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Romantik - 1793-1835
 

     

Begriff:

Von altfrz. romanz ("in der Volkssprache"); davon "Roman". Begriff "romantisch" seit 1700 belegt in der negativen Bedeutung von "im Roman vorkommend", also "überspannt, zügellos, phantastisch"; daneben als Bezeichnung für ein bestimmtes Naturgefühl ("malerisch, regellos, wildschön"). Von Fr. Schlegel auf die moderne, nicht-klassische Poesie ausgedehnt, von Novalis mit "poetisch" gleichgesetzt.

Datierung:

1793 entdecken Wackenroder und Tieck in den Kunststätten Frankens die mittelalterliche Kunst und Religion als Gegenbild bzw. Vorbild der Gegenwart.

  • Frühromantik: Mittelpunkt Jena (Novalis, Brüder Schlegel, Tieck; unter dem Einfluss von Schleiermacher, Fichte, Schelling); Zeitschrift Athenäum (1798-1800); theoretisch-spekulative Ausrichtung.

  • Hochromantik (ab 1805): Mittelpunkt Heidelberg (v. Arnim, Brentano, Eichendorff, Görres, Brüder Grimm); gegen Aufklärung und Klassizismus; Sammlungen des Volksgeistes: Volkslieder, Märchen, Sagen, Volksbücher.

  • Berliner Romantik (ab 1801): Mittelpunkt Berlin (Salon der Rahel Varnhagen von Ense; Brüder Schlegel; v. Chamisso, de la Motte Fouqué, Z. Werner, E.T.A. Hoffmann, v. Arnim, Brentano, Kleist).

  • Spätromantik (nach 1820): Eichendorff, Mörike, Lenau, Heine.

  • Schwäbische Romantik (1810-1850): Uhland, Kerner, Schwab, Hauff.

Grundzüge:

Gegenbewegung zum Rationalismus der Aufklärung und zur Klassik. Versuch der Synthese irrationaler und rationaler Kräfte. Grundverfassung des Romantikers ist ein radikaler Subjektivismus: Die Kräfte des Gefühls, der Phantasie, des Unbewussten werden der rein rationalen Erfassung der Welt gegenübergestellt.
   Streben nach Totalität, Einheit des Seins und infolgedessen Spannung von Alltagswelt und Unbedingtem: Vorstellung, dass der Mensch an der Unendlichkeit einer geistbestimmten Welt teilhat, die sich ihm chiffriert in aller Natur offenbart. Der rational bestimmte Mensch sucht und findet in seiner Entfremdung den Schlüssel zur wahren Einheit des Seins nicht, während sie der romantische Mensch (Künstler, Kind, Liebender) "ahndet". Aufgabe des Dichters (Künstlers) ist es, den Weg zu weisen, die Bindung an das Endliche zu überwinden. Das ganze Leben sollte "poetisiert" werden. Das bedeutet: die Begrenzungen des Irdisch-Bedingten bzw. der Alltagswirklichkeit in Raum und Zeit zu überwinden; zu versuchen, ins Unendliche vorzudringen.
   Zentralmotive der literarischen Romantik sind deshalb Entgrenzungsmotive:

  • die "Sehnsucht", d.h. räumliches (Italien) und zeitliches (Kindheit, Mittelalter) Fernweh, Bewusstseinserweiterung, Allgefühl.

  • "Wanderschaft, Reisen" (nach draußen oder nach innen: Phantasie, Traum, Magie, Wahnsinn). Vorstoßen in bisher unbekannte psychische Bereiche (Nacht, Traum). Chiffren der Entgrenzung: Fenster, Ruinen o.ä. und Naturbilder wie Wolken, Wald, Fluss, fernes Gebirge, Mondlicht usw.

Auch die Dichtung selbst ist Werden, grenzüberschreitend, "progressiv" (Schlegel: "progressive Universalpoesie"): Ablehnung einer normativen Poetik. Statt strenger Form Vorliebe für das Offene, Fragmentarische. Spiel mit Formen und Techniken. Freiheit, sich über alles, auch über die eigene Kunst in desillusionierend zu erheben (romantische Ironie). Überwindung der Grenzen der einzelnen Dichtungsgattungen; Aneinanderrücken der Künste (Dichtung, Malerei, Musik). Affinität von Kunst und Wissenschaft (aus der Beschäftigung mit dem Mittelalter erwächst die moderne Geschichtswissenschaft ebenso wie die Germanistik).

Schwärmerische Verklärung des Mittelalters: Idealbild einer geschlossenen Wertewelt als Gegenbild zur Gegenwart. Mythische Vorstellung eines schöpferischen "Volksgeistes", der im Volkslied, Volksmärchen, Volkssagen usw. zu erfassen ist (Sammlungen!). Aus dem Bemühen, den ursprünglichen Volkscharakter wiederherzustellen, erwächst die "politische Romantik" (E. M. Arndt u.a.): Schaffung eines deutschen Nationalbewusstseins.

Themen:

Ausbruch aus der spießbürgerlichen Alltagswelt der "Philister" (Erwerbsbürger); Problematik der poetischen Existenz in der Konfrontation mit der rational bestimmten Alltagswirklichkeit. Blick in die Abgründe des Seelischen ("Nachtseiten des Lebens"), in das Geheimnisvolle der Natur (Symbol bei Novalis: die "blaue Blume").

Dichter:

Durchweg aus wohlhabendem Haus; Akademiker; oft Professoren oder Staatsbeamte. Starker Zug zum Katholizismus: Friedrich und Dorothea Schlegel konvertieren (1808), Zacharias Werner wird in Rom Priester (1811); Rückkehr Brentanos in den Schoß der Kirche (1817); Novalis wurzelt in mittelalterlicher Mystik und Glaubenseinheit. - Mehr als je zuvor bedeutende und produktive Rolle der Frauen: Caroline Schlegel, Dorothea Schlegel (Frühromantik), Bettina v. Arnim, Karoline Günderrode.

Bevorzugte Formen:

  • Volks- und Kunstmärchen (Einheit von realer und magischer Welt)

  • Lyrik (Vorbild: Volkslied); scheinbare Einfachheit, aber virtuoses Spiel mit Klangreizen, Bildlichkeit, Darstellungsmittel: Synästhesie. Vielfach vertont.

  • Roman: Vermischung der Gattungen; Kombination von Erzählung, dramatischem Dialog, Liedern, Gedichten, Märchen, Briefen.

  • Drama (Tieck): Elemente des nicht-aristotelischen Dramas (anti-illusionistische Verfremdungen).

  • Fragment als literarische Gattung.

    

Caspar David Friedrich:
Der Träumer (um 1835)

 

*  *  *

 

Was ich für Grott' und Berg gehalten,

Für Wald und Flur und Felsgestalten,

Das war ein einzigs großes Haupt,

Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt...
(Ludwig Tieck, Phantasus)

    

Man muß alle seine Kräfte üben und regelmäßig ausbilden - die Einbildungskraft - wie den Verstand - die Urtheilskraft etc. Die Vernunft baue ich jetzt an und die verdient es auch am ersten - denn sie lehrt uns den Weg finden.

     

Der Dichter schließt, wie er den Zug beginnt. [...] Seine Worte sind [...] Zauberworte.

    

Die Welt muß romantisirt werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. [...] Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich es - Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche [...].

(Novalis, Fragmente und Notizen)
    


    

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
(Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

     


   

Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls erblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben; allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken.
(Novalis, Die Lehrlinge zu Sais: Der Lehrling, 1798 e)

    


     

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen [...]. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.
(Friedrich Schlegel,

116. Athenäum-Fragment, 1798)
     

 

 

 

  

   

   

© Willi Vocke

2000

     

     

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