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Johann Joachim Winckelmann

Lebensdaten
Werk


* 9. Dezember 1717 Stendal

+ 8. Juni 1768 Triest (Opfer eines Raubmordes)

Grabstätte:
Triest, Kenotaph im Giardino Lapidario
(an der Stelle des früheren Friedhofs von San Giusto) 

  

 
Gemälde von Anton Maron (1768)
 

Archäologe, Philologe, Bibliothekar, Kunstgeschichtler. Begründer der Klassischen Archäologie. Seine kunstästhetische und stilgeschichtliche Betrachtungsweise, die Kunstgeschichte nicht mehr als "Künstlergeschichte" versteht, wird richtungsweisend für die neuere wissenschaftliche Kunstgeschichte.
   W. erhebt die antike griechische Plastik, in der er die vollkommene Darstellung des Schönen erkennt, zum alleingültigen Kanon: "Denn in den Werken der Alten finden wir nicht nur die schönste Natur, sondern eine gewisse ´idealische Schönheit´. Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist eine edle Einfalt und stille Größe, so wohl in der Stellung als im Ausdruck." (Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke). Diese (einseitige und idealisierte, von den weißen Marmorkopien der römischen Kunst vermittelte) Auffassung übt eine maßgebende Wirkung auf das Humanitätsideal der Weimarer Klassik aus: Das Bild des in sich vollkommenen Menschen, den die Einheit von Körper und Geist auszeichnet, steht ab jetzt gegen barocke Antithetik und christliche Jenseitserwartung.

Einziges Kind des Flickschusters Martin Winckelmann (1686-1750) und seiner Ehefrau Anna Maria, geb. Meyer (1680-1747). In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Soll zu einem Handwerker in die Lehre, setzt sich jedoch mit seinem Wunsch, die Lateinschule zu besuchen, durch. Er wird "dreißig Jahre alt [...], ohne irgendeine Gunst des Schicksals genossen zu haben" (Goethe): Als Hauslehrer, Kopist und Bibliothekar schlägt er sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Erst seine Konversion zum Katholizismus eröffnet ihm die Möglichkeit zu einer beispiellosen Gelehrtenkarriere in Rom. Seine Geschichte der Kunst des Altertums macht ihn zu einer Gestalt von europäischem Rang; er gilt bei seinem Tod als der bedeutendste Kenner der antiken Kunst.


Wichtige Lebensdaten:

1735

Herbst: Fußwanderung nach Berlin; Besuch des Köllnischen Gymnasiums. Unterkunft beim Rektor Bade.

1736

Herbst: Rückkehr nach Stendal; Nov.: Altstädtische Schule in Salzwedel.

1737

Rückkehr nach Stendal; Präfekt des Schulchors.

1738

Immatrikulation an der Universität Halle; Studium der Theologie; Vorlesungen bei Alexander Gottlieb Baumgarten in Logik und Ästhetik.

1740

Februar: Abgang von der Universität; Stelle als Hauslehrer in Osterburg (Altmark).

1741

Immatrikulation an der Universität Jena: Medizinstudium.

1742

Hauslehrer in Hadmersleben bei Magdeburg.

1743

April: Konrektor an der Lateinschule in Seehausen (Altmark); Unterrichtsfächer: Latein, Hebräisch, Griechisch und Geschichte.

1748

September: Bibliothekar auf dem Schloss des sächsischen Ministers Graf von Bünau in Nöthnitz bei Dresden. 

1753

Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser; schwere Erkrankung.

1751

Bekanntschaft mit dem päpstlichen Nuntius am Dresdner Hof Alberico Archinto.

1754

Juni: Unter dem Einfluss Archintos Konversion zum Katholizismus. Oktober: Übersiedlung zu Oeser nach Dresden.

1755

Reisestipendium des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. (als König von Polen: III.).; September: Beginn der Italienreise; Venedig, Bologna, Rimini, Rom; Wohnsitz in Rom. Freundschaft mit dem Sächsischen Hofmaler Anton Raphael Mengs.

1757-58

Bibliothekar bei Archinto, inzwischen Kardinalstaatssekretär .

1758

März: Reise nach Neapel; Herbst: Aufenthalt in Florenz; Erarbeitung des Katalogs der Gemmensammlung des Barons Philipp von Stosch (grundlegende Bedeutung für W.s weiteres wissenschaftliches Werk). Tod Archintos.

1759

Juni: Rückkehr nach Rom; Gesellschafter des Kardinals Alessandro Albani, des größten Antikensammlers in Rom.

1762

Zweite Neapel-Reise mit Graf Heinrich von Brühl; wieder in Rom, Beginn von kunstgeschichtlichen Fremdenführungen.

1763

April/Mai: Ernennung zum Päpstlichen Antiquar und Oberaufseher über alle Altertümer in und um Rom (Prefetto delle antichità di Roma) sowie zum Scriptor linguae teutonicae an der vatikanischen Bibliothek.

1764

3. Reise nach Neapel.

1765

Verhandlungen über eine Anstellung als Bibliothekar bei Friedrich II. von Preußen scheitern an zu hohen Gehaltsvorstellungen.

1767

Auf Einladung des englischen Botschafters in Neapel, Sir William Hamilton, vierte Neapel-Reise; Augenzeuge eines Vesuv-Ausbruchs.

1768

April: zusammen mit dem Bildhauer und Restaurator Bartolomeo Cavaceppi Antritt der lang geplanten Reise nach Deutschland mit Ziel Berlin über Bologna, Venedig, Verona. In Regensburg, geplagt von Depressionen, Reiseabbruch und Beschluss, nach Rom zurückzukehren. Mit Cavaceppi nach Wien; Audienz bei Maria Theresia.
Mai: Rückreise nach Italien. Juni: Aufenthalt in Triest, um auf eine Schiffspassage nach Ancona zu warten.
Der homosexuelle W. wird am 8. Juni in der Locanda Grande von dem Strichjungen Francesco Archangeli zunächst gewürgt, dann niedergestochen; der Tod tritt nach sechs Stunden ein. Beerdigung am nächsten Tag auf dem Friedhof von San Giusto.


Werke:
(e = entstanden)

Schriften

1752 e

Beschreibung der vorzüglichsten Gemälde der Dresdner Galerie

1753 e

Gedanken vom mündlichen Vortrag der neueren allgemeinen Geschichte

1755

Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst (erw. Neuauflage 1756)

1759

Beschreibung des Torsos im Belvedere zu Rom
Erinnerung über die Betrachtung der Kunstwerke
Von der Grazie in den Werken der Kunst

1760

Description des pierres gravées du feu Baron de Stosch dédiée

1762

Anmerkungen über die Baukunst der Alten

1762

Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen

1763

Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst und dem Unterrichte in derselben

1764

Nachrichten von den neuesten Herculanischen Entdeckungen
Geschichte der Kunst des Alterthums (2 Bde.)

1766

Versuch einer Allegorie, besonders für die Kunst

1767

Anmerkungen über die Geschichte der Kunst des Alterthums (2 Bde.)

1767-68

Monumenti antichi inediti spiegati ed illustrati (2 Bde.)

Ausgaben

1808-25

Werke, hg. v. Carl Ludwig Fernow, Heinrich Meyer u. Johann Schulze, Dresden/Berlin: Walther/Schlesinger (9+3 Bde.)

1825-35

Sämtliche Werke. Einzige vollständige Ausgabe, hg. v. Joseph Eiselein, Donaueschingen: Verlag dt. Classiker (12 Bde.)

1847

Werke. Einzig rechtmäßige Original-Ausgabe, Stuttgart. Hoffmann (2 Bde.)

1925

Kleine Schriften und Briefe, hg. v. H. Uhde-Bernays, Leipzig: Insel (2 Bde.)

1952-57

Briefe, hg. v. Walter Rehm, Berlin: de Gruyter (4 Bde.)

1960

Kleine Schriften und Briefe, hg. v. W. Senff, Weimar: Böhlau

1968

Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe, hg. v. Walter Rehm, Berlin: de Gruyter

1996ff.

Schriften und Nachlaß, Mainz: Ph. v. Zabern


                    

[...] Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele.
 
Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdecket, und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubet; dieser Schmerz, sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebet kein schreckliches Geschrei, wie Vergil von seinem Laokoon singet: Die Öffnung des Mundes gestattet es nicht; es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadoleto beschreibet. Der Schmerz des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit gleicher Stärke ausgeteilet, und gleichsam abgewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet: sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser große Mann, das Elend ertragen zu können.
 
Der Ausdruck einer so großen Seele gehet weit über die Bildung der schönen Natur: Der Künstler mußte die Stärke des Geistes in sich selbst fühlen, welche er seinem Marmor einprägete. Griechenland hatte Künstler und Weltweisen in einer Person, und mehr als einen Metrodor. Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren derselben mehr als gemeine Seelen ein. 
 
Unter einem Gewande, welches der Künstler dem Laokoon als einem Priester hätte geben sollen, würde uns sein Schmerz nur halb so sinnlich gewesen sein. Bernini hat sogar den Anfang der Würkung des Gifts der Schlange in dem einen Schenkel des Laokoons an der Erstarrung desselben entdecken wollen. 
 
Alle Handlungen und Stellungen der griechischen Figuren, die mit diesem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern gar zu feurig und zu wild waren, verfielen in einen Fehler, den die alten Künstler Parenthyrsis nannten. 
 
Je ruhiger der Stand des Körpers ist, desto geschickter ist er, den wahren Charakter der Seele zu schildern: in allen Stellungen, die von dem Stande der Ruhe zu sehr abweichen, befindet sich die Seele nicht in dem Zustande, der ihr der eigentlichste ist, sondern in einem gewaltsamen und erzwungenen Zustande. Kenntlicher und bezeichnender wird die Seele in heftigen Leidenschaften; groß aber und edel ist sie in dem Stande der Einheit, in dem Stande der Ruhe. Im Laokoon würde der Schmerz, allein gebildet, Parenthyrsis gewesen sein; der Künstler gab ihm daher, um das Bezeichnende und das Edle der Seele in eins zu vereinigen, eine Aktion, die dem Stande der Ruhe in solchem Schmerze der nächste war. Aber in dieser Ruhe muß die Seele durch Züge, die ihr und keiner andern Seele eigen sind, bezeichnet werden, um sie ruhig, aber zugleich wirksam, stille, aber nicht gleichgültig oder schläfrig zu bilden. 
 
Das wahre Gegenteil, und das diesem entgegenstehende äußerste Ende ist der gemeinste Geschmack der heutigen, sonderlich angehenden Künstler. Ihren Beifall verdienet nichts, als worin ungewöhnliche Stellungen und Handlungen, die ein freches Feuer begleitet, herrschen, welches sie mit Geist, mit Franchezza, wie sie reden, ausgeführet heißen. Der Liebling ihrer Begriffe ist der Kontrapost, der bei ihnen der Inbegriff aller selbstgebildeten Eigenschaften eines vollkommenen Werks der Kunst ist. Sie verlangen eine Seele in ihren Figuren, die wie ein Komet aus ihrem Kreise weichet; sie wünschten in jeder Figur einen Ajax und einen Kapaneus zu sehen. 
 
Die schönen Künste haben ihre Jugend so wohl, wie die Menschen, und der Anfang dieser Künste scheinet wie der Anfang bei Künstlern gewesen zu sein, wo nur das Hochtrabende, das Erstaunende gefällt. Solche Gestalt hatte die tragische Muse des Aischylos, und sein Agamemnon ist zum Teil durch Hyperbolen viel dunkler geworden, als alles, was Heraklit geschrieben. Vielleicht haben die ersten griechischen Maler nicht anders gezeichnet, als ihr erster guter Tragicus gedichtet hat. 
 
Das Heftige, das Flüchtige gehet in allen menschlichen Handlungen voran; das Gesetzte, das Gründliche folget zuletzt. Dieses letztere aber gebrauchet Zeit, es zu bewundern; es ist nur großen Meistern eigen: heftige Leidenschaften sind ein Vorteil auch für ihre Schüler. [...]
  Die edle Einfalt und stille Größe der griechischen Statuen ist zugleich das wahre Kennzeichen der griechischen Schriften aus den besten Zeiten, der Schriften aus Sokrates' Schule; und diese Eigenschaften sind es, welche die vorzügliche Größe eines Raffaels machen, zu welcher er durch die Nachahmung der Alten gelanget ist. 
 
Eine so schöne Seele, wie die seinige war, in einem so schönen Körper wurde erfordert, den wahren Charakter der Alten in neueren Zeiten zuerst zu empfinden und zu entdecken, und was sein größtes Glück war, schon in einem Alter, in welchem gemeine und halbgeformte Seelen über die wahre Größe ohne Empfindung bleiben. [...]

Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst, 1755

 

                        


Winckelmann-Gesellschaft

                  

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