankheit (Grauer Star). |
1824 |
Zunehmende Erblindung |
1825 |
Sept.: Reise nach Nürnberg. |
Romane
1793 |
Die unsichtbare Loge (2 Bde.) |
1795 |
Hesperus oder 45 Hundsposttage. Eine Biographie (3 Bde.; 1798 erw., 4 Bde.) |
1796 |
Leben des Quintus Fixlein, aus 15 Zettelkästen gezogen |
1796-97 |
Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel (3 Bde.; im 2. Bd.: Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei [Traumvision]) |
1800-03 |
Titan (4 Bde.; 1800/01 Komischer Anhang zum Titan, 2 Bde.; 1800 Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana. Anhang zum ersten komischen Anhang des Titan) |
1804-05 |
Flegeljahre. Eine Biographie (4 Bde.) |
1809 |
Dr. Katzenbergers Badereise; nebst einer Auswahl verbesserter Werkchen |
1811 |
Leben Fibels, des Verfassers der Bienrodischen Fibel |
1820-22 |
Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte (Frgm., 3 Bde.) |
1793 |
Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz in Auenthal |
1796 |
Des Rektors Florian Fälbel und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg |
1796 |
Des Amtsvogts Josuah Freudel Klaglibell gegen seinen verfluchten Dämon |
1797 |
Der Jubelsenior. Ein Appendix |
1797 |
Das Kampaner Thal oder über die Unsterblichkeit der Seele, nebst einer Erklärung der Holzschnitte unter den zehn Geboten des Katechismus |
| 1797 | Der Traum und die Wahrheit. Trost bey dem Todtenbette der verwittibten Frau Oberhofprediger-Konsistorialrath- und Superintendentin Katharine Margarethe Ellrodtin, geb. Liebhardtin, von einem Freunde |
1801 |
Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch (im Anschluss an den 2. Bd. des Titan) |
1809 |
Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten; nebst der Beichte des Teufels bei einem Staatsmann |
1812 |
Briefwechsel zwischen dem Rektor Seemaus und Jean Paul |
Satiren
1783 |
Grönländische Prozesse oder Satirische Skizzen (2 Bde.; anonym) |
1789 |
Auswahl aus des Teufels Papieren nebst einem nötigen Aviso vom Juden Mendel |
1796 |
Jean Pauls biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin |
1798 |
Palingenesien (2 Bde.) |
1826-33 |
Wahrheit aus Jean Pauls Leben (Frgm.) |
1804 |
Vorschule der Ästhetik |
1825 |
Kleine Nachschule zur ästhetischen Vorschule |
pädagogische Abhandlung
1807 |
Levana oder Erziehungslehre (2 Bde.) |
sonstige Schriften und Aufsätze (Auswahl)
1786 |
Mixturen für Menschenkinder aus allen Ständen (volkspädagogische Aufsätze u. Satiren; anonym; zus. mit Freunden) |
1800 |
Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana. Anhang zum ersten komischen Anhang des Titan |
1805 |
Freiheitsbüchlein |
1808 |
Friedens-Predigt an Deutschland |
1809 |
Dämmerungen für Deutschland |
1810-20 |
Herbst-Blumine, oder gesammelte Werkchen aus Zeitschriften (3 Bde.) |
1817 |
Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche |
1827 |
Selina oder über die Unsterblichkeit (Frgm.; 2 Bde.) |
Ausgaben
1826-1828 |
Jean Pauls sämtliche Werke (60 Bde.) |
1836-1838 |
Literarischer Nachlaß, hg. v. E. Förster (5 Bde. = Bd. 61-65) |
1927ff. |
Sämtliche Werke, hist.-krit. Ausgabe, hg. v. E. Berend |
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