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Ludwig Thoma

Pseudonym: Peter Schlemihl

Lebensdaten | Werk

 

Thoma-Texte online
 


 
*
21. Januar 1867 Oberammergau

  

+ 26. August 1921 Tegernsee (Magenkrebs)

    

Grabstätte:
Rottach-Egern, Friedhof von St. Laurentius
(neben dem Grab des Freundes Ludwig Ganghofer)

 

 

 

     

Lithographie von Karl Bauer

(Ausschnitt)

   


    

Rechtsanwalt, Redakteur, Erzähler, Dramatiker, Satiriker. In seinen Romanen realistischer Schilderer des bäuerlichen Leben Bayerns; Verfasser zeit- und gesellschaftskritischer Komödien (zum großen Teil im bairischen Dialekt; erfolgreichstes Stück: Moral), Satiren und Humoresken. Anfangs (schreibender) Rechtsanwalt, dann Aufgabe der Rechtsanwaltspraxis, seit 1897 im Künstlerkreis um die Satirezeitschrift Simplicissmus; kritischer Freigeist, der als Mitarbeiter und späterer Chefredakteur des Simplicissimus Militarismus, Untertanengeist, Klerikalismus und Sittlichkeitsvorstellungen des Besitzbürgertums aufs Korn nimmt. Verdient mit seinen Büchern und Veröffentlichungen ein Vermögen. Ab 1914 Wechsel ins deutschnationale Lager; veröffentlicht ab 1920 anonym antidemokratische und antisemitische Hetzartikel.

      

Fünftes von acht Kindern des kgl.-bayerischen Oberförsters Max Joseph Thoma (1822-1874) und seiner Frau, der Wirtstochter Katharina, geb. Pfeiffer (1831-1894). Geschwister: Max (1858-1911), Marie (1860-1897), Peter (1864-1924), Franz (*1865), Katharina (1868-1958), Luise (1872-1892), Bertha (1873-1938). Frühe Kindheit im Forsthaus in der Vorderriß.

      

1907

Eheschließung mit Maria Trinidad de La Rosa (Künstlername: Marietta di Rigardo), gesch. Schulz ("Marion"; 1880-1966; philippinisch-spanische Wurzeln); Scheidung 1911

  


Wichtige Lebensdaten:

1873

Versetzung des Vaters nach Forstenried bei München.

1873/74

Volksschule in Forstenried.

1874

26.9.: Tod des Vaters, schwere Erkrankung der Mutter. Übersiedlung ins Oberammergauer Elternhaus der Mutter. Dez.: Aufnahme beim Onkel Albert Paulus in Landstuhl/Pfalz.

1875/76

Besuch der Lateinschule in Landstuhl.

1876-83

Ths. Mutter bewirtschaftet in Prien am Chiemsee das gepachtete Gasthaus Zur Kampenwand.

1877/78

Internatszögling in Neuburg/Donau. Wenig später an der Studienanstalt in Burghausen. 

1879-85

Besuch des Königlichen Wilhelmsgymnasiums in München.

1880

Der Bruder Max wandert nach Australien aus (ebenso sein Bruder Peter im Jahr darauf).

1883-94

Ths. Mutter bewirtschaftet das Gasthaus Zur Post in Traunstein.

1885

Königliche Studienanstalt Landshut.

1886

Abitur.

1886/87

Studium der Forstwirtschaft in Aschaffenburg. Abbruch nach zwei Semestern. Mitglied in der Studentenverbindung Corps Hubertia.

1887/88

Jurastudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Mitgliedschaft der schlagenden Studentenverbindung Corps Suevia.

1888-90

Fortsetzung des Studiums in Erlangen. 

1890

1. Staatsexamen. Dez.: Bestandene mündliche Doktorprüfung. Seine Dissertationsschrift Zur Lehre von der Notwehr liefert Th. nicht ab; trotz nicht ausgehändigter Promotionsurkunde führt er den Doktortitel.

1890/91

Rechtspraktikant am Königl. Amtsgericht Traunstein.

1891/92

Rechtspraktikant am Königl. Landgericht Traunstein. 

1892

Ths. Mutter erwirbt den Gasthof Zur Post in Seebruck am Chiemsee.

1892/93

Vorbereitungspraktikum am Königl. Bezirksamt Traunstein.

1893

Rechtspraktikant im Stadtmagistrat München. Vorbereitungspraktikum bei Rechtsanwalt Dr. Loewenfeld in München. Dez.: 2. Staatsexamen.

1894

Mitarbeiter in der Kanzlei Xaver Hardt in Traunstein. - 2. Juni: Tod der Mutter. Okt.: Zulassung als Rechtsanwalt; Eröffnung einer Kanzlei in Dachau.

1895-1919

Insgesamt 27 Beiträge in Der Sammler. Belletristische Beilage zur Augsburger Abendzeitung.

1896

Sein früheres Kindermädchen Viktoria Pröbstl wird Ths. Haushälterin. Die Schwestern Marie und Bertha wohnen gleichfalls bei ihm.

1897

Aufgabe der Dachauer Kanzlei; neue Kanzlei in München. - Anschluss an den Künstlerkreis um die vom Verleger Albert Langen 1896 gegründete satirische Zeitschrift Simplicissimus.

1898

Erste Veröffentlichungen im Simplicissimus.

1899

Wohnung und Kanzlei in München. Aug.: ständiger Mitarbeiter des Simplicissimus (bis zum Tod 832 Beiträge. Pseudonym: Peter Schlemihl). Sept.: Aufgabe der Rechtsanwaltspraxis.

1900

Chefredakteur des Simplicissimus gemeinsam mit Reinhold Geheeb. - Apr.: Treffen mit Albert Langen in der Schweiz.

1901

Radtour mit den Simplicissmus-Zeichnern Eduard Thöny und Rudolf Wilke durchs Neckartal, Weiterreise nach Berlin. Sept.: Reise nach Wien; Treffen mit Peter Altenberg und Karl Kraus. Okt.: Reise nach Berlin.

1902

Bekanntschaft mit Ludwig Ganghofer: lebenslängliche Freundschaft. Apr.: Reise nach Paris zu Albert Langen. Treffen mit Rodin. Mai: Radtour nach Venedig (mit Wilke, Geheeb u.a.). - Juni: Wohnung beim Six-Bauern in Finsterwald bei Gmund am Tegernsee zusammen mit den Geschwistern Bertha, Max und Peter (inzwischen aus Australien zurückgekehrt).

1903

März-Apr.: Aufenthalt in Rom.

1904

Febr.: Bekanntschaft mit der Sektfabrikantentochter Maria Feist-Belmont (1884-1971), die ihn tief beeindruckt. Th. wagt nicht, ihr einen Heiratsantrag zu machen, was er zeitlebens bereut.

März-Mai: Zusammen mit Thöny und Wilke Reise mit Rad, Bahn und Schiff nach Südfrankreich, Tunis, Sizilien. Juli - Okt.: Quartier beim Six-Bauern.

1905

Mai: Bekanntschaft mit der Tänzerin Marietta di Rigardo (d. i. Maria Schulz, Frau des Berliner Schriftstellers und Komponisten Georg David Schulz, illegitime Tochter der Philippinin Margaretha de la Rosa und des Schweizer Konsuls von Manila). - Mai: Radtour an den Gardasee und nach Florenz. - Beleidigungsklage aufgrund des Gedichts An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine; Verurteilung zu 6 Wochen Gefängnis. Sept.: Th. holt Maria Schulz zu sich; um eine gesetzliche Eheschließung zu ermöglichen, bietet Th. ihrem Mann 15.000 Mark für den Nachweis eines eigenen Ehebruchs an.

1906

Jan.: Freispruch in einem Prozess wg. des Simpl-Flugblatts Fort mit der Liebe! - Febr.: Mitgesellschafter des in eine GmbH umgewandelten Simplicissimus. - Apr.: Reise zusammen mit Marion und Albert Langen an den Bodensee, nach Tübingen und Ulm; Besuch bei Hermann Hesse, Emil Strauß und Ludwig Finckh. Aug.: Scheidung Marions. - Okt.: Verbüßung der Gefängnisstraße in München-Stadelheim.

1907

Herausgabe der Zeitschrift März zusammen Hermann Hesse, Albert Langen u.a. - 26.3.: Eheschließung mit Marion.

1908

Apr.: Bezug des eigenen Hauses Auf der Tuften 12 in Tegernsee.

1909

Tod von Albert Langen.

1910

März: Mit Marion in Bozen. Aug.: Th. erfährt vom Ehebruch seiner Frau.

1911

Febr.: Trennung von Marion. Juni: Scheidung.

1913

Reise nach Berlin und Rom.

1914

Aufenthalt in Rom und Sorrent. Freiwillige Meldung zum Kriegsdienst als Sanitäter.

1915

Zunächst an der Westfront, ab April an der Ostfront in Galizien und Russland. Jun.: Eisernes Kreuz II. Klasse. Aug.: Ruhr-Erkrankung in Brest-Litowsk. Sept.: Rückkehr in die Heimat.

1917

Aufnahme der Erzählerin Lena Christ in seinem Haus. - Aug.: Eintritt in die Deutsche Vaterlandspartei. - Nov.: Mit Max Halbe Besuch an der Front in Italien.

1918

Aug.: Wiedersehen mit Maria ("Maidi") von Liebermann, geb. Feist-Belmont. Th. bemüht sich vergeblich um eine Ehe. Depressionen. Sept.: Endgültiger Abbruch der Verbindung zu Marion. Dez.: Mit Maidi in Berlin.

1919

April: Mit Maidi Reise nach Stuttgart. Juli: Wegen Aufgabe der Zulassung Löschung aus der Liste der Rechtsanwälte.

1920

24.7.: Tod Ganghofers; Kauf der Grabstelle neben Ganghofers Grab.

1920-21

Anonyme Veröffentlichung zahlreicher politischer (Hetz-)Artikel im Miesbacher Anzeiger.

1921

Aug.: Diagnostizierter Magenkrebs; Magenoperation. Th. schreibt sein Testament (Haupterbin ist Maidi von Liebermann; daneben werden die Geschwister Katharina, Bertha und Peter und auch die Ex-Frau Marion mit bedeutenden Summen bedacht). - Tod im Tegernseer Haus.


Werke:

(a = Uraufführung in)

Romane

1905

AndreasVöst

1911

Der Wittiber (TV-Verfilmung 1977)

1918

Altaich

1920

Der Jagerloisl

1922

Der Ruepp (TV-Verfilmung 1979)

1922

Kaspar Lorinser (autobiographischer Roman; Frgm.)
Münchnerinnen (Frgm.)
Lola Montez (Frgm.)

Erzählungen

1897

Agricola. Bauerngeschichten (Dialekterzählungen; u. a. Die Fahnenweihe)

1901

Assessor Karlchen und andere Geschichten

1902

Hochzeit. Eine Bauerngeschichte (TV-Verfilmung 1985)
Der Menten-Seppei. Eine altbayerische Wilderergeschichte

1904

Der heilige Hies
Lausbubengeschichten. Aus meiner Jugendzeit (Verfilmung 1964ff.)
Die Wilderer

1905

Schneehendlpfeifen

1906

Tante Frieda. Neue Lausbubengeschichten
Die Halsenbuben

1908

Kleinstadtgeschichten (u. a. Peter Spanningers Liebesabenteuer)

1909

Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten

1912

Jozef Filsers Briefwexel

1913

Nachbarsleute (Slg.; u. a. Auf der Elektrischen; O Natur!)

1916

Das Aquarium und anderes (u. a. Der Münchner im Himmel, Der Postsekretär im Himmel)

1916

Das Kälbchen. Novellen (u. a. Onkel Peppi)

1922

Die Dachserin und andere Geschichten aus dem Nachlaß

Dramen

1901
(a München)

Die Medaille (Komödie)

1901

Witwen (Lustspiel)

1902
(a München)

Die Lokalbahn (Komödie)

1905

Der Schusternazi (Posse)
Pistole oder Säbel? (Satire)

1908
(a Berlin)

Moral (Komödie; Verfilmung 1928; TV-Verfilmung 1958)

1910 (a Rottach-Egern)

Erster Klasse (Bauernschwank)

1911
(a Stuttgart)

Lottchens Geburtstag (Lustspiel)

1912
(a Berlin)

Magdalena (Volksstück)

1913
(a München)

Das Säuglingsheim (Burleske)

1913
(a München)

Die Sippe

1914

Der erste August
Christnacht 1914

1916
a München

Brautschau (Bauernschwank)

1916
a München

Die kleinen Verwandten (Lustspiel)

1916
a München

Dichters Ehrentag (Lustspiel)

1916
a Nürnberg

Der alte Feinschmecker (Schwank)

1918
a München

Gelähmte Schwingen (Lustspiel)

1918
a München

Waldfrieden (Lustspiel)

Versepos

1917

Heilige Nacht (Dialekt-Legende)

Gedichte

1901

Peter Schlemihl. Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte

1903

Die bösen Buben (Max-und-Moritz-Persiflage)
Peter Schlemihl. Neue Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte
Das große Malöhr im Juni 1903

1906

Peter Schlemihl. Gedichte

1912

Peter Schlemihl. Kirchweih. Simplicissimus-Gedichte

Autobiographisches

1919

Erinnerungen

1923

Leute, die ich kannte. Ein Erinnerungsbuch

Werkausgaben

1922

Gesammelte Werke, München: Albert Langen (7 Bd.)

1956

Gesammelte Werke, München: Piper (8 Bde.)

             

Ludwig-Thoma-Haus 



       

   

Der Münchner im Himmel
 

Alois Hingerl, Nr. 172, Dienstmann in München, besorgte einen Auftrag mit solcher Hast, daß er vom Schlage gerührt zu Boden fiel und starb.

Zwei Engel zogen ihn mit vieler Mühe in den Himmel, wo er von St. Petrus aufgenommen wurde. Der Apostel gab ihm eine Harfe und machte ihn mit der himmlischen Hausordnung bekannt. Von acht Uhr früh bis zwölf Uhr mittags »frohlocken«, und von zwölf Uhr mittags bis acht Uhr abends »Hosianna singen«. – »Ja, wann kriagt ma nacha was z'trink'n?« fragte Alois. – »Sie werden Ihr Manna schon bekommen«, sagte Petrus.

»Auweh!« dachte der neue Engel Aloisius, »dös werd schö fad!« In diesem Momente sah er einen roten Radler, und der alte Zorn erwachte in ihm. »Du Lausbua, du mistiga!« schrie er, »kemmt's ös do rauf aa?« Und er versetzte ihm einige Hiebe mit dem ärarischen Himmelsinstrument.

Dann setzte er sich aber, wie es ihm befohlen war, auf eine Wolke und begann zu frohlocken:

»Ha-lä-lä-lä-lu-u-hu-hiah!«...

Ein ganz vergeistigter Heiliger schwebte an ihm vorüber. – »Sie! Herr Nachbar! Herr Nachbar!« schrie Aloisius, »hamm Sie vielleicht an Schmaizla bei Eahna?« Dieser lispelte nur »Hosianna!« und flog weiter.

»Ja, was is denn dös für a Hanswurscht?« rief Aloisius. »Nacha hamm S' halt koan Schmaizla, Sie Engel, Sie boaniga! Sie ausg'schamta!« Dann fing er wieder sehr zornig zu singen an: »Ha-ha-lä-lä-lu-u-uh – – Himmi Herrgott – Erdäpfi – Saggerament – – lu – uuu – iah!«

Er schrie so, daß der liebe Gott von seinem Mittagsschlafe erwachte und ganz erstaunt fragte: »Was ist denn da für ein Lümmel heroben?«

Sogleich ließ er Petrus kommen und stellte ihn zur Rede. »Horchen Sie doch!« sagte er. Sie hörten wieder den Aloisius singen: »Ha – aaaaah – läh – – Himml – Himml Herrgott – Saggerament – uuuuuh – iah!« ...

Petrus führte sogleich den Alois Hingerl vor den lieben Gott, und dieser sprach: »Aha! Ein Münchner! Nu natürlich! Ja, sagen Sie einmal, warum plärren denn Sie so unanständig?«

Alois war aber recht ungnädig, und er war einmal im Schimpfen drin. »Ja, was glaab'n denn Sie?« sagte er. »Weil Sie der liabe Good san, müaßt i singa, wia 'r a Zeiserl, an ganz'n Tag, und z'trinka kriagat ma gar nix! A Manna, hat der ander g'sagt, kriag i! A Manna! Da balst ma net gehst mit dein Manna! Überhaupts sing i nimma!«

»Petrus«, sagte der liebe Gott, »mit dem können wir da heroben nichts anfangen, für den habe ich eine andere Aufgabe. Er muß meine göttlichen Ratschlüsse der bayrischen Regierung überbringen; da kommt er jede Woche ein paarmal nach München.«

Des war Aloisius sehr froh. Und er bekam auch gleich einen Ratschluß für den Kultusminister Wehner zu besorgen und flog ab.

Allein, nach seiner alten Gewohnheit ging er mit dem Brief zuerst ins Hofbräuhaus, wo er noch sitzt. Herr von Wehner wartet heute noch vergeblich auf die göttliche Eingebung.

(1911)

 

       

                         

25. Oktober 2015

    

   

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