Wilhelm Raabe
Pseudonym: Jakob Corvinus
Lebensdaten Werk 


*8. September 1831 Eschershausen (Weserbergland)

+15. November 1910 Braunschweig

begraben: Braunschweig, Hauptfriedhof

Sohn des Juristen in herzoglich braunschweigischen Diensten Gustav Raabe (+1845); Mutter: Auguste Raabe, geb. Jeep (+1874). Zwei Geschwister. Unbeschwerte Jugend in verschiedenen Kleinstädten des Weserberglands, in die sein Vater jeweils versetzt wird.
  Baut sich als freier Schriftsteller ausschließlich durch die Erträge seiner literarischen Arbeit eine gesicherte Lebensstellung auf. Lebt zurückgezogen, kaum Kontakt zur literarischen Öffentlichkeit.

1862

Heirat mit der Wolfenbütteler Honoratiorentochter Bertha Leiste; Kinder: Margarete (*1863), Elisabeth (*1868), Klara (*1872), Gertrud (1876-1892)

Einer der bedeutendsten Vertreter des poetischen Realismus. Umfangreiches erzählerisches Werk: 68 Romane, Erzählungen und Novellen. Drei Schaffensperioden: frühe Romane - die "Stuttgarter Trilogie" (Der Hungerpastor, 1864; Abu Telfan, 1867; Der Schüdderump, 1870) - Altersromane.
  Knapp ein Drittel seiner Werke haben einen historischen Hintergrund. Man hat R. auch deshalb die Negierung der Gegenwart und den Rückzug in die "machtgeschützte Innerlichkeit" (Thomas Mann) vorgeworfen. Seine Hauptfiguren suchen ihr Glück in Einfachheit und Entsagung; sie sind Sonderlinge und Käuze, die sich vom Getriebe der Welt fernhalten und ein Heldentum der klaglosen Selbstüberwindung praktizieren, gerade dadurch aber auch eine mahnende Funktion vom Rande der Gesellschaft her ausüben. R. setzt sich mit den ökologischen und sozialen Problemen der industrialisierten Welt der Gründerjahre auseinander (Pfisters Mühle, Im alten Eisen, Die Akten des Vogelsangs) und stellt die materialistische Einstellung der Zeit bloß (Zum wilden Mann, Stopfkuchen). Bitterer Pessimismus in den Werken der mittleren und späten Schaffensperiode: "So gestaltet der späte Raabe eine tief traurige Welt voller Enttäuschungen, Entgleisungen, Untergänge und Lebenslügen. Aber auch hier weicht er vor den äußersten Konsequenzen nicht zurück; er nennt die Flucht eine Flucht und das Luftschloß ein Luftschloß." (Georg Lukács, 1940).
Die Erzählungen und Romane stellen mit ihrer eigenwilligen Sprache und einem oft langatmigen Erzählstil erhebliche Lektüreanforderungen.

Ehrungen:

1901

Ehrendoktor der Universitäten Göttingen und Tübingen
Kommandeurskreuz des Ordens Heinrichs des Löwen
Königlich Preußischer Kronenorden

1910

Ehrendoktor der Universität Berlin


wichtige Lebensdaten:

1836

Bürgerschule in Holzminden.

1840

Gymnasium in Holzminden.

1842

Stadtschule und Privatunterricht in Stadtoldendorf.

1845

Tod des Vaters; Übersiedlung der Mutter mit den drei Kindern nach Wolfenbüttel; Gymnasium "Große Schule".

1849

Schulabbruch; Buchhändlerlehre in Magdeburg.

1853

Abbruch der Lehre und Rückkehr nach Wolfenbüttel; vergeblicher Versuch, das Abitur abzulegen; autodidaktische Studien; Pläne zur Künstlerexistenz.

1854

Gasthörer an der Universität Berlin (Philosophie, Kunstgeschichte, Geschichte, Literatur).

1856

Freier Schriftsteller in Wolfenbüttel.

1857

Bekanntschaft mit Adolf Glaser, Redakteur beim Westermann-Verlag; 1.10.: Beginn der Tagebucheintragungen (bis 1910); Okt./Nov.: Reise nach Berlin.

1859

Bildungsreise durch Deutschland und Österreich; Bekanntschaft mit Gustav Freytag, Gerstäcker, Gutzkow.

1860

Besuch von Wilhelm Dilthey bei R.; Eintritt in den Deutschen Nationalverein; als Delegierter zur Generalversammlung nach Coburg.

1861

März: Verlobung mit Bertha Leiste; Aug.: Teilnahme an der Tagung des Nationalvereins in Heidelberg.

1862

24.7.: Heirat; Übersiedlung nach Stuttgart; Mitglied in der Stuttgarter Museums-Gesellschaft; entscheidende berufliche Kontakte zu Verlegern und Autoren (Vischer, Freiligrath, H. Kurz).

1864

Reise mit Bertha nach Wolfenbüttel, Lübeck, Hamburg, Kiel.

1866

Beginn der engen Freundschaft mit dem Schriftsteller und Redakteur Wilhelm Jensen und dessen Frau Marie; Bekanntschaft mit Paul Heyse; Aug.: Beteiligung an der Gründung der nationalliberalen Deutschen Partei, die eine deutsche Einigung unter Preußens Führung fordert.

1867

Reise nach Norddeutschland; Auflösung des Nationalvereins.

1869

Urlaubsreise mit den Jensens nach Bregenz und in die Schweiz.

1870

R. fühlt sich als Anhänger Bismarcks in Stuttgart isoliert; Übersiedlung nach Braunschweig.

1874

Tod der Mutter.

1880

Reise nach Freiburg zu Jensens; gemeinsame Reise nach Basel und ins Elsaß.

1881

Freundschaft mit dem Altphilologen Wilhelm Brandes; Beginn des Briefwechsels mit Theodor Fontane.

1882

Mitglied im Allgemeinen deutschen Schriftstellerverband.

1884

Bruch mit dem Westermann-Verlag wegen der Zurückweisung des Romans Pfisters Mühle.

1885

Austritt aus dem Schriftstellerverband.

1886

Ehrenpension der Deutschen Schiller-Stiftung (auf Anregung Paul Heyses): jährliche Gabe von 1000 Talern.

1890

Bekanntschaft mit dem Verleger Gustav Janke in Berlin, bei dem R. jetzt veröffentlicht.

1892

Tod der Tochter Gertrud.

1893

Sommerreise mit der Familie nach München, wo die Tochter Margarete an der Kunsthochschule studiert, und Österreich.

1895

Reise nach Wilhelmshaven zu der mit dem Arzt Paul Wasserfall verheirateten Tochter Elisabeth.

1896

Geburt des Enkels Kurt Wasserfall.

1901

Feiern anlässlich des 70. Geburtstags (u.a. Gründung eines Raabe-Vereins).

1902

Abbruch der Arbeit am Roman Altershausen und damit Ende der schriftstellerischen Arbeit; Erholungsreise nach Borkum.

1907

Freundschaft mit Detlev von Liliencron (+1909); Erholungsreise an die Ostsee.

1909

Beginn der Erkrankung; Okt.: Hermann Hesse besucht Raabe; Nov.: Ehrenmitglied der Deutschen Schiller-Stiftung.

1910

Tod der Schwester Emilie.


Werke:
e = entstanden

Romane

1856 (1855 e)

Die Chronik der Sperlingsgasse (unter Pseudonym)

1861 (1860 e)

Der heilige Born. Blätter aus dem Bilderbuche des 16. Jahrhunderts (hist. Roman, 2 Bde.; unter Pseudonym)

1861 (1860 e)

Nach dem großen Kriege. Eine Geschichte in zwölf Briefen (hist. Roman; unter Pseudonym)

1862

Die Leute aus dem Walde, ihre Sterne, Wege und Schicksale (Bildungsroman, 3 Bde.)

1864 (1863 e)

Der Hungerpastor

1867

Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge (3 Bde.)

1869

Der Schüdderump (Entwicklungsroman, 3 Bde.)

1873 (1872 e)

Christoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeschichte (2 Bde.)

1874 (1873 e)

Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

1879

Alte Nester. Zwei Bücher Lebensgeschichten

1884

Pfisters Mühle. Ein Sommerferienheft

1885 (1884 e)

Unruhige Gäste. Ein Roman aus dem Säkulum

1887 (1886 e)

Im alten Eisen

1891 (1890 e)

Stopfkuchen. Eine See- und Mordsgeschichte

1892 (1891 e)

Gutmanns Reisen

1895

Die Akten des Vogelsangs

1911 (1902 e)

Altershausen (Frgm.)

Erzählungen und Novellen

1857

Der Weg zum Lachen
Ein Frühling (2. Fassung: 1871)
Der Student von Wittenberg

1858

Weihnachtsgeister (1857 e)
Lorenz Scheibenhart. Ein Lebensbild aus wüster Zeit
Einer aus der Menge

1859

Halb Mär, halb mehr! Erzählungen, Skizzen und Reime (Sammlung von 5 Erz., unter Pseudonym)

1859

Die Kinder von Finkenrode (1858 e; unter Pseudonym)
Die alte Universität (1858 e)
Der Junker von Denow (1858 e)

1860

Aus dem Lebensbuch des Schulmeisterleins Michel Haas (1859 e)
Wer kann es wenden? Eine Phantasie in fünf Bruchstücken (1859 e)
Ein Geheimnis. Lebensbild aus den Tagen Ludwigs XIV.

1861

Auf dunkelm Grunde (1860 e)
Die schwarze Galeere (1860 e)

1862

Unseres Herrgotts Canzlei (1861 e, 2 Bde.)
Das letzte Recht

1862

Verworrenes Leben. Novellen und Skizzen (Sammlung von 5 Erz.)

1863

Eine Grabrede aus dem Jahre 1609 (1862 e)
Holunderblüte. Eine Erinnerung aus dem "Hause des Lebens"
Die Hämelschen Kinder

1864

Keltische Knochen

1865

Else von der Tanne oder Das Glück Domini Friedemann Leutenbachers, armen Dieners am Wort Gottes zu Wallrode im Elend (1864 e)
Drei Federn

1865

Ferne Stimmen. Erzählungen (Sammlung von 4 Erz.)

1866

Die Gänse von Bützow (1865 e)
Sankt Thomas (1865 e)
Gedelöcke
Im Siegeskranze

1868

Theklas Erbschaft oder die Geschichte eines schwülen Tages (1865 e)

1869

Der Regenbogen. Sieben Erzählungen (2 Bde.)

1870

Der Marsch nach Hause
Des Reiches Krone

1872 (1871 e)

Der Dräumling

1873

Deutscher Mondschein. Vier Erzählungen (Titelerz. 1872 e)

1874

Zum Wilden Mann (1873 e)
Eulenpfingsten

1875

Höxter und Corvey (1874 e)
Frau Salome (1874 e)
Vom alten Proteus. Eine Hochsommergeschichte

1876

Die Innerste (1874 e)
Horacker (1875 e)

1912 (1875 e)

Der gute Tag oder die Geschichte eines ersten Aprils

1878

Wunnigel (1876 e)
Deutscher Adel (1877 e)
Auf dem Altenteil

1879

Krähenfelder Geschichten (3 Bde.)

1881 (1880 e)

Das Horn von Wanza

1882 (1881 e)

Fabian und Sebastian

1883 (1882 e)

Prinzessin Fisch

1884

Villa Schönow (1883 e)
Ein Besuch

1888 (1887 e)

Das Odfeld

1889 (1888 e)

Der Lar. Eine Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte

1894 (1893 e)

Kloster Lugau

1899 (1898 e)

Hastenbeck

Ausgabe zu Lebzeiten

1896 / 1897 / 1900

Gesammelte Erzählungen (4 Bde.)

Gesamtausgabe

1951ff.

Sämtliche Werke, hg. v. Karl Hoppe, fortgef. v. Jost Schillemeit, Freiburg i. Br./Braunschweig; ab 1960 Göttingen (= Braunschweiger Ausgabe)


Links:

Raabe-Haus Braunschweig

Raabe-Forschungsstelle

up