Christoph Martin Wieland
Lebensdaten Werk


*5. September 1733 Oberholzheim bei Biberach

+20. Januar 1813 Weimar

Grabstätte: Park von Gut Oßmannstedt bei Weimar (neben seiner Frau und Sophie Brentano)

Selbst verfasste Inschrift auf dem Grab-Obelisk:
»Liebe und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben, Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein.«


Kupferstich nach F. Jagemann

Aus pietistischem Pfarrhaus. Vater: Thomas Adam Wieland (1704-1772); Mutter: Regina Katharina, geb. Kick (1715-1789). Jüngerer Bruder: Adam (1735-1764). Kann bereits mit acht Jahren die lateinischen Klassiker fließend übersetzen, beherrscht früh das Griechische und Hebräische. Sinnenfroh, dem irdischen Leben zugewandt; glücklicher Ehemann, fürsorglicher Hausvater. Hoher Beamter im heimischen Biberach, Philosophieprofessor in Erfurt, Prinzenerzieher in Weimar: Mit ihm beginnt der Aufstieg von Weimar zur Kulturmetropole.

1764

uneheliche Tochter mit Christine Hogel (1742-?): Caecilia Sophie Christine (+ früh)

1765

Heirat mit Anna Dorothea von Hillenbrand (1746-1801); 14 Kinder

Bedeutendster Dichter des deutschen Rokoko, Übersetzer und Journalist. Zu Lebzeiten hochgeschätzt und populär. Infolge der romantischen Kritik an ihm im 19. Jahrhundert kaum noch wahrgenommen (die Gebrüder Schlegel machen ihm wegen seiner vielfältigen literarischen Entlehnungen und seiner Affinität zur französischen Kultur und Sprache den Vorwurf des Plagiats bzw. der mangelnden Originalität und des mangelnden Patriotismus: Citatio edictalis, 1799; Fr. Schlegel nennt W. einen "negativen Classiker").
  Ungemein produktiv; Wielands Lebenswerk umfasst die Literaturepochen von der Aufklärung, Empfindsamkeit bis zur Klassik und Romantik: Frühwerk hat Teil an Aufklärung und Empfindsamkeit; Wendung zur weltoffenen Kunst des französischen Rokoko in den Verserzählungen; Spätwerk von klassizistischem Geist durchdrungen. Vor allem mit seinen Romanen trägt W. zur Ausbildung der neueren zeitgenössischen Literatur bei. Nach dem Vorbild von Cervantes und Fielding führt er eine neue, komplexere Kunst des Erzählens ein, verwendet zum ersten Mal ästhetische Mittel wie Perspektivenvielfalt, Illusionsdurchbrechung, Brechung der chronologischen Handlungsabfolge, ironischen Kommentar, direkte Wendung an den Leser, erlebte Rede. Der Agathon ist der erste deutsche Bildungsroman (Muster für Goethes Wilhelm Meister), die Geschichte der Abderiten der erste wichtige bürgerliche Roman: Spott über kleinbürgerliche Beschränktheit und Selbstzufriedenheit.
  Als Übersetzer maßgeblich an der Wiederentdeckung der klassischen Antike beteiligt. Wielands Prosaübersetzung der wichtigsten Stücke Shakespeares werden grundlegend für die Shakespeare-Rezeption in Deutschland (Herder, Goethe und Schiller lernen Shakespeare in dieser Übersetzung kennen; Wielands Aufführung des "Sturm" in Biberach ist die erste Shakespeare-Aufführung überhaupt in Deutschland). Mit dem Teutschen Merkur gibt er die erste bedeutende literarische Zeitschrift Deutschlands heraus.


wichtige Lebensdaten:

1735

Geburt des Bruders Thomas Adam.

1736

Übersiedlung nach Biberach (Pfarrstelle des Vaters); Erkrankung an Blattern.

1739-42

Lateinschule. Anschließend Unterricht in Religion, Philosophie, Geschichte und den alten Sprachen beim "äußerst orthodoxen" Vater.

1747-49

Internatsschule Klosterbergen bei Magdeburg (im pietistischen Geist geführt); ohne Abschluss.

1749

Studium der Philosophie an der Universität Erfurt. Unterkunft bei dem Philosophen und Theologen Johann Wilhelm Baumer.

1750

Rückkehr nach Biberach. Begegnung und Verlobung mit der entfernten Verwandten Sophie von Gutermann (1730-1807), späterer La Roche; Liebe zu Sophie prägendes Erlebnis ("englische Sophie").

1750-52

Jurastudium an der Universität Tübingen.

1752-54

Gast bei Johann Jacob Bodmer in Zürich; Förderung durch Bodmer.

1753

Dez.: Sophie löst die Verlobung und heiratet Georg Michael Frank La Roche, Sekretär des Grafen Friedrich von Stadion (= Großeltern Brentanos).

1754-59

Nach Bruch mit Bodmer Hauslehrer in Zürich.

1756

Bekanntschaft mit Salomon Geßner.

1759

Übersiedlung nach Bern; weiter Hauslehrer; kurzzeitige Verbindung mit Julie von Bondeli, der späteren Freundin Rousseaus; Verlobung.

1760

April: Wahl zum Senator der Reichsstadt Biberach, Mai: Rückkehr nach Biberach; Juli: Ernennung zum Kanzleiverwalter. Opfer der Intrigen in der von Protestanten und Katholiken paritätisch verwalteten Reichsstadt: muss um Amt und Gehalt prozessieren.

1761

Jan.: Wahl zum Direktor der evangelischen Komödiantengesellschaft; Dez.: Rücktritt. Sommer: Liebesbeziehung zum katholischen Bürgermädchen Christine Hogel ("Bibi"); enger Kontakt mit Friedrich Graf Stadion auf Schloss Warthausen bei Biberach ("Musenhof").

1762 Dez.: W. stellt Christine als Haushälterin ein.

1764

Mai: Christine Hogel bringt eine Tochter zur Welt; Standes- und Konfessionsunterschied bleiben unüberwindlich, machen Heirat unmöglich: Ende der Beziehung. Tod des Bruders.

1765

Heirat mit der Augsburger Kaufmannstochter Anna Dorothea von Hillenbrand.

1768

Tod des Grafen Stadion.

1769

Übersiedlung nach Erfurt: Ernennung zum Professor der Philosophie.

1771

Rheinreise.

1772

Sept.: Herzogin Anna Amalia beruft W. als Erzieher des Erbprinzen Carl August nach Weimar.

1773-1810

Herausgabe der Literaturzeitschrift Der Deutsche Merkur (ab 1774 Der Teutsche Merkur, ab 1790 Der Neue Teutsche Merkur).

1775

Mit dem Regierungsantritt Carl Augusts Ende der Erziehertätigkeit; Pension auf Lebenszeit; freier Schriftsteller; Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit Goethe.

1777

Reise nach Frankfurt/M.

1796

Reise nach Leipzig und Dresden; Reise nach Zürich (Pestalozzi, Lavater, Hottinger),

1796-1802

Herausgabe des Attischen Museums (Zeitschrift für Altertumskunde).

1797

Kauf des Gutes Oßmannstedt bei Weimar; Übersiedlung; Beginn der Freundschaft mit Herder.

1799

Sophie von La Roche besucht W. mit ihrer Enkelin Sophie Brentano.

1800

Sophie Brentano verbringt den Sommer in Oßmannstedt; Sept.: Tod Sophies in Oßmannstedt.

1801

Tod der Gattin.

1802-03

Nov.-Jan.: Heinrich von Kleist besucht W.

1803

Verkauf von Oßmannstedt; Übersiedlung nach Weimar.

1805-09

Herausgabe der Zeitschrift Neues Attisches Museum.

1808

Begegnung mit Napoleon: Kreuz der Ehrenlegion.

1809

Eintritt in die Freimaurerloge Amalia.


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung)

Romane

1764

Der Sieg der Natur über die Schwärmerey oder Die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva (2 Bde.)

1766-67
1794
Neufass.

Geschichte des Agathon (2 Bde.)

1770

Sokrates mainomenos oder Die Dialogen des Diogenes von Sinope

1772

Der goldene Spiegel oder Die Könige von Scheschian (4 Bde.; Staatsroman)

1774-80

Geschichte der Abderiten (1781 erw. Buchausgabe, 2 Bde.)

1784

Geschichte des Philosophen Danischmende (Staatsroman)

1788-89

Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus (1791 Buchausgabe, 2 Bde.)

1799
(1796-98 e)

Agathodämon. Aus einer alten Handschrift

1800-01

Aristipp und einige seiner Zeitgenossen (4 Bde.)

Erzählungen

1752

Erzählungen

1760

Araspes und Panthea

1765

Comische Erzählungen (4 Bde.)

Epen, Verserzählungen

1882 (1751 e)

Hermann (Frgm.: 4 Gesänge)

1753

Gepryfter Abraham

1759

Cyrus (Frgm.)

1768

Musarion oder Die Philosophie der Grazien
Idris

1770

Die Grazien

1771

Der Neue Amadis (2 Bde.)

1774

Der verklagte Amor

1780

Oberon. Ein romantisches Heldengedicht

1784

Clelia und Sinibald

Gedichte

1752

Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt (Lehrgedicht in Alexandrinern)
Zwölf moralische Briefe in Versen
Anti-Ovid

1753

Briefe von Verstorbenen an hinterlassene Freunde

1784-89

Auserlesene Gedichte (7 Bde.)

Dramen, Dialoge

1758
(a Winterthur)

Lady Johanna Gray oder Der Triumph der Religion (Trauerspiel; erstes dt. Blankversdrama)

1760

Clementina von Porretta (Trauerspiel)

1773

Alceste (Singspiel)
Die Wahl des Herkules (Singspiel)

1791

Neue Göttergespräche (Dialoge)

1799

Gespräche unter vier Augen (Dialoge)

Übersetzungen

1762-66

Shakespeares Theatralische Werke (erste dt. Übersetzung von 22 Shakespeare-Dramen; 8 Bde.)

1782

Horaz: Briefe

1786

Horaz: Satiren

1788-89

Lukian: Sämtliche Werke (6 Bde.)

1796-02

Aristophanes (Friede, Wolken, Ritter, Vögel), Euripides (Ion, Helena), Xenophon (Symposion, Denkwürdigkeiten des Sokrates)

1808-21

Cicero: Sämmtliche Briefe (vollendet v. Friedrich David Gräter, 7 Bde.)

Schriften

1753

Plan von einer neuen Art der Privatunterweisung
Abhandlung von den Schönheiten des epischen Gedichts Der Noah (von Bodmer)

1756

Sympathien

1757

Empfindungen eines Christen

1758

Sammlung einiger Prosaischen Schriften (3 Bde.)

1770

Beyträge zur Geheimen Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens (2 Bde.)

1782-84

Briefe an einen jungen Dichter

1785-86

Kleinere prosaische Schriften (2 Bde.)

1788

Das Geheimniß des Kosmopoliten-Ordens

1802

Versuch über das Xenofontische Gastmahl als Muster einer dialogisirten dramatischen Erzählung betrachtet

Wieland als Herausgeber

1771

Sophie von La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim

1786-89

Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geister-Mährchen (3 Bde.)

Ausgaben

1794-1811

Sämmtliche Werke von der letzten Hand, Leipzig (Göschen 39+6 Bde.)

1797-1815

Nachdruck der Sämmtl. Werke, Wien (85 Bde.)

1811-1823

Nachdruck der Sämmtl. Werke, Wien (65 Bde.)

1814-1818

Nachdruck der Sämmtl. Werke, Karlsruhe (39+6 Bde.)

1818-1821

Nachdruck der Sämmtl. Werke, Wien (43 Bde.)

1818-1828

Sämmtliche Werke, hg. v. Johann Gottfried Gruber, Leipzig (53 Bde.)

1839

Nachdruck der Sämmtl. Werke, Leipzig (36 Bde.)

1879-1880

Werke, hg. v. Heinrich Düntzer, Berlin (16 Bde.)

1909ff.

Gesammelte Schriften, hg. v. der Deutschen Kommission der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin (unvollst.)

1984

Neudruck der Sämmtl. Werke, Hamburg (39+6 Bde.)

1986ff.

Werke, versch. Hg., Frankfurt/M. (12 Bde.)

Link:

Wieland-Gut Oßmannstedt


 
Das Letzte und Höchste zu wissen bleibt dem Menschen unerreichbar. Dafür möge er die Welt und nicht am wenigsten sich selbst mit leiser Ironie sehen. Was Natur und Schicksal gewähren, genieße er vergnügt und entbehre gern den Rest. Unterwürfig dem Geschick, nie geneigt, die Welt für ein Elysium oder für eine Hölle zu halten.

(Musarion oder Die Philosophie der Grazien, 1768)

 

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