Der seltene Gast auf den hinteren Kirchenbänken

Von Karl-Heinz Baum (Berlin)

Den jungen Mann, der sich da zu einem Sonntagsgottesdienst in eine der letzten Reihe der Kirche setzte, erkannte der Pfarrer sofort. Ihm fiel ein, daß dessen Eltern stramme SED-Funktionäre waren, daß der Mann selbst gar nicht zur Gemeinde gehörte. Ihm fiel auch ein, daß der junge Mann so vor drei oder vier Jahren zur DDR-Armee eingezogen worden war und seine Wehrpflicht bei den Grenztruppen abgeleistet hatte. Jetzt fragte er sich, warum der wohl in den Gottesdienst gekommen war. Doch eine Antwort erhielt er an diesem Sonntag nicht. Der Pfarrer verabschiedete wie jeden Sonntag die Gottesdienstbesucher an der Kirchentür, sagte auch jenem ein paar freundliche Worte, der verabschiedete sich ebenso freundlich und ging.

Es verstrich ein ganzes Jahr, bis der junge Mann erneut in den Gottesdienst kam. Wieder saß er ziemlich weit hinten, mitsingend und mitbetend. Doch auch diesmal erfuhr der Pfarrer nicht den Grund für den Kirchgang. Den freundlichen Worten an der Kirchentür antwortete jener wieder freundlich, und das wars zunächst.

Wieder war ein ganzes Jahr vorüber, bis der junge Mann erneut im Gottesdienst saß. In der Zwischenzeit hatte der Pfarrer ihn im DDR-Städtchen gelegentlich gesehen, man hatte sich von ferne schüchtern gegrüßt. Diesmal bat jener bei der Verabschiedung an der Kirchentür um ein persönliches Gespräch. Als er dann ein paar Tage später in die Pfarrerwohnung kam, berichtete er nur sehr allgemein von seinem Dienst bei den DDR-Grenztruppen. "Es war ein sehr schwieriges Gespräch; ich habe weder beim ersten noch beim zweiten Treffen erfahren, worum es eigentlich ging", erinnert sich der ostdeutsche Pfarrer.

Bei den ersten beiden Treffen sprach der ehemalige Grenzsoldat davon, wie ihm und seinen Kollegen an der DDR-Grenze der Dienst "an der Scheidelinie zweier Welten" als "aufopferungsvolle Pflichterfüllung" dargestellt wurde, als angeblich "treue und gewissenhafte Erfüllung des Klassenauftrages". Zu jener Zeit erschien eine Jubelbroschüre über die DDR-Grenzsoldaten, in der es unter anderem heißt: "Im Dienst zum Schutze unserer Staatsgrenzen werden nicht jeden Tag Heldentaten vollbracht, denn der Grenzsoldat hat seinen Alltag wie Millionen Bürger unserer Republik. Aber jeden Tag empfangen Grenzsoldaten ihre Waffen, nehmen den Kampfbefehl des Kommandeurs entgegen und stehen an vorderster Front des Klassenkampfes, Auge in Auge mit einem gefährlichen und hinterhältigen Feind." Eine der zahlreichen Zwischenüberschriften hieß damals in der Broschüre des Militärverlags der DDR: 'Den Feind sicher im Visier!'

"Mir wurde schnell klar, daß er mit dem Staat, in dem er großgeworden war, den seine Eltern als kleine Rädchen repräsentierten und am Laufen hielten, total gebrochen hatte", sagt der Pfarrer. "Warum das so war, das erfuhr ich erst nach mehreren Gesprächen." Irgendwann fragte der ehemalige Grenzsoldat unvermittelt seinen Seelsorger, ob ihm eigentlich aufgefallen sei, daß er in den vergangenen drei Jahren immer zur gleichen Zeit in die Kirche gekommen sei. Das sei die Zeit, zu der es während seiner Tätigkeit als Grenzsoldat einen "Vorfall" gegeben habe, der ihn schwer belaste, mit dem er nicht fertig werde. "Er hat nicht ein einziges Mal ganz konkret gesagt: ,Ich habe einen Menschen bei einem Fluchtversuch über die DDR-Grenze erschossen', das hat er nicht, und ich habe es auch nicht aus ihm herausgefragt. Aber Bemerkungen wie: 'Ich muß nun die Verantwortung dafür tragen, daß ein Menschenleben ausgelöscht ist', haben mir verdeutlicht, daß es nur so gewesen sein kann", berichtet der Pfarrer.

Der junge Mensch sei auch nicht damit fertiggeworden, daß sein Verhalten als rechtmäßig, als "Heldentat" hingestellt wurde, daß er von staatlicher Seite belobigt und ausgezeichnet wurde. 150 DDR Mark als Prämie, dazu zwei Tage Sonderurlaub und das Ehrenzeichen der DDR- Grenztruppen, auf dem ein Kalaschnikow-Gewehr abgebildet ist, erhielten Soldaten, die einen "Grenzdurchbruch eines Grenzverletzers", wie das damals im DDR-Deutsch hieß, auch unter Anwendung der Schußwaffe vereitelten.

"Was wirklich in dem Menschen vorgegangen ist, darüber kann ich mir kein abschließendes Urteil bilden", sinniert der Pfarrer, wenn er an die damaligen Gespräche denkt, die sich über ein ganzes Jahr hinzogen. Dieser junge Mensch, soviel wird man sagen können, hatte schwere Gewissenqualen, hatte durchaus ein Unrechtsbewußtsein für ein Tun, von dein ihm seine Armee-Vorgesetzten und die DDR-Staatssicherheit eingeredet hatten, er habe rechtmäßig und pflichtbewußt gehandelt. Und damit unterscheidet er sich jedenfalls von manchen jener Mauerschützen, die jetzt angeklagt sind oder gegen die Ermittlungen laufen und die sich heute darauf berufen, im guten Glauben angeblicher Rechtmäßigkeit gehandelt, das heißt: geschossen zu haben.

Angesichts der furchtbaren Verstrickung, in die der SED-Staat einen seiner Bürger getrieben hatte - und er war ja nicht der einzige -, war der Pfarrer zunächst "sprachlos". Er erzählte dem ehemaligen Grenzsoldaten die Geschichte

vom Jünger Petrus, der Gottes Sohn verleugnete ("ehe der Hahn dreimal kräht"), und dennoch später zum Fels wurde, auf den Gott seine Kirche baute. Damit wollte er ihm verdeutlichen, daß der christliche Glaube trotz aller Gewissensqualen durchaus die Möglichkeit schafft, mit Schuld zu leben, daß man ein solches Handeln nicht verdrängen muß, daß man auch nicht unter einer solchen Last zusammenbrechen muß. Er habe sich sozusagen bereit erklärt, mit ihm gemeinsam diesen Weg zu gehen, gemeinsam die Last zu tragen, versucht der Pfarrer die damalige Lage zu erklären.

"Daß es so ausgehen würde, wie es dann ausgegangen ist, das war für mich damals nicht im geringsten erkennbar!'

Wie es ausgegangen ist? Eines Morgens fanden Einwohner des Städtchens den jungen Mann und ehemaligen Grenzsoldaten tot auf dem Kirchplatz liegen. Er war des Nachts auf den Kirchturm geklettert und hatte sich in den Tod gestürzt. Für ihn, der den Freitod gesucht hatte, war es kein gewöhnlicher Tag. Es war ein Tag im Dezember, in der Vorweihnachtszeit, und der Tag, an dem er erstmals in die Kirche gekommen war, stand bevor.

Beerdigt wurde der junge Mensch auf dem Gemeindefriedhof. Die Trauerrede in der Friedhofshalle hielt ein staatlicher Begräbisredner. Er erklärte den Freitod mit "familiären Schwierigkeiten", die es damals - fast möchte man sagen: naturgemäß - auch gegeben hatte. Denn mit seiner Frau hatte der Mann wohl kaum über die Geschehnisse an der Grenze gesprochen. Üblicherweise vergatterte die Stasi Mauerschützen, mit keinem Wort und gegenüber niemandem einen solchen Grenzvorfall zu erwähnen, und drohte Strafen für den Fall des Zuwiderhandelns an ("Verrat von Staatsgeheimnissen"; Mindeststrafe fünf Jahre). Die Herrschenden in der DDR waren sich der Unrechtmäßigkeit des Schießbefehls sehr wohl bewußt und scheuten davor zurück, daß zu viele von solchen Vollstreckungen erfuhren. So wie sie stets auch befahlen, einen Nebelvorhang zu legen, wenn an der Flucht Gehinderte allzu nahe an der Grenze zum Westen und von dort einsehbar schwer verletzt oder tot im Grenzgebiet liegengeblieben waren. Da lag das schlechte Gewissen der SED-Gewaltigen offen zutage.

Der Pfarrer hat damals geschwiegen; denn das, was ihm der ehemalige Grenzsoldat anvertraute, fällt unter das Beichtgeheimnis. Manchmal denkt er darüber nach, ob er nach so vielen Jahren den Angehörigen die Wahrheit über den Freitod ihres Verwandten sagen sollte. Das könnte für sie, die sich kaum erklären können, warum kleine familiäre Schwierigkeiten gleich mit Selbstmord endeten, auch befreiend wirken. Doch dann denkt er an den Mann, der für sich entschieden hat, sein Geheimnis mit in den Tod zu nehmen. Und diese Entscheidung, so sagt er, hat er über dessen Tod hinaus zu respektieren.

Das zu respektierende Beichtgeheimnis ist auch der Grund, warum in diesem Beitrag weder der Name des DDR-Grenzsoldaten noch der des Pfarrers genannt wird. Auf der anderen Seite aber sollte, so meint jedenfalls der zuständige Bischof, die Öffentlichkeit dennoch erfahren, in welch schwere Gewissenskonflikte die Herrschenden in der DDR manche der Menschen stürzten, solche zudem, die in ihrem Geiste erzogen und großgeworden waren. Die Öffentlichkeit sollte auch erfahren, daß einer - oder waren es sogar mehr? - mit solchen Gewissensqualen nicht weiterleben mochte.

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