Anna Seghers
eigentl. Netty Radványi, geb. Reiling
Künstlername "Seghers" ab 1927, "Anna Seghers" ab 1928 (nach dem niederl. Maler Hercules Seghers)
Lebensdaten | Werk  


 
*19. November 1900
Mainz

+1. Juni 1983 Berlin

Grabstätte: Berlin-Mitte, Dorotheenstädtischer Friedhof


Aus großbürgerlichem, orthodox jüdischem Elternhaus; einzige Tochter des Antiquitätenhändlers und Kustos' der Kunstsammlungen des Mainzer Doms Isidor Reiling (+1940) und seiner Frau Hedwig, geb. Fuld. Tritt mit 28 Jahren in die KPD ein. Nach der Emigration Rückkehr in den östlichen Teil Deutschlands; bei aller Desillusionierung in der Ära des Stalinismus klares Bekenntnis zur SED und zur DDR. Als hochdekorierte Schriftstellerin und Präsidentin des Schriftstellerverbands der DDR zumindest nach außen immer auf Parteilinie: so z.B. bei der Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953, beim Prozess gegen den der konterrevolutionären Verschwörung angeklagten Leiter des Aufbau-Verlags, Walter Janka, 1957 (mag sie auch inoffiziell bei Ulbricht interveniert haben), beim Ausschluss von Heiner Müller aus dem Schriftstellerverband 1961 und bei der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976.

1925

Eheschließung mit dem ungarischen Soziologen László Radványi (alias Johann-Lorenz Schmidt, 1900-1978). Kinder: Peter (*1926), Ruth (*1928)

Meisterhafte Erzählerin, deren Erzählungen und Romane auch ihre persönliche Widersprüchlichkeit spiegeln, laufen sie doch oft genug ästhetisch wie inhaltlich den Forderungen des sozialistischen Realismus zuwider. Seghers' erzählerische Wurzeln liegen bei Kleist, Kafka, Dostojewski und Dos Passos (filmische Collagetechnik). Wo sie auf die ästhetischen und inhaltlichen Forderungen des offiziellen Kunstdogmas einschwenkt (wie etwa in den Romanen Die Entscheidung oder Das Vertrauen), verliert ihre Arbeit deutlich an literarischem Wert. Ihre Themen sind der Kampf gegen soziales Unrecht und Unterdrückung, die Emigration und natürlich die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Zum überragenden Welterfolg wurde der Roman Das siebte Kreuz, der kühl und ohne Effekthascherei ein authentisches Bild Hitlerdeutschlands entwirft; der Roman wurde (wie viele der Werke Seghers) verfilmt (1944, Regie: Fred Zinnemann).

Auszeichnungen (Auswahl):

1928

Kleistpreis

1947

Georg-Büchner-Preis

1951

Stalin-Friedenspreis

1951
1959
1971

Nationalpreis der DDR, 1. Klasse

1959

Ehrendoktor der Friedrich-Schiller-Universität Jena

1960

Vaterländischer Verdienstorden in Gold

1965
1969
1974

Karl-Marx-Orden

1975

Kulturpreis des Weltfriedensrates
Ehrenbürgerin von Berlin (Ost)

1977

Ehrenbürgerwürde der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

1980

Held der Arbeit

1981

Ehrenbürgerin der Stadt Mainz


wichtige Lebensdaten:

1907

Privatschule.

1910

Höhere Mädchenschule in der Peterstraße (heute Frauenlob-Gymnasium).

1914

Hilfsdienste im Krieg.

1917

Ostern: Großherzogliche Studienanstalt.

1920

Febr.: Abitur. Apr.: Studium der Geschichte, Sinologie, Kunstgeschichte. Bekanntschaft mit dem Sinologen Philipp Schaeffer und mit dem ungarischen Kommunisten László Radványi, ihrem späteren Mann.

1921

Wechsel an die Universität Köln: Studium der Kunstgeschichte.

1922

Ab dem Wintersemester wieder in Heidelberg.

1924

Dissertation Jude und Judentum im Werk Rembrandts. 4.11.: Promotion zum Dr. phil.; Weihnachten: erste Veröffentlichung in der Frankfurter Zeitung (Die Toten auf der Insel Djal).

1925

10.8.: Heirat. Wohnung in Berlin-Wilmersdorf (Helmstedter Str.).

1928

Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller; Eintritt in die KPD. Künstlername Anna Seghers.

1929

Reise nach London.

1930

Erste Reise in die Sowjetunion. Umzug nach Zehlendorf (Am Fischtal).

1932

Teilnahme am Antikriegskongress in Amsterdam.

1933

Nach der Machtergreifung der Nazis Flucht in die Schweiz; von dort nach Bellevue bei Paris.

1933-35

Redaktionsmitglied der Exilzeitschrift "Neue Deutsche Blätter. Monatsschrift für Literatur und Kritik".

1938-39

Briefwechsel mit Georg Lukács.

1940

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich Internierung von Laszlo Radványi (Pseudonym: Johannes Schmidt) in den südfranzösischen Lagern Le Vernet und Les Milles. S. gelingt mit den Kindern die Flucht nach Pamiers und Marseille. Sie erkämpft die Entlassung ihres Mannes.
Tod des Vaters.

1941

März: Flucht der Familie über Martinique, Santo Domingo, Ellis Island/New York nach Veracruz und schließlich nach Mexiko City.
Seghers' Mann wird Professor an der Arbeiter-Universität Mexiko (ab 1944 auch an der Nationaluniversität). Präsidentin des Heinrich-Heine-Clubs. Mitherausgeberin der Zeitschrift "Freies Deutschland", die ab Oktober 1941 erscheint.

1942

Deportation der Mutter.

1943

Schwerer Verkehrsunfall.

1944

Verfilmung des Siebten Kreuzes mit Spencer Tracy in der Hauptrolle.

1947

Apr.: Rückkehr nach (West-) Berlin über New York, Stockholm und Paris. Ihr Mann bleibt vorläufig in Mexiko. Eintritt in die SED.

1948

Zweite Reise in die Sowjetunion als Mitglied einer Künstlerdelegation.

1949

Teilnahme am Weltfriedenskongress in Paris.

1950

Umzug nach Ostberlin. Präsidiumsmitglied des Weltfriedensrats. Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste der DDR.

1951

Reise nach China.

1952

Rückkehr des Ehemanns nach Berlin. Lesereisen nach Westdeutschland.

1952-78

Vorsitzende des Schriftstellerverbands der DDR.

1954

Mehrere Wochen in der Sowjetunion (Studien zu Lew Tolstoi).

1955

Krankenhausaufenthalt. Umzug in die Volkswohlstr. 81 (Wohnung bis zum Tod; heute Anna-Seghers-Str.; Gedenkstätte). Zusammentreffen mit Thomas Mann in Weimar.

1956

Frühjahr: Reise in die Sowjetunion.

1961

Brasilien-Reise (Bekanntschaft mit Jorge Amado).

1963

Zweite Brasilien-Reise.

1977

Mehrmonatige Krankheit.

1978

Rücktritt als Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. 3.7.: Tod ihres Mannes.

1982

Mehrere Krankenhausaufenthalte.


Werke:
(e = entstanden; g = Ursendung)

Erzählungen

1924

Die Toten auf der Insel Djal. Eine Sage aus dem Holländischen

1925 e
2000

Jans muss sterben

1927

Grubetsch (u. d. Ps. "Seghers")

1928

Aufstand der Fischer von Santa Barbara

1929

Die Wellblechhütte. Bruchstücke einer Erzählung

1930

Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft (Sgl.)

1933

Die Stoppuhr

1934

Der letzte Weg des Koloman Wallisch

1938

Sagen von Artemis
Wiedersehen
Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok

1943

Das Obdach

1943 e
1946

Der Ausflug der toten Mädchen
Post ins gelobte Land

1948

Das Ende. La Fin (zweispr.)
Sowjetmenschen. Lebensbeschreibungen nach ihren Berichten

1949

Die drei Bäume
Das Argonautenschiff (Sagen von Jason)
Die Hochzeit von Haiti (2 Novellen)

1950

Die Linie (3 Erz.)

1951

Crisanta. Mexikanische Novelle
Die Kinder (3 Erz.)

1952

Der Mann und sein Name

1953

Der erste Schritt
Der Bienstock. Ausgewählte Erzählungen (2 Bde.)

1954

Die Hochzeit von Haiti (3 Erz.)

1955

Der Führerschein

1957 e
1990

Der gerechte Richter

1958

Brot und Salz (3 Erz.)

1960

Das Licht auf dem Galgen

1962

Karibische Geschichten (Slg.)

1965

Die Kraft der Schwachen (9 Erz.)

1966

Geschichten von heute und gestern (Slg.)

1967

Das wirkliche Blau. Eine Geschichte aus Mexico

1970

Geschichten aus Mexiko (Slg.)
Die Tochter der Delegierten (Slg.)

1971

Überfahrt. Eine Liebesgeschichte

1973

Sonderbare Begegnungen (Slg.)

1977

Steinzeit
Wiederbegegnung

1980

Drei Frauen aus Haiti (3 Erz.)

1990

Post ins gelobte Land (Slg.)

1992

Die Reisebegegnung

1998

Die Trennung. Geschichten über Frauen

Romane

1932

Die Gefährten

1933

Der Kopflohn. Roman aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932

1935

Der Weg durch den Februar

1937

Die Rettung

1942

Das siebte Kreuz

1944
1948
(dt.)

Transit (span., engl., frz.) 

1949

Die Toten bleiben jung

1959

Die Entscheidung

1968

Das Vertrauen

Hörspiel

1937 (g Radio Antwerpen)
1965

Der Prozeß der Jeanne d'Arc zu Rouen 1431

Essays, Reden

1953

Frieden der Welt. Ansprachen und Aufsätze 1947-1953

1963

Über Tolstoi
Über Dostojewski

1966

Die Aufgaben des Schriftstellers heute. Offene Fragen

1969

Glauben an Irdisches. Essays aus vier Jahrzehnten

1970-71

Über Kunstwerk und Wirklichkeit. Bd. 1-3

1979

Die Macht der Worte. Reden, Schriften, Briefe
Über Kunstwerk und Wirklichkeit, Bd. 4

Ausgaben

1951-53

Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Berlin/Weimar (Aufbau, 8 Bde.)

1963ff.

Ausgewählte Werke, Berlin/Neuwied (Luchterhand, 7 Bde.)

1977

Werke, Darmstadt/Neuwied (Luchterhand, 10 Bde.)

1977-80

Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Berlin/Weimar (Aufbau, 14 Bd.)

1994

Sämtliche Erzählungen 1924-1980, Berlin (Aufbau, 6 Bde.)

2002ff.

Werke, hg. v. Bernhard Spies und Helen Fehervary, Berlin (Aufbau)


Links:

Anna-Seghers-Gesellschaft

Anna-Seghers-Seite von Margrid Bircken

Anna-Seghers-Seite von Ursula Homann

 

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