Autoren | Epochen | Statistik | Chronologie | Texte A-F   G-K   L-Q   R-S   T-Z
    


Vormärz / Junges Deutschland: 1815-1850
 

   

Begriffe:

  • Vormärz:

Die Jahre vor der Märzrevolution von 1848. Unscharfe Sammelbezeichnung für die oppositionelle politische Literatur der Zeit.

  • Junges Deutschland:

Bezeichnung für eine literarische Bewegung, kein Epochenbegriff. Zuerst 1833 in frz. Form in den Briefen Gutzkows und Laubes ("La jeune Allemagne"). Wienbarg widmet seine Ästhetischen Feldzüge 1834 "dem jungen Deutschland ... und nicht dem alten". Auf dem Bundestag in Frankfurt/M. 1835 wird die verbotene "alle Sitte, Scham und Ehrbarkeit mit Füßen tretend(e)" Autorengruppe "Junges Deutschland" genannt.
  

Datierung:

       

Zeitraum zwischen Wiener Kongress 1815 und dem Scheitern der deutschen Revolution von 1848. Die Zeit ist geprägt vom Gegensatz zwischen den Interessen der deutschen Fürsten, deren Ziel die Restauration der vorrevolutionären Ordnung ist, und dem Anspruch des Bürgertums auf politische Teilhabe und demokratische Freiheit. Dazu treten in den vierziger Jahren Massenarmut und soziale Unruhen:

  • 1817 Wartburgfest

  • 1819 Nach der Ermordung des Schriftstellers in russischen Diensten August von Kotzebue durch den Studenten Sand Karlsbader Beschlüsse (Verbot der Burschenschaften, Kontrolle der Universitäten, Pressezensur, "Demagogenverfolgungen")

  • 1820 Julirevolution in Frankreich

  • 1832 Hambacher Fest

  • 1833 Frankfurter Wachensturm durch Burschenschafter

  • 1844 Aufstand der schlesischen Weber
     

Grundzüge:

     

Forderung nach geistigem Umbruch, Gegnerschaft zur weltanschaulich als rückschrittlich empfundenen Romantik: Die Kunst müsse sich ans Leben anschließen (Wienbarg; Börne: littérature engagée). Literatur als Träger von Ideen mit dem Ziel der politischen Veränderung. Sozialkritik. Optimistische Grundhaltung. Die Presse wird zum meinungsbildenden Organ, der Berichterstatter zum Schriftsteller.
 

Themen:

        

Kampf gegen die absolutistische Reaktion. Ablehnung der bisherigen Gesellschaft (Adel und Kirche) und der sozialen und nationalen Schranken. Gegen spießige Moral (Junges Deutschland). Stattdessen: Territoriale Einheit (Burschenschaften), Weltbürgertum, Frauenemanzipation (Junges Deutschland), verfassungsgemäße Freiheit, rationalistische Kritik, Fortschritt, Demokratie, Sozialismus.
 

Dichter:

     

Als Junges Deutschland im engeren Sinne wird die (nicht organisierte) Gruppe Börne, Heine, Wienbarg, Mundt, Laube, Gutzkow bezeichnet, deren Schriften der Bundestag in Frankfurt 1835 verbot. Der Begriff wird häufig ausgedehnt auf die politischen und realistischen Dichter des Vormärz (Grün, Herwegh, Freiligrath, Büchner, Grabbe u.a.). Alle verbindet ihr zeit- und gesellschaftskritisches Engagement.

Herkunft aus allen Schichten: aus kleinsten Verhältnissen (Gutzkow, Laube, Wienbarg), aus dem Großbürgertum (Heine, Büchner), aus der Hocharistokratie (Anastasius Grün, d. i. Anton Graf Auersperg). Allen gemeinsam ist der intellektuelle Hintergrund: Redakteure, Literaten, Hochschullehrer (Büchner, Mundt, Wienbarg, v. Fallersleben).

Viele Dichter gehen in Folge der Repressionsmaßnahmen des konservativen Obrigkeitsstaates ins Exil (Heine,  Büchner, Herwegh, v. Fallersleben) oder werden verhaftet (Gutzkow, Laube).

 

Bevorzugte Formen:

  • journalistische Prosa

  • politische Lyrik

  • Versepos (Heine)

  • Roman (Gutzkow, Mundt), Novelle (Büchner)

  • Drama (Büchner, Grabbe)

   

Literarische Zentren:

Großstädte (Berlin, Frankfurt, Bremen, Hamburg)

    

    

        

    

     

Georg Büchner:

Der Hessische Landbote (1834)

    

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

    

Im Jahre 1834 siehet es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am fünften Tage und die Fürsten und Vornehmen am sechsten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: ›Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht‹, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag: sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen. [...]

     

Georg Herwegh:
Aufruf
(1841)
       

[...]

Reißt die Kreuze aus der Erden!

Alle sollen Schwerter werden,

Gott im Himmel wird's verzeihn.

Gen Tyrannen und Philister!

Auch das Schwert hat seine Priester,

Und wir wollen Priester sein!

       

Georg Weerth:

Das Hungerlied (1844)
      
Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht’?
Am Montag aßen wir wenig
Und am Dienstag aßen wir nicht.
     
Und am Mittwoch mußten wir darben,
Und am Donnerstag litten wir Noth;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!
     
Drum laß am Samstag backen
Das Brod, fein säuberlich;
Sonst werden wir Sonntags packen
Und fressen, o König, dich!
         
Ferdinand Freiligrath:

Ça ira: Freie Presse
(1846)

     

Festen Tons zu seinen Leuten spricht der Herr der Druckerei:
"Morgen, wißt ihr, soll es losgeh'n, und zum Schießen braucht man Blei!
Wohl, wir haben unsre Schriften: - Morgen in die Reih'n getreten!
Heute Munition gegossen aus metall'nen Alphabeten!

    

,,Hier die Formen, hier die Tiegel! auch die Kohlen facht' ich an!
Und die Pforten sind verrammelt, daß uns Niemand stören kann!
An die Arbeit denn, ihr Herren! Alle, die ihr setzt und preßt!
Helft mir auf die Beine bringen dieses Freiheitsmanifest!"

    

Spricht's, und wirft die ersten Lettern in den Tiegel frischer Hand.
Von der Hitze bald geschmolzen, brodeln Perl und Diamant;
Brodeln Colonel und Corpus; hier Antiqua, dort Fraktur
Werfen radikale Blasen, dreist umgehend die Censur.

    

Dampfend in die Kugelformen zischt die glüh'nde Masse dann: -
So die ganze lange Herbstnacht schaffen diese zwanzig Mann;
Athmen rüstig in die Kohlen; schüren, schmelzen unverdrossen,
Bis in runde, blanke Kugeln Schrift und Zeug sie umgegossen!

    

[...]

      

Heinrich Hoffmann von Fallersleben:

Deutsche Verzweiflung (1850)

      

Nicht Mord noch Brand noch Kerker

noch Standrecht obendrein;

es muß noch kommen stärker,

wenn’s soll von Wirkung sein!

      

Zu Bettlern sollt ihr werden,

verhungern allesamt,

zu Mühen und Beschwerden

verflucht sein und verdammt!

    

Euch soll das bißchen Leben

so gründlich sein verhaßt,

daß ihr es weg wollt geben

wie eine schwere Last!

    

Dann, vielleicht erwacht doch

in euch ein neuer Geist,

ein Geist, der über Nacht doch

euch hin zur Freiheit reißt!

  

    

    

     

     

     

   

 

  

 

 

© Willi Vocke

2000

   

    

GOWEBCounter by INLINE

Besucher seit dem 19.01.2001