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Friedrich Rückert

vollst.: Johann Michael Friedrich Rückert

Pseudonym: Freimund Raimar (Reimer)

Lebensdaten
| Werk

Rückert-Texte online


* 16. Mai 1788 Schweinfurt

+ 31. Januar 1866 Neuses (heute Stadtteil von Coburg) (Darmkrebs)

Grabstätte: Coburg-Neuses, Alter Friedhof

  

Federzeichnung von 
J. Schnorr von Carolsfeld (Rom 1818)
  

Lyriker, Dramatiker, Übersetzer. Mitbegründer der deutschen Orientalistik. Einer der meistgelesenen und produktivsten Schriftsteller seiner Zeit (insgesamt 25 000 veröffentlichte und unveröffentlichte Gedichte); Übersetzungen seiner Werke in 20 Sprachen. Zu seiner Zeit berühmt geworden durch die antinapoleonischen Geharnischten Sonette. Heute beinahe in Vergessenheit geraten; anlässlich des Rückert-Jahres 2016 wieder etwas in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Wenigstens dem Namen nach noch bekannt sind sein Hauptwerk, das Lehrgedicht Die Weisheit des Brahmanen, der Zyklus Liebesfrühling und die Kindertotenlieder (durch die Vertonung Gustav Mahlers).

Sprachgenie (beherrscht die Strukturen von 44 Sprachen). Seine größte Leistung besteht in der Erschließung der persisch-arabischen Dichtung. Bis heute  literarisch unerreichte Übertragungen von arabischen, persischen, indischen und chinesischen Dichtwerken; führt gemeinsam mit Platen die orientalische Gedichtform der Ghasele in die deutsche Literatur ein. - Erfolglos seine dramatischen Versuche.

Politisches Engagement: Kampf für die nationale Identität, Kritik an den Zeitzuständen, Glaube an die völkerverbindende Kraft der Poesie:

Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist

Du einen bis daher in dir gebundnen Geist,

Der jetzo thätig wird mit eigner Denkverbindung

Dir aufschließt unbekannt geweßne Weltempfindung.

Sohn des Advokaten und Amtmanns Johann Adam Rückert (1763-1831) und seiner Frau Maria Barbara, geb. Schoppach (1766-1835, Advokatentochter). Kindheit in der fränkischen Provinz. Erster Unterricht in der Dorfschule und beim Ortsgeistlichen. Sieben Geschwister, vier davon früh gestorben. - Schwere Schicksalsschläge in den Erlanger Jahren.

1821

Heirat mit Luise Wiethaus-Fischer (1797-1857)

Kinder: Heinrich (1823-1875), Carl (1824-1899), August (1826-1880), Leo (1827-1904), Ernst (1829-1834), Luise (1830-1833), Maria Renate (1835-1920), Fritz (1837-1868), Anna (1839-1919). 

Ehrungen:

1838

Ritterkreuz des Königlichen Verdienst-Ordens vom Heiligen Michael (Ludwig I. v. Bayern)

1842

Orden Pour le Mérite

1865

Ehrenbürger der Stadt Schweinfurt
Commandeur-Kreuz des Ordens unserer Lieben Frau von Guadalupe (Kaiser Maximilian von Mexiko)


Wichtige Lebensdaten:

1792

Wegzug der Familie aus Schweinfurt: Der Vater wird Amtmann in Oberlauringen (Unterfranken).

1802

Internatsschüler des Gymnasiums Gustavianum in Schweinfurt.

1805

Sehr guter Gymnasialabschluss. Nov.: Immatrikulation an der Universität Würzburg; ein Semester Jura, dann Wechsel zur Philologie und Philosophie. Entscheidende Anregungen für seine Sprachstudien durch Johann Jakob Wagner und Heinrich Voß d. J.

1808

Apr.: an der Universität Heidelberg.

1809-10

In den Semesterferien bei den Eltern in Ebern (fränkische Haßberge).

1810

Abschluss der Studienzeit in Würzburg. Mit dem Bruder Heinrich (1790-1818) nach Jena.

1811

Feb.: Promotion zum Dr. phil in Jena.

1811/12

Privatdozent für Altphilologie in Jena.

1812

Apr.: Rückkehr ins Elternhaus nach Ebern.

1813

Jan.: Anstellung als Gymnasiallehrer in Hanau fluchtartig aufgegeben.

1813-15

Aufenthalte in Würzburg, Hildburghausen, Rodach, Ebern und auf der Bettenburg: Bekanntschaft mit Gustav Schwab, Fouqué, Jean Paul, Carl Maria v. Weber. Förderung durch Mäzene (darunter vor allem der Fouqué-Freund Christian Truchseß Frhr. v. Wetzhausen: Kontakt zum Verleger Johann Friedrich von Cotta.)

1816/17

In Stuttgart Redakteur von Cottas Morgenblatt für gebildete Stände; Kontakt zu Schwab und Uhland.

1817/18

Sommer: Italienreise über Zürich und Luzern; Aufenthalt in Rom; Verkehr mit der deutschen Künstlerkolonie. Beginn der langjährigen Freundschaft mit dem Kupferstecher Carl Barth (Briefwechsel mit der Anrede „Mein lieber Freund und Kupferstecher").

1818

In Rom; Zusammentreffen mit dem bayerischen Kronprinzen Ludwig (dem späteren König Ludwig I.); Besuche in Neapel, Capri und den Albaner Bergen. Okt.: Abreise aus Rom.

1818 /1819 

Jahreswende: Auf der Rückreise Besuch beim Wiener Orientalisten Hammer-Purgstall, um sich von ihm in die orientalischen Sprachen einführen zu lassen; Bekanntschaft mit Grillparzer, Friedrich Schlegel, Olivier.

1819

Feb.: Rückkehr ins Elternhaus. Intensive orientalische Sprachstudien.

1820

Aug.: August Graf von Platen besucht R. in Ebern. Okt.: Umzug nach Coburg, um die herzogliche Hofbibliothek nutzen zu können.

1820-26

In Coburg.

1821

Quartier im Haus der Familie von Luise Wiethaus-Fischer (heute Rückertstr. 2). "Liebesfrühling" und Heirat (Dez.).

1823

Geburt des Sohnes Heinrich.

1824

Geburt des Sohnes Carl.

1826

Geburt des Sohnes August. - Okt.: Berufung zum ordentlichen Professor für orientalische Sprachen in Erlangen. Umzug nach Erlangen (heutige Dreikönigstr. 1-3).

1826-41

Häufige Aufenthalte in Neuses bei Coburg auf dem Gut der Schwiegereltern.

1827

Geburt des Sohnes Leo.

1829

Geburt des Sohnes Ernst.

1829

Rheinreise: Bekanntschaft mit Clemens Brentano.

1830

Umzug in Erlangen: Südliche Stadtmauerstr. 28. - Juni: Geburt der Tochter Luise.

1831

Tod des Vaters.

1832

Jan.: Geburt des Sohnes Karl Julius, der drei Tage später stirbt.

1833

Aug.: Fußwanderung durch die Fränkische Schweiz und das Fichtelgebirge. - Nov.: Alle Rückert-Kinder erkranken an Scharlach. Dez.: Tod des Töchterleins Luise.

1834

Jan.: Tod des Sohnes Ernst. - Resignative Grundstimmung.

1835

Juni: Geburt der Tochter Marie. - Dez.: Tod der Mutter.

1836

Reise nach München, Salzburg, Tirol und in die bayerischen Alpen; auf Schloss Hohenschwangau Audienz beim bayerischen Kronprinzen Maximilian.

1837

Bezug eines eigenen Hauses in Erlangen (heute Goethestr. 23). Geburt des Sohnes Fritz.

1838

Erwerb des Gutes Nattermannshof in Neuses bei Coburg (von seiner verwitweten Schwiegermutter).

1839

Geburt der Tochter Anna.

1841

Lehrangebot aus Berlin. Juni: Entlassungsgesuch an König Ludwig I. v. Bayern; Ernennung zum Geheimen Regierungsrat und Professor der orientalischen Sprachen durch Friedrich Wilhelm IV. von Preußen.

1841-48

An der Universität Berlin. Vorlesungen nur während der Wintersemester. Sommerhalbjahre auf seinem Gut in Neuses.

1848

17.3.: Einen Tag vor Beginn der Barrikadenkämpfe verlässt R. das ungeliebte Berlin für immer; Rückzug auf sein Landgut.

1849

Auf eigenen Antrag Entlassung aus dem Preußischen Staatsdienst. 

ab 1848

Zunehmende Resignation aufgrund der allgemeinen Ablehnung seiner historischen Dramen aus den 40er-Jahren.
Sprachstudien bis ins hohe Alter; an die 10 000 bis heute größtenteils unveröffentlichte Gedichte („Liedertagebuch“; Themen:  Enttäuschung über den Verlauf der Revolution, soziale Frage, Kritik an der Adelsgesellschaft, Gefahren der Industrialisierung).

1853

Tod des Freundes Carl Barth. - Nov.: Ernennung zum Mitglied des bayerischen Maximilians-Ordens für Wissenschaft und Kunst.

1854

Beginn der Freundschaft mit Felix Dahn.

1855

Besuch Gustav Freytags in Neuses.

1857

Tod der Ehefrau nach langer Krankheit. Einsiedlerleben.

1866

Gegen 10.45 Uhr Tod in seinem Haus in Neuses.


Werke:

(e = entstanden)

Gedichte

1814

Deutsche Gedichte (u. d. Pseudonym Freimund Reimar; darin: Geharnischte Sonette)
Deutsche Glimpf- und Schimpflieder

1817

Kranz der Zeit (Zyklus)

1822
(1819-20 e)

Oestliche Rosen (Sgl.)

1825 (1812 e)

Amaryllis. Ein ländliches Gedicht

1834-1838

Gesammelte Gedichte, Erlangen: Heyder (6 Bde.; veränd. Neuauflage 1843, Frankfurt/M.: Sauerländer):

 

1. Band (1834)

  • Bausteine zu einem Pantheon

  • Edelstein und Perle. 1817

  • Liebesfrühling. 1821

  • Fünf Mährlein. 1813

  • Volkssagen. 1817

2. Band (1836)

  • Geharnischte Sonette (1814)

  • Agnes' Todtenfeier (1812 e)

  • Rosen auf das Grab einer edlen Frau

  • Amaryllis, ein Sommer auf dem Lande (1812 e)

  • Aprilreiseblätter (1811 e)

  • Italiänische Gedichte

  • Oktaven und Verwandtes

  • Distichen

  • Sicilianen

  • Ritornelle

  • Vierzeilen

  • Gasele

3. Band (1837)

  • Jugendlieder. 1807-1815

  • Zeitgedichte 1814-1817

  • Volkssagen 1817

4. Band (1837)

  • Vermischte Gedichte 1815-1818

  • Oestliche Rosen 1819-1820

  • Gasele

  • Coburg 1821-1826

  • Erlangen 1827-1829

  • Erinnerungen aus den Kinderjahren eines Dorfamtmannsohns 1829

  • Lieder und Sprüche der Minnesinger

  • Erotische Blumenlese

5. Band (1838)

  • Neue Lieder. April-Mai 1832

  • Neue Lieder. Herbst 1832

  • Januar und Februar 1833

  • Mai bis Juli 1833

  • Herbst 1833 in Neuses

  • Spätherbst 1833

6. Band (1838)

  • Neue Lieder. November 1833

  • December 1833

  • 1834-1837

  • Mailieder in sechs Büchern 1838

1836-39

Die Weisheit des Brahmanen. Ein Lehrgedicht in Bruchstücken (6 Bde.)

1837/38

Erbauliches und Beschauliches aus dem Morgenland (2 Bde.)

1839

Brahmanische Erzählungen
Leben Jesu. Evangelien-Harmonie in gebundener Rede

1841

Gedichte

1844 (1821 e)

Liebesfrühling (Separatausgabe)

1863

Ein Dutzend Kampflieder für Schleswig-Holstein (anonym)

1872 (1834 e)

Kindertodtenlieder

1876

Wettgesang zwischen Uhland und Rückert

1911

Politisches Notizbuch. 172 ungedruckte Gedichte, hg. v. L. Hirschberg, Berlin: Schuster & Loeffler

1922

Märzgedichte 1848, Breslau: Privatdruck

Dramen

1815/1818

Napoleon. Politische Komödie (2 Bde.)

  • Napoleon und der Drache

  • Napoleon und seine Fortuna

1843

Saul und David. Ein Drama der heiligen Geschichte

1844

Kaiser Heinrich IV. (2 Bde.)
Herodes der Große. In zwei Stücken

1845

Christofero Colombo oder Die Enteckung der neuen Welt. Geschichtsdrama

1913

Der Leipziger Jahrmarkt, hg. v. G. Schenk. München: Sutter

Schriften

1811

Dissertatio philologico-philosophica de idea philoâlogiae...

1874

Grammatik, Poetik und Rhetorik der Perser. Nach dem siebenten Bande des Heft Kolzum, hg. v. W. Pertsch, Gotha: Perthes

1911 (1816 e)

Napoleon, der Recensent und der Dichter. Intermezzo zur politischen Komödie Napoleon 1816 (Ps. Freimund Reimar)

Übersetzungen

1826

Die Verwandlungen des Ebu Seid von Serûg oder Die Makâmen des Harîri in freier Nachbildung (verm. Neuauflage 1837, 2 Bde.)

1828

Nal und Damajanti. Eine indische Geschichte (verb. Neuauflage 1838)

1831

Hebräische Propheten

1833 (1831 e)

Schi King. Chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius

1837 (1832 e)

Jayadeva: Gitagovinda

1838

Rostem und Suhrab. Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern

1843

Amrilkais, der Dichter und König. Sein Leben dargestellt in seinen Liedern. Aus dem Arabischen

1845

Das Leben der Hadumod, erster Äbtissin des Klosters Gandersheim, Tochter des Herzogs Liudolfs von Sachsen... Aus dem Lateinischen

1846

Hamâsa oder Die ältesten arabischen Volkslieder, gesammelt von Abu Temmâm (2 Bde.)

1867 (1858 e)

Idyllen des Theokrit

1876 (1856 e)

Sakuntala. Schauspiel von Kalidasa

1882 (1850 e)

Saadi's Bostan aus dem Persischen übersetzt, hg. v. W. Pertsch, Leipzig: Hirzel

1888

Der Koran. Im Auszug übers., hg. v. A. Müller, Frankfurt/M.: Sauerländer

1890

Firdosi's Königsbuch. Aus dem Nachlaß hg. v. E. A. Bayer, Berlin: Reimer

1893

Aus Saadi's Diwan. Auf Grund des Nachlasses hg. v. E. A. Bayer, Berlin/Leipzig: Warnecke

1894

Saadi's Politische Gedichte. Auf Grund des Nachlasses hg. v. E. A. Bayer, Berlin: Mayer

1923 (1857 e)

Atharwaweda. Das Wissen von den Zaubersprüchen, hg. v. H. Kreyenborg, Hannover: Lafaire

1925

Die Hundert Strophen des Amaru. Aus dem Sanskrit, hg. v. J. Nobel, Hannover: Lafaire

1926

M. S. Hafis: Ghaselen, hg. v. H. Kreyenborg, München: Hyperion

1927

Hellenis. Sagen und Legenden aus der griechischen Kaisergeschichte, hg. v. H. Kreyenborg, Hannover: Lafaire

Herausgeberschaft

1837

Sieben Bücher Morgenländischer Sagen und Geschichten (2 Bde.)

Werkausgaben

1867

Lieder und Sprüche. Aus dem lyrischen Nachlasse, Frankfurt/M.: Sauerländer

1867

Aus Friedrich Rückerts Nachlaß, hg. v. Heinrich Rückert, Leipzig: Hirzel

1867-1869

Gesammelte poetische Werke, hg. v. Heinrich Rückert u. D. Sauerländer, Frankfurt/M.: Sauerländer (12 Bde. in 10)

1872

Kindertodtenlieder. Aus seinem Nachlasse, Frankfurt/M.: Sauerländer

1877

Nachgelassene Gedichte und neue Beiträge zu dessen Leben und Schriften, Wien: Braumüller

1888

Poetisches Tagebuch. 1850-1866, hg. v. Marie Rückert, Frankfurt/M.: Sauerländer

1896

Werke, hg. v. C. Beyer, Leipzig: Fock (6 Bde.)

1896

Werke, hg. v. L. Laistner, Stuttgart: Cotta (6 Bde.)

1897

Werke. Krit. durchges. u. erl. Ausgabe, hg. v. G. Ellinger, Leipzig: Bibliogr. Institut (2 Bde.)

1910/11

Rückert-Nachlese. Sammlung der zerstreuten Gedichte u. Übersetzungen, hg. v. L. Hirschberg, Weimar: Privatdruck (2 Bde.)

1919

Morgenländische Sagen und Geschichten aus dem Nachlaß, hg. v. L. Hirschberg, Berlin: Goldschmidt-Gabrielli

1998ff.

Werke. Hist.-krit. Ausgabe, begr. v. Hans Wollschläger u. Rudolf Kreutner, hg. v. Rudolf Kreutner u.a., Göttingen: Wallstein (bislang 11 Bde. in 14)


      

Rückert-Gesellschaft

     

   
Du bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

    

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage,
Und in der Nacht mein Licht.

    

Wo ich auch nach dir frage,
Find' ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

    

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

 

(Aus den Kindertotenliedern, 1834)
  

 

   

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