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Ernst Stadler
 
vollst.: Ernst Maria Richard Stadler
 
Lebensdaten
| Werk

Stadler-Texte online


  
* 11. August 1883 Colmar

+ 30. Oktober 1914 Zandvoorde bei Ypern/Belgien (gefallen)

Grabstätte: Straßburg-Ruprechtsau (La Robertsau), Friedhof
  

  

Bildquelle: Wikipedia
  

           
Zweiter Sohn des Staatsanwalts und späteren Kurators an der Kaiser-Wilhelms-Universität in Straßburg Adolf Xaver Stadler (1843-1910) und seiner Frau Regine, geb. Abrell (1854-1920). Die Eltern stammen aus dem Allgäu. Bruder: Herbert (*1880). St. wird auf Wunsch der Mutter protestantisch getauft. Schon in der Gymnasialzeit Mitglied in der Dichtergruppe "Jüngstes Elsaß"; freundschaftliche Beziehungen zu René Schickele und Otto Flake.

            

Universitätslehrer, Dichter und Übersetzer. Setzt sich in seiner wissenschaftlichen und literarischen Tätigkeit für Völkerverständigung, besonders für eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland ein. Ästhetizismus in den frühen Gedichten; ab 1910 bedeutender Vertreter des Expressionismus mit großer Ausstrahlung; "Apotheose des Lebens" in Inhalt und Form: Bewegung als Stilprinzip (Verben, "dynamisierende Metapher" [K. L. Schneider]).


Wichtige Lebensdaten:

1886

Umzug der Familie nach Straßburg (Versetzung des Vaters ans Ministerium).

ab 1892

Protestantisches Gymnasium. Theaterbegeisterung.

1901

Erste Veröffentlichung eines Gedichtes in einer Berliner Zeitschrift. Ab Herbst: regelmäßige Treffen des Kunstkreises Jüngstes Elsaß bei dem Maler Georges Ritling (Schickele, Flake, Arp u.a.). Ziel: Synthese von deutscher und französischer Kultur.

1902

Abitur. Studium der Germanistik, Romanistik und der vergleichenden Sprachwissenschaft in Straßburg; Mitherausgeber der Zeitschrift Der Stürmer (zus. mit René Schickele). Literarische Vorbilder: George und Hofmannsthal. Herbst: Militärdienst als »Einjährig-Freiwilliger« beim Ober-Elsässischen Feldartillerie-Regiment 51 in Straßburg.

1903

Herbst: Entlassung als Reserveoffizier.

1904

Ein Semester an der Universität München.

1906

Promotion (magna cum laude); Dissertation über Wolframs Parzival.

1906-08

Stipendiat am Magdalenen-College in Oxford.

1908

Habilitation in Straßburg im Fach Deutsche Philologie.

1910

Beurlaubung zu Studien in Oxford. Okt.: Dozent für deutsche Sprache und Literatur an der Université Libre in Brüssel. Nov.: Tod des Vaters.

1912

Professeur extraordinaire an der Université Libre in Brüssel. Juli/Aug.: Berlin-Aufenthalt.

1913

Freundschaft mit Carl Sternheim und seiner Frau. Sommer: Angebot einer Gastprofessur in Toronto. Reise nach Rom und Florenz.

1914

Zusage für Toronto; Lehrbeginn für Sept. geplant. Stattdessen als Artillerieoffizier an die Westfront; Tagebuchaufzeichnungen. Als Zugführer Teilnahme an der Marne-Schlacht und den Kämpfen um Ypern. 22.10.: letzter Tagebucheintrag. Beim Sturm auf Zandvoorde wird St. von einer Granate zerrissen.


Werke:

Lyrik

 

1905
(recte 1904)

Praeludien

1914

Der Aufbruch. Gedichte (Die Flucht - Stationen - Der Spiegel [u.a. Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht, 1913] - Die Rast)

 

Habilitationsschrift

 

1910

Wielands Shakespeare

  

Herausgeberschaft

  

1911

Hartmann von Aue: Der arme Heinrich und zwei jüngere Prosalegenden verwandten Inhalts

  

Übersetzungen

  

1913

Das Balzac-Buch. Erzählungen und Novellen

1913

Francis Jammes: Die Gebete der Demut 

1918

Aufsätze von Charles Péguy

  

Ausgabe

  

1983

Dichtungen, Schriften und Briefe. Krit. Ausgabe, hg. v. Klaus Hurlebusch u. Karl Ludwig Schneider, München: C. H. Beck


    


Form ist Wollust

Form und Riegel mussten erst zerspringen,
Welt durch aufgeschlossne Röhren dringen:
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen,
Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen.
Form will mich verschnüren und verengen,
Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen -
Form ist klare Härte ohn' Erbarmen,
Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen,
Und in grenzenlosem Michverschenken
Will mich Leben mit Erfüllung tränken.

 

Aufbruch
Einmal schon haben Fanfaren mein ungeduldiges Herz blutig gerissen,
Daß es, aufsteigend wie ein Pferd, sich wütend ins Gezäum verbissen.
Damals schlug Tambourmarsch den Sturm auf allen Wegen,
Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen.
Dann, plötzlich, stand Leben stille. Wege führten zwischen alten Bäumen.
Gemächer lockten. Es war süß, zu weilen und sich versäumen,
Von Wirklichkeit den Leib so wie von staubiger Rüstung zu entketten,
Wollüstig sich in Daunen weicher Traumstunden einzubetten.
Aber eines Morgens rollte durch Nebelluft das Echo von Signalen,
Hart, scharf, wie Schwerthieb pfeifend. Es war wie wenn im Dunkel plötzlich Lichter 
             aufstrahlen.
Es war wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren,
Die Schlafenden aufspringen und die Zelte abschlagen und die Pferde schirren.
Ich war in Reihen eingeschient, die in den Morgen stießen, Feuer über Helm und Bügel,
Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht, mit vorgehaltnem Zügel.
Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen,
Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen.
Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken
Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken.
(1914)

                           

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