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Nelly Sachs

eigentl.: Leonie Sachs
 

Lebensdaten
| Werk


 
* 10. Dezember 1891 Berlin (Schöneberg)

+ 12. Mai 1970 Stockholm (Krebserkrankung)

Grabstätte:

Stockholm, Bergfriedhof Norra Begravningsplatsen (Haga)

    

Nelly Sachs 1966
Bildquelle: Wikipedia
 


   
Lyrikerin, Dramatikerin, Übersetzerin. Ihr Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1966 erhielt sie den Literaturnobelpreis „für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Deutlichkeit interpretieren.“ Nach Enzensberger (1959) die größte deutschsprachige Lyrikerin der Gegenwart, aber erst in den sechziger Jahren des 20. Jhs. einem breiteren Publikum bekannt. S., schon in den Jahren der Nazi-Herrschaft beeinflusst von der jüdischen Mystik des 18. Jahrhunderts und der kabbalistischen Tradition des "Zohar", findet ihre eigene dichterische Sprache in den Jahren des Exils (vertiefte Auseinandersetzung mit der Bibel, und der deutschen mittelalterlichen Mystik). Die ersten Gedichtsammlungen und das Mysterienspiel Eli thematisieren das Grauen der Shoah und die Leiden des jüdischen Volkes. Die späteren Gedichte setzen sich mit dem menschlichen Leid allgemein und dem Tod auseinander.

  Einen wichtigen Teil des Werks stellen die szenischen Dichtungen dar, die bis dato aber selten auf die Bühne gebracht wurden. S. entwickelt dabei eine eigene Theatertheorie, in der Wort, Musik und Tanz eine Verbindung eingehen. 

       

Aus wohlhabender assimiliert-jüdischer Familie. Einziges Kind des Gummiwarenfabrikanten Georg William Sachs (1858-1930) und seiner Ehefrau Margarete, geb. Karger (1871-1950). Behütete Kindheit; kränkliche Konstitution, zunächst Privaterziehung (drei Jahre private Dorotheenschule in Moabit, danach Privatunterricht zu Hause). Ohne Berufsausbildung, allein auf die Ehe hin erzogen. Von den Nazis ausgebürgert; ab 1952 schwedische Staatsbürgerin. Zeitlebens psychische Probleme; in den sechziger Jahren schwere Paranoia-Schübe, Folge der Bedrohung in Nazi-Deutschland.

    

Du wirst . . . meine wiederholt ausgesprochene Bitte verstanden haben, daß ich hinter meinem Werk verschwinden will, daß ich anonym bleiben will . . . will, daß man mich gänzlich ausschaltet – nur eine Stimme, ein Seufzer für die, die lauschen wollen.« (Brief an Walter A. Berendsohn vom 25. Juni 1959)

   

Auszeichnungen (Auswahl)
  

1961

Erste Preisträgerin des von der Stadt Dortmund gestifteten Nelly-Sachs-Preises

1965

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

1967

Ehrenbürgerin der Stadt Berlin

1966

Nobelpreis für Literatur (zusammen mit Samuel Joseph Agnon)

     


Wichtige Lebensdaten:

1903-08

Besuch der "Höheren Mädchenschule" Hélène Auberts (Brückenallee 6); Abschluss mit dem Einjährigen (Mittlere Reife). Ohne Berufsausbildung.

1906

Erste Schreibversuche. Beginn des Briefwechsels mit Selma Lagerlöf.

1908

Während eines Kurbesuchs unglückliche Liebe zu einem älteren, evtl. verheirateten Mann (dem "Bräutigam" der Gedichte), die vom Vater unterbunden wird.  In der Folge Nahrungsverweigerung mit fast tödlichen Folgen. - Erste Gedichte; Dichtung wird zu einer Frage des Weiterlebens.

1908-10

Erste psychische Krise: Sanatoriumsaufenthalt.

1911

Umzug der Familie von der Lessingstr. 33 im Berliner Hansaviertel in den Siegmundshof 16.

1930

Tod des Vaters (Krebserkrankung). S. übernimmt die Verantwortung für Mutter und Haushalt. Aufgabe der Wohnung im Siegmundshof; zusammen mit der Mutter wieder zurück in das Haus Lessingstr. 33 (mütterlicher Besitz). Zurückgezogenes Leben.

1932

Erste Gedichtveröffentlichungen im Berliner Tageblatt. Kontakt mit dem Theaterwissenschaftler Max Herrmann und seiner Frau Helene sowie der Philologin Vera Lachmann.

1933

Rezitation ihrer Gedichte im Jüdischen Kulturbund, zu dem u. a. Gertrud Kolmar und Kurt Pinthus gehören.

1939

Bemühung um die Einreiseerlaubnis nach Schweden: Reise der Freundin Gudrun Harlan im Auftrag der beiden Frauen nach Schweden zu Selma Lagerlöf. Aufgrund eines Empfehlungsschreibens Lagerlöfs, der Unterstützung des schwedischen Prinzen Eugen und der Mosaischen Gemeinde Stockholm kann S. ein Transitvisum nach Schweden beantragen. - Aug.: Enteignung. Mutter und Tochter müssen ihre Wohnung räumen: Umzug in ein möbliertes Zimmer, dann in eine Pension in der Mommsenstraße.

1940

Mai: Gestellungsbefehl zur Zwangsarbeit, gleichzeitig Erhalt des Visums. 16.5.: Mit einem der letzten zivilen Flüge vom Flughafen Tempelhof nach Stockholm. Sämtliche Besitztümer finden in einem Koffer Platz. - Staatenlos.

1941

Die jüdische Gemeinde stellt Mutter und Tochter eine Wohnung am Bergsundsstrand im Süden Stockholms zur Verfügung. Schwierigste Lebensbedingungen, Armut und Isolierung. Pflege der kranken Mutter durch die Tochter. Die Nächte gehören dem Schreiben.

1942

Verdienstmöglichkeit durch die Übertragung schwedischer Lyrik ins Deutsche.

1950

7.2.: Tod der Mutter. März: Nervenzusammenbruch

1952

Schwedische Staatsbürgerin. In den folgenden Jahren vergrößert sich der Bekannten- und Freundeskreis (u.a. Paul Celan, Alfred Andersch, Hilde Domin, Hans Magnus Enzensberger).

1957

Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt 

1960

Mai: Erster Auslandsaufenthalt nach der Flucht aus Anlass der Verleihung des Meersburger Droste-Preises ("Sprung ins Ungewisse"). S. übernachtet in Zürich aus Angst, auf deutschem Boden zu nächtigen. Empfang am Flughafen durch Ingeborg Bachmann und Paul Celan. - Im Anschluss an die Preisverleihung Besuche bei Alfred Andersch im Tessin und Celan in Paris. - Juni: Nach der Rückkehr dramatische Verschlimmerung des Gesundheitszustandes (schwere Paranoia: S. fühlt sich von einer Naziliga verfolgt). Aug.: im Krankenhaus. Krankheitsschübe und Krankenhausaufenthalte bestimmen ab jetzt den Rest des Lebens. - Sept.: Besuch Celans in Stockholm.

1960-63

Immer wieder Aufenthalte in der Psychiatrie in Stockholm.

1961

Mitglied der Freien Akademie der Künste, Hamburg.

1963

Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München.

1965

Reise nach Frankfurt/M. zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels; anschließend Besuch der Heimatstadt Berlin.

1966

An ihrem Geburtstag Entgegennahme des Nobelpreises für Literatur in Stockholm. - Rückzug aus der Öffentlichkeit.

1970

12.5.: Tod im St.-Göran-Krankenhaus (am Tag der Beerdigung Celans in Paris).


Werke:

(e = entstanden; a = uraufgeführt in)

Gedichte

1921

Legenden und Erzählungen

1947

In den Wohnungen des Todes (Gedichtbd.)

1949

Sternverdunkelung. Gedichte

1957

Und niemand weiß weiter (Gedichtbd.)

1959

Flucht und Verwandlung (Gedichtbd.)

1961

Fahrt ins Staublose. Die Gedichte

1963

Ausgewählte Gedichte

1964

Glühende Rätsel

1965

Späte Gedichte

1966

Die Suchende. Gedichtzyklus
Landschaft aus Schreien. Ausgewählte Gedichte

1971

Teile dich Nacht. Die letzten Gedichte
Suche nach Lebenden. Gedichte

1977

Gedichte

Szenische Dichtungen

1943 e

1951
(1962 a Dortmund)

Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels (als Hörspiel a 1958; als Oper a 1959 [Musik: Moses Pergament], 1967 a Dortmund [Musik: Walter Steffens])

1962

Zeichen im Sand. Die szenischen Dichtungen:

  • Eli (1943 e)

  • Abram im Salz (1944 e, 1969 a Wien)

  • Nachtwache (1945 e, 1972 a Hildesheim)

  • Simson fällt durch Jahrtausende (1955 e, 1970 a Wien)

  • Der magische Tänzer (1955 e, 1973 a Hildesheim)

  • Versteckspiel mit Emanuel. Ein Delirium der Einsamkeit (1955 e, 1963 a Köln)

  • Vergebens an einem Scheiterhaufen (1958 e, 1966 a Karlsruhe)

  • Was ist ein Opfer? (1959 e, 1963 a Köln)

  • Beryll sieht in der Nacht (1961 e, 1967 a Iserlohn)

  • Abschieds-Schaukel (1967 a Iserlohn)

  • Verzauberung (1962 e, 1966 a Iserlohn)

  • Viermal Galaswinte (1962 e, 1963 a Köln)

  • Der Stumme und die Möve (1965 a Karlsruhe)

  • Eine Scheidelinie wird weiter hinausgezogen (1962 e, 1963 a Köln)

1967

Simson fällt durch Jahrtausende und andere szenische Dichtungen

1970

Verzauberung. Späte szenische Dichtungen

Prosa

1951-53 e

Briefe aus der Nacht

1955 e

Leben unter Bedrohung

Übersetzungen (Auswahl)

1947

Von Welle und Granit (Anthologie schwedischer Lyrik des 20. Jhs.)

1957

Aber auch diese Sonne ist heimatlos (Anthologie schwedischer Lyrik der Gegenwart)

1965

Schwedische Gedichte

Werkausgabe

2010-11

Werke, kommentierte Ausgabe, hg. v. Matthias Weichelt, Ariane Huml, Aris Fioretos, Berlin: Suhrkamp (4 Bde.)

              


                   

3. Mai 2015

    

  

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