Autoren | Epochen
   

Carl Spitteler

vollst.: Carl Friedrich Georg Spitteler

Pseudonym: Carl Felix Tandem
 
Lebensdaten
| Werk

Spitteler-Texte online


 
* 24. April 1845
Liestal

   

+ 29. Dezember 1924 Luzern 

   

Grabstätte: Luzern, Städtischer Friedhof Friedental (Ehrengrab)

 

  

 

Gemälde von Ferdinand Hodler, 1915

(Ausschnitt)
 
 

  
Schweizer Dichter, Kritiker und Essayist. Bisher einziger gebürtiger Schweizer Literatur-Nobelpreisträger. Auch zu seiner Zeit wenig gelesen. Heute außerhalb der Schweiz in Vergessenheit geraten.

 Unter dem Einfluss Schopenhauers und seines Gymnasiallehrers Jacob Burckhardt pessimistische Beurteilung der Moderne. Versucht in seinen Versepen die Mythen der Antike wiederzubeleben und den hohen epischen Stil zeitgemäß zu erneuern. Der Prometheus seines Erstlings ist innerlich verwandt mit dem Zarathustra Nietzsches. In seinem Hauptwerk, dem  monumentalen Epos Olympischer Frühling wird der Pessimismus ins Kosmische ausgeweitet: Das Leben ist ein unerbittlicher Kampf gegen ein gnadenloses Schicksal; dem entgegen stellt der Atheist Sp. die innere Gegenwelt des Schönen ("Mein Herz heißt dennoch"). Zum Jugendstil gehört der stark autobiographisch gefärbte Schlüsselroman Imago, dessen Titel über Freud in die Terminologie der Psychoanalyse eingeht. Naturalistische Darstellungsweise im Roman Conrad der Leutnant.

 In Deutschland blieb das Werk Spittelers relativ unbekannt. Viel stärkere Reaktionen rief 1914 seine einzige politische Rede hervor: Unser Schweizer Standpunkt. Darin mahnt er die Neutralität der Schweiz im 1. Weltkrieg an und verurteilt die deutsche Kriegsführung gegen Belgien. Auf Druck Österreichs und Deutschlands wurde ihm deshalb 1915 der Nobelpreis verwehrt (nach Kriegsende allerdings auch aufgrund dieser Haltung - bis heute fester Bestandteil des Schweizer Selbstverständnisses - zuerkannt).

    

1883

Eheschließung mit Marie Op den Hooff (1863-1929); zwei Töchter: Anna (1886-1962), Marie-Adèle (1891-1940)


Sohn des protestantischen Richters und Landschreibers Karl Spitteler (1809-1878) und seiner Ehefrau Anna Dorothea, geb. Brodbeck (1827-1913). Zwei Brüder; einer davon Friedrich Adolf (1846-1940, Chemiker, Erfinder).

 Mühsamer Weg zum Erfolg: Trotz der Anerkennung Kellers bleibt das erstveröffentlichte Werk weitgehend unbeachtet; Scheitern als Dramatiker (eine einzige Aufführung). Literarischer Durchbruch erst mit Mitte 50 (Versepos Olympischer Frühling).

Auszeichnungen und Ehrungen:

1905

Ehrendoktorwürde der Universität Zürich

1909

Ehrenbürger der Stadt Luzern

1915

Ehrendoktorwürde der Universität Lausanne

1920

Nobelpreis für Literatur (für 1919; im besonderen Hinblick auf das Epos Olympischer Frühling)

Großer Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung

1921

Ernennung zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion


Wichtige Lebensdaten:

1849

Umzug der Familie nach Bern, wo der Vater als eidgenössischer Kassier des 1848 neu geschaffenen Schweizer Bundesstaats tätig ist.

1856

Rückkehr der Eltern nach Liestal. 

1857

Jan.: Der Schule wegen in Basel bei einer Tante in Pension. Besuch des Pädagogiums; einer seiner Lehrer ist Jacob Burckhardt. - Beginn der lebenslangen Freundschaft mit dem späteren Journalisten und Schriftsteller Joseph Viktor Widmann (1842-1911).

1860

Wieder bei den Eltern in Liestal; tägliche Bahnfahrt nach Basel zur Schule.

1862

Okt.: Entschluss, Dichter zu werden: "Und jäh wie der Blitz, hell wie der Mittag durchfuhr mich ein Gedanke: Das ist's, nicht die Musik, nicht die Malerei, sondern die Poesie."

1863

Abitur. Auf Wunsch des Vaters Jura-Studium in Basel. Krise; Abbruch des Studiums; fluchtartige Wanderung; ab Dez. längerer Aufenthalt bei Freunden in Luzern. Schwerer Konflikt mit dem Vater.

1865

Obwohl nicht mehr gläubig Beginn eines Theologie-Studiums in Zürich.

1867

Fortsetzung des Studiums in Heidelberg.

1868

Herbst: Rückkehr nach Liestal; Vorbereitung auf das theologische Staatsexamen. Das Liestaler Pfarrerkollegium lehnt eine Zulassung zum Examen wegen mangelhafter Kenntnisse und Unglaubens ab.

1870

Intensives Studium in Basel.

1871

Frühjahr: Erfolgreiches Abschlussexamen. - Sommer: Wahl zum Pfarrer in Arosa. Sp. schlägt das Amt aus. - Aug.: Annahme einer Stelle als Erzieher bei der Generalsfamilie Standerskjöld in St. Petersburg.

1873

Wechsel zur Familie von Cramer in St. Petersburg.

1878

Tod des Vaters.

1879

Rückkehr in die Schweiz; Lehrer an der Einwohnermädchenschule in Bern.

1881-85

Als Lehrer in La Neuveville am Bieler See.

1883

Eheschließung mit der niederländischen Staatsbeamtentochter Marie Op den Hooff.

1885-89

Journalistentätigkeit bei verschiedenen Zeitungen in Frauenfeld und Basel (u.a. bei der Schweizer Grenzpost).

1890-92

Feuilletonredakteur der Neuen Zürcher Zeitung.

1892

Tod des Schwiegervaters; Bezug des schwiegerelterlichen Hauses in Luzern; dank des Erbes finanzielle Unabhängigkeit und Möglichkeit einer Existenz als freier Schriftsteller.

1913

Tod der Mutter.

1924

Spitteler stirbt in Luzern.


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung in)

Epen

1880/81

Prometheus und Epimetheus. Ein Gleichnis (2 Teile.; u. d. Pseudonym Carl Felix Tandem)

1900-1905

Olympischer Frühling (4 Bde; Umarbeitung 1910, 2 Bde.)

  • Die Auffahrt (1900)

  • Hera, die Braut (1901)

  • Die hohe Zeit (1903)

  • Ende und Wende (1904)

1924

Prometheus der Dulder (Umarbeitung von Prometheus und Epimetheus)

Romane

1888

Das Wettfasten von Heimligen

1898

Conrad der Leutnant. Eine Darstellung

1906

Imago

Erzählungen

1889

Das Bombardement von Åbo

1891

Friedli der Kolderi

1892

Gustav. Ein Idyll

1907

Gerold und Hansli, die Mädchenfeinde. Kindergeschichte (Neuausgabe 1920)

Gedichte

1883

Extramundana. Verserzählungen (unter Psn.; veränd. Neuauflage 1905)

1889

Schmetterlinge. Gedichte (unter Psn.)

1892

Literarische Gleichnisse

1896

Balladen

1906

Glockenlieder

Dramen

1888

Bacillus. Lustspiel

1889 (a Basel)

Der Parlamentär. Lustspiel

1892

Der Ehrgeizige. Lustspiel

Reiseführer

1897

Der Gotthard (Auftragsarbeit für die Gotthardbahn- Gesellschaft)

Autobiographisches

1908

Meine Beziehungen zu Nietzsche

1914

Meine frühesten Erlebnisse

Essays/Reden

1898

Lachende Wahrheiten. Gesammelte Essays

1914

Unser Schweizer Standpunkt (Vortrag)

1919

Gottfried-Keller-Rede in Luzern (dt. Ausgabe 1920: Gottfried Keller. Eine Rede)

1923

Warum ich meinen Prometheus umgearbeitet habe (Vortrag)

Werkausgaben

1945-58

Gesammelte Werke, hg. v. G. Bohnenblust u.a., Zürich: Artemis (11 Bde.)

1965

Kritische Schriften, ausgew. v. W. Stauffacher, Zürich: Artemis

1998

Briefwechsel mit Viktor Widmann, hg. v. W. Stauffacher, Zürich: Chronos

2002

Musikalische Schriften, hg. v. A. Wernli, Basel: Schwabe

   


  

[Die Schicksalsgöttin Moira]:
   

Obschon sie steif und starr, ein Stein auf Steinen, stand,

Ihr finstrer Schatten, kletternd von der Weltenwand,

Verriet die Schreckliche; und winselnd floh das Grauen.

Denn furchtbar war der Göttin Richterhaupt zu schauen:

Da blüht kein Mund, da spielt kein farbig Augenlicht,

Denn eine Eisenmaske hehlt ihr Angesicht,

Mit Hörnern aus dem Helm, wo in verborgnen Schlitzen

Zehnfach von Erz umschlossen ihre Ohren sitzen,

Auf dass das Betteln sie nicht höre und die Schreie

Der Erdgebornen und der Flüche schwarze Reihe.

(aus: Olympischer Frühling)

 

 

5. Oktober 2016

  

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