Manfred Berberich             Prof. Manfred Berberich

              Dipl. Handelslehrer, Dipl. Betriebswirt (FH)

              Manfred.Berberich@lehrer.uni-karlsruhe.de


            

Wie viel Digitaliserung ist schädlich für unsere Kinder Herr Spitzer
  Kommentar zum Artikel im Mannheimer Morgen vom 11.03.2017

Neben Studien auch mehr Praxis

Manfred Spitzer ist ein anerkannter Psychiater und Psychologe. Sicherlich kann er zu allen Themen etwas sagen, die mit dem menschlichen Körper zu tun haben, ist das Gehirn doch als zentrales Steuerungs- und Koordinationsorgan für den menschlichen Körper zuständig. Einige seiner Thesen sind einleuchtend aber nicht alle. So stimme ich zu, Kleinkinder sollten nicht viel, möglichst gar keine Zeit vor Bildschirmmedien verbringen. Das Thema Medienbildung, dazu gehört auch das Lernen mit Smartphones und Tablets ist jedoch eher ein Betätigungsfeld der mediendidaktischen und medienpädagogischen Forschung, kompetent vertreten durch Personen, die auch Erfahrungen im Unterricht mit der jeweiligen Schülergruppe haben. Mit dieser Kernkompetenz gibt es nicht nur in Baden-Württemberg einige Professoren an den Universitäten und pädagogischen Hochschulen.

Hinweise und Bedenken ausschließlich in Form von Studien führen uns in der Praxis an den Schulen nicht weiter. Man muss nur mal der theoretischen Ebene einer Hochschule den Rücken kehren und die Kinder beim Verlassen der Schule (auch der Grundschule) beobachten. Der erste Griff geht zum Handy. Eine grundsätzliche Ablehnung digitaler Medien von Seiten der Schule ist daher unrealistisch. Die Medien in Form von Smartphones sind bereits durch die Schüler in den Schulen angekommen (vgl. JIM-Studie 2016). Dies beginnt bereits im Grundschulalter. Die Schule darf die Kinder nicht alleine lassen, sondern muss darauf reagieren, aber nicht mit Verboten oder überzogenen Bedenken. Es gilt das alte pädagogische Prinzip: An der Erfahrungswelt der Kinder anknüpfen. Die Chancen nutzen und die Realität kontrolliert und altersgemäß in die Bildung einfließen lassen. Schon immer gab es neue Technologien deren Vorteile und Nachteile im Einsatz abzuwägen sind.

Die Lehrerfortbildung bietet neben der Nutzung von Tablets eine Vielzahl von Themen zur digitalen Bildung an. Die Lehrerausbildung an den Seminaren für Lehramtsanwärter bzw. Referendare bereiten die angehenden Lehrer auf ihre Tätigkeit entsprechend vor. Die Medienzentren unterstützen die Schulen vor Ort.

Medienbildung geht es über das Lernen mit Smartphons bzw. Tablets weit hinaus. Hier beginnt der Kernkompetenzbereich der Mediendidaktik und Medienpädagogik. Wenn eine Lehrkraft eine gute mediendidaktische Ausbildung hat, dann ist es möglich, die digitalen Medien auch sinnvoll, d.h. mit einem Mehrwert im Unterricht zu verwenden. Besonders Tablets bieten ein enormes Potential an individuellem und kooperativem Lernen, ohne dass die Kinder bei der Nutzung vereinsamen. Traditionelle Medien (Tafel, OH-Projektor, Bücher, Papier, Bleistift usw.) sollen nicht ersetzt, sondern ergänzt werden. 

An einem vereinfachten Modell der Medienbildung, das am Staatlichen Seminar für Lehrerbildung in Karlsruhe angewendet wird, lassen sich die Dimensionen der Medienbildung gut darstellen. 

Dirk Zechnall, Staatl. Seminar für Lehrerbildung (Gymnasien) Karlsruhe, 2013

Es geht um die 4 Bereiche:

1. Anwendungskompetenz (Technik – Bedienen)

Hier geht es in erster Linie um Basiskompetenzen im Umgang mit Hard- und Software eines Mediensystems. Es werden herstellerunabhängig grundlegende technische Aspekte und minimale Bedienkompetenz vermittelt. 

2. Bildung über Medien (Gesellschaft -Wissen)

In diesem Bereich werden Kenntnisse über den Einfluss von Medien in einer durch Medien geprägten Gesellschaft vermittelt. Chancen und Risiken von Medien erörtert. Es geht dabei primär um die Bereiche soziale Netzwerke, Chats, Internetsucht, Spielesucht, Cybermobbing, Urheberrecht und Datenschutz sowie Gefahren durch Manipulationen. Smartphones und Tablets bieten hierzu Möglichkeiten der aktuellen Informationsbeschaffung, Informationsselektion und Diskussion im Unterricht. 

3. Lernen durch Medien (Schülersicht -Lernen)

Mediennutzung zur individuellen Erarbeitung von Kenntnissen sowie der Einsatz von Kommunikationsstrategien zur Unterstützung kooperativer Lernmethoden ist zentraler Bestandteil dieses Bausteins. Kenntnisse über die Produktion von Medien (Präsentationen, Videos, Podcasts) haben das Ziel, durch eigene Aktivitäten die Kreativität und das Lernen zu fördern. 

4. Unterrichten mit Medien (Lehrersicht -Unterrichten)

Digitale Medien bieten eine zielgerichtete Anpassung der Inhalte nach Vorkenntnissen und Leistungspotentialen der jeweiligen Schüler. Mit ihnen lassen sich die Anforderungen an einen zeitgemäßen Unterricht mit individuellen kooperativen Lernformen umsetzen. Es werden Lösungen erarbeitet, durch Medieneinsatz den Unterricht zu unterstützen, schülerzentrierter und effizienter zu gestalten.

Wie sich durch den Einsatz von digitalen Medien die Noten im Unterricht verändern wird schwer zu beweisen sein. Dafür kann es keine statistischen Vergleichsgruppen geben, sowohl auf Seiten der Lehrer als auch auf Seiten der Schüler. Dafür ist Unterricht viel zu komplex und zu sehr von der Lehrerpersönlichkeit und seinen Fähigkeiten abhängig (vgl. Hattie-Studie). Ein Lehrer mit sehr guten dramaturgischen Fähigkeiten kann im Geschichtsunterricht im Rahmen seiner Erzählungen die Schüler begeistern, wenn Hannibal mit seinen Elefanten über die Alpen zieht. Ein Englischlehrer motiviert seine Schüler durch einen Zugriff auf eine aktuelle englische Zeitung im Internet, oder durch einen Chat mit einer befreundeten Klasse in England (Was natürlich nicht ausschließt, dass man auch noch einen Brief schreiben kann). Was spricht gegen die Nutzung von Mathematik-Tutorials auf Youtube, um den Nachhilfelehrer zu ergänzen oder gar überflüssig werden zu lassen? Es gibt in der schulischen Praxis eine Fülle von Beispielen, die von Versuchsschulen erprobt werden. Derzeit verstärkt in den Grundschulen des Landes Baden-Württemberg und Projekte im Einsatz von Tablets an Gymnasien und beruflichen Schulen.

In der Tat, der Abschied von der Kreide in den Schulen ist ein zäher Prozess (vgl. Mannheimer Morgen vom 15.02.2017) Dieser Prozess wird durch renommierte Bedenkenträger noch erschwert. Bereits mit der Medienoffensive II im Jahr 2002 ist Baden-Württemberg auf gutem Wege digitale Medien im Unterricht erfolgreich einzusetzen. Unterstützt wird diese Offensive von der Landeslehrerfortbildung, den Seminaren für Lehrerausbildung, dem Landesmedienzentrum und den Kreis- und Stadtbildstellen der jeweiligen Schulträger. Es umfasst die Schulbereiche der Sonderpädagogik, den Primarbereich und den Sekundarbereich I und II. Aus Sicht der schulischen Praxis ist die digitale Offensive der Bildungsministerin Johanna Wanke zu begrüßen und eine sehr gute Fortführung der bisherigen Bemühungen für einen zeitgemäßen, aktuellen und motivierenden Unterricht.

Zum Vergleich von Herrn Spitzer, Kultusministerinnen würden einem Chef-Feuerwehrmann zum Löschen eines Feuers auch nicht Brandbeschleuniger empfehlen:

Die Feuerwehr setzt tatsächlich Brandbeschleuniger ein, um einen größeren Flächenbrand zu verhindern. Auch hier muss man die Mittel nur kennen und richtig einsetzen. Aber damit verlassen wir beide vermutlich unsere Kernkompetenz.