Autoren | Epochen
 

Arno Schmidt

vollst.: Arno Otto Schmidt

Lebensdaten | Werk



* 18. Januar 1914 Hamburg 

+ 3. Juni 1979 Celle (Schlaganfall)

 

Grabstätte: Bargfeld (Kreis Celle), unter einem Findling

im Garten seines Hauses

  

 

Radierung von Jens Rusch
zur Erzählung "Kühe in Halbtrauer"
Bildquelle: Wikipedia
 

   
Erzähler, Essayist, Übersetzer. Experimentierfreudiger Avantgardist. 

  In seinen Werken Versuch einer Erneuerung der Prosa, die einem veränderten Weltbewusstsein gerecht wird: Neologismen, eigenwillige Orthographie und Interpunktion, expressionistische Lautmalereien; in der Erzählstruktur spiegelt sich die Erfahrung der Diskontinuität, des "musivischen Daseins": Verzicht auf chronologisches Erzählen, unverbundene Aneinanderreihung von inhaltlichen Details, Geflecht von Anspielungen und Bezügen, geprägt von Wortwitz und Einfallsreichtum.

  Neben den erzählenden Texten zahlreiche literaturhistorische Arbeiten (zumeist für den Rundfunk), in denen sich Schmidt in eine lange Tradition einreiht, die von Lukian über Klopstock, Wieland, Fouqué, Tieck, Scott und Poe bis zu Stramm, Döblin und Joyce reicht.

  "Etym-Theorie": Sprache lässt auf das Unbewusste schließen; Wortassoziationen, Homonyme, Mehrdeutigkeiten, Assonanzen, Konnotationen usw. ("Etyms") deuten auf (meist sexuelle) "Hintergedanken" des Autors. So behauptet Schmidt z.B., dass Karl May latent homosexuell gewesen sei (Sitara und der Weg dorthin).

  Von Anfang an höchst umstrittener Autor: Der positiven Würdigung seiner literarischen Arbeit stehen wütende Verrisse bzw. abwertende Urteile gegenüber. Vor allem sein "Überbuch" Zettel's Traum, das auf jahrelang angelegte 120.000 Zettel zurückgreift, polarisiert (10 kg schweres, 1334 dreispaltige DIN-A3-Seiten starkes Typoskript mit Randbemerkungen und Texteinschüben: abschreckender "Zettelkastenrausch"; "unlesbar"). Andererseits besteht eine begeisterte Lesergemeinde. 

  Nahezu vollständige Übersetzung seines Werks ins Englische; daneben Übersetzungen ins Französische, Spanische, Italienische und Ungarische.

    

  Sohn des Polizeioberwachtmeisters Friedrich Otto Schmidt aus Halbau, Schlesien (1883-1928) und seiner Ehefrau Klara Gertrud, geb. Ehrentraut (1894-1973). Schwester: Luzie, verh. Kiesler (1911-1977).

  Aufgewachsen im Hamburger Arbeitervorort Hamm: isolierte und tagträumerische Kindheit in kleinbürgerlicher Enge. Zu den ersten  Leserlebnissen gehören die Romane von Jules Verne und Karl May, die zu prägenden Vorbildern werden. Als Schriftsteller menschenscheuer Einzelgänger, der sich in einem winzigen Dorf in der Lüneburger Heide von der Außenwelt abschottet und am üblichen Literaturbetrieb nicht teilnimmt, auch Kontakte zu Schriftstellerkollegen (z.B. zur "Gruppe 47") konsequent ablehnt. Politische Oppositionshaltung; nach den Kriegserfahrungen radikaler Gegner der Wiederbewaffnung. 
  

1937

Heirat mit Alice Murawski (1916-1983)

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl)

1964

Fontane-Preis

1973

Goethe-Preis der Stadt Frankfurt


 
Wichtige Lebensdaten:
 

1920

Volksschule in Hamburg.

1928

Sept.: Tod des Vaters; Umzug der Restfamilie ins Elternhaus der Mutter nach Lauban/Schlesien. Besuch der Oberrealschule in Görlitz.

1933

Abitur. Höhere Handelsschule in Görlitz.

1934

Kaufmännische Lehre in den Greiff-Werken (Textilfabrik) in Greiffenberg.

1937

Lagerbuchhalter in den Greiff-Werken. 21.8.: Heirat mit der Sekretärin und Kollegin Alice Murawski.

1938

Umzug nach Greiffenberg in eine Werkswohnung. Siebentägige Hochzeitsreise nach London (einzige gemeinsame Auslandsreise).

1940

Sch. wird zur Artillerie eingezogen; Dolmetscherlehrgang; Schreibstubendienst in Hagenau (Elsaß).

1942

Versetzung nach Norwegen (Molde-Fjord).

1945

Freiwillige Meldung zum Fronteinsatz im Westen, um Heimaturlaub zu erhalten und seiner Frau bei den Vorbereitungen zur Flucht aus Schlesien beistehen zu können. 14.4.: Gefangennahme. In einem englischen Lager bei Brüssel. Dez.:  Dolmetscher in einer englischen Hilfspolizeischule in Benefeld bei Fallingbostel (Lüneburger Heide). Einzimmerwohnung im Mühlenhof Cordingen.

1946

Dez.: Nach Schließung der Polizeischule arbeitslos. Entschluss zur Existenz als freier Schriftsteller. Hungerleben; Unterstützung durch CARE-Pakete der 1939 mit ihrem jüdischen Mann in die USA emigrierten Schwester.

1950

Als mittellose Flüchtlinge werden die Schmidts nach Gau-Bickelheim (Rheinhessen) umgesiedelt. Brotarbeiten für Rundfunk und Zeitungen; Übersetzertätigkeit.

1951

Dez.: Umzug nach Kastel an der Saar.

1953

Ablehnung einer Einladung der Gruppe 47 ("Ich nähre mich lieber still und redlich vom Übersetzen als von literarischer 175erei.")

1955

Verfahren wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften und Gotteslästerung" (Seelandschaft mit Pocahontas); deswegen Umzug ins liberalere Hessen (Darmstadt).

1956

Einstellung des Verfahrens (aufgrund eines Gutachtens des damaligen Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Hermann Kasack).

1958

Nov.: Kauf und Bezug eines Holzhauses in Bargfeld bei Celle.

1965

Beginn der Arbeit an Zettels Traum. Völlige Zurückgezogenheit während der Niederschrift unter Verzicht auf soziale Kontakte; Vernachlässigung der eigenen Gesundheit: wenig Schlaf, Kaffee-, Alkohol- und Tablettenkonsum.

1970

Großes Mediencho nach dem Erscheinen von Zettels Traum. Schmidt wird über den Kreis seiner Stammleser hinaus bekannt. 

1972

Juli: Herzinfarkt.

1973

Für den gesundheitlich Angeschlagenen nimmt seine Frau den Goethe-Preis entgegen und verliest seine Dankesrede.

1977

Finanzielle Unterstützung durch den Unternehmerssohn und Germanisten Jan Philipp Reemtsma (in der Höhe orientiert an der Nobelpreis-Dotierung).

1979

Tod im Krankenhaus Celle infolge eines Schlaganfalls.

1981

Gründung der Arno-Schmidt-Stiftung durch Alice Schmidt und Jan Philipp Reemtsma.


Werke:

(e = entstanden)

Romane

1956

Das steinerne Herz. Historischer Roman aus dem Jahre 1954

1957

Die Gelehrtenrepublik

1960

Kaff auch Mare Crisium

1970

Zettel's Traum

1972

Die Schule der Atheisten. Novellen=Comödie in 6 Aufzügen

1975

Abend mit Goldrand. Eine Märchenposse

1983

Julia oder Die Gemälde. Scenen aus dem Novecento (Frgm.)

1996

Arno Schmidts Lilienthal 1801 oder Die Astronomen. - Fragmente eines nicht geschriebenen Romans

Erzählungen
 

1949

Leviathan

  • Gadir oder Erkenne Dich selbst

  • Leviathan oder Die beste der Welten

  • Enthymesis oder W.I.E.H.

1951

Brand's Haide

  • Brand's Haide

  • Schwarze Spiegel

1953

die umsiedler

  • die umsiedler

  • alexander oder was ist wahrheit?

Aus dem Leben eines Fauns

1955

Kosmas oder Vom Berge des Nordens

  • Kosmas oder Vom Berge des Nordens

  • Zeichnung des Systems

1959

Rosen & Porree

  • Seelandschaft mit Pocahontas

  • Die Umsiedler

  • Alexander oder Was ist Wahrheit?

  • Kosmas oder vom Berge des Nordens

  • Berechnungen I

  • Berechnungen II

1963

Nobodaddy's Kinder

  • Aus dem Leben eines Fauns

  • Brand's Haide

  • Schwarze Spiegel

1964

Kühe in Halbtrauer

  • Kühe in Halbtrauer

  • Die Wasserstraße

  • Windmühlen

  • Großer Kain

  • Schwänze

  • Der Sonn' entgegen...

  • Kundisches Geschirr

  • Die Abenteuer der Sylvesternacht

  • Caliban über Setebos

  • Dr. Mac Intosh: "Piporakemes!"

1966

Trommler beim Zaren (Erzählungen und Essays)

  • Aus der Inselstraße (Trommler beim Zaren; Schlüsseltausch; Der Tag der Kaktusblüte; Nachbarin, Tod und Solidus; Lustig ist das Zigeunerleben; Die Vorsichtigen; Seltsame Tage; Rollende Nacht; Was soll ich tun?; Rivalen; Am Fernrohr; Geschichten von der Insel Man; Schulausflug; Nebenmond und rosa Augen)

  • Stürenburg-Geschichten

  • Berichte aus der Nicht-Unendlichkeit

  • Und es blitzten die Sterne

1995

Sommermeteor (Erzählungen)

2002

Brüssel. Die Feuerstellung. Zwei Fragmente

       
Essays
          

1958

Fouqué und einige seiner Zeitgenossen (2. verb. u. verm. Aufl. 1960)
Dya Na Sore. Gespräche in einer Bibliothek

1961

Belphegor. Nachrichten von Büchern und Menschen

1963

Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays

1965

Die Ritter vom Geist. Von vergessenen Kollegen

1966

Trommler beim Zaren (Erzählungen und Essays)

1969

Der Triton mit dem Sonnenschirm. Großbritannische Gemütsergetzungen

1984

... den "Wallflower" heißt "Goldlack". Drei Dialoge

1984

Deutsches Elend. 13 Erklärungen zur Lage der Nation

1984 (1940 e)

Dichtergespräche im Elysium (2 Bde.)

1987

Das Leptothe=Herz. 16 Erklärungen zur Lage der Literaturen

1989

Arno Schmidts Wundertüte. Eine Sammlung fiktiver Briefe aus den Jahren 1948/49

1989

Griechisches Feuer. 13 historische Skizzen

1993

Der Platz, an dem ich schreibe. 17 Erklärungen zum Handwerk des Schriftstellers

2003

Fragmente. Prosa, Dialoge, Essays, Autobiografisches

          
Übersetzungen
(Auswahl)
          

1952

Hammond Innes: Der weiße Süden (The White South)

1962

James F. Cooper: Conanchet oder die Beweinte von Wish-Ton-Wish (The Wept of Wish-ton-Wish)

1962

William Faulkner: New Orleans

1966-73

Edgar Allan Poe: Werke I-IV (zus. mit anderen Autoren)

1976

James F. Cooper: Satanstoe (Satanstoe; The Littlepage Manuscripts I)

1977

James F. Cooper: Tausendmorgen (The Chainbearer; The Littlepage Manuscripts II)

1978

James F. Cooper: Die Roten (The Redskins; The Littlepage Manuscripts III)

         

Werkausgabe

         

1986ff.

Bargfelder Ausgabe, hg. v. d. Arno-Schmidt-Stiftung (16 Bde.)

 


           

Arno-Schmidt-Stiftung

Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser

            

           

26.03.2015

 
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