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Wir über uns

Was wir so alles erlebt haben

Eintrag 26 vom

Ein Doppelklick auf eine leere Fläche bringt
euch immer wieder zur Auswahl zurück.

Wir leben noch. Und die Betonung liegt auf noch. Beinahe hatte es Garun und mich erwischt. Es war als sollten sich die dunklen Vorahnungen des vergangenen Sommers erfüllen. Hinter uns liegen Tage, Wochen und Monate angefüllt mit Ereignissen, auf die wir gerne alle verzichtet hätten, die dafür gesorgt haben, daß nichts mehr so ist wie es war und es auch wohl nie mehr so sein wird. Anstelle von Heiterkeit und Leichtigkeit sind Schwermut und Angst getreten, die erst jetzt langsam weichen. Und bei meinem Boß ist, was die beiden Stuten betrifft, ein großes Stück von Ratlosigkeit und Schuldgefühl hängengeblieben. So groß daß er nicht einmal mehr meine Batterien für mein Notebook laden wollte, weil er der Meinung war, wer so was fertigbrächte, der hätte nicht das Recht, sich noch mit einer Webseite für Isis zu zieren, aber dann konnte ich ihn überzeugen, als mahnendes Beispiel weiterzumachen.

Was ist geschehen? Zunächst sah alles garnicht so schlecht aus. Der Schock über die mögliche Gleichbeinlahmheit von Sjöfn begann in dem Maße zu weichen, wie es ihr besser ging. Was von dem wirkte, was mein Boß in sie reinstopfte, oder ob überhaupt was davon wirkte, werden wir wohl nie erfahren, aber jedenfalls verschwand ihr Lahmen und am Ende blieb auch die Hoffnung, daß die Lahmheit und der Befund auf dem Röntgenbild auch nicht unbedingt übereinstimmen mußte. Sie bekam für den Winter Urlaub verordnet, um es, was immer es war, ausheilen zu lassen, aber auch mehr Weidegang, weil ihr Bewegung offensichtlich gut tat.

Weniger toll ließ sich dann die Zahngeschichte bei mir an. Nachdem mir schon im vergangengen Sommer ein Zahn gezogen werden mußte, bekam ich zunehmend Ärger mit dem Fressen. Das Entfernen aller Haken und Kanten bei mir und auch gleich bei den anderen brachte nur eine kurzfristige Besserung. Ein zweiter Tierarzt schliff mir daraufhin mit einer elektrischen Schleifmaschine die Kauflächen ab, weil die statt plan nur noch Kullen waren, so daß an ein ordnungsgemäßes Mahlen von Gras und Heu nicht mehr zu denken war. Wieder nur eine geringe Besserung. Ich tat mich schon schwer beim Kauen, produzierte Berge an Heuwickel. Die höheren Instanzen besorgten gegen Herbst schon mal Graspellets verschiedener Hersteller und testeten aus, was ich und Haukur, der es mir zusehends nachtat - ich bin eben ein echtes Vorbild -, denn wie eingeweicht am ehesten verspeisen würden, um uns im Notfall über den Winter zu bringen. Gleichzeitig wurden die Weidezeiten bei dem sonnigen und frostigen Wetter so lange wie noch nie ausgedehnt, bis in den Dezember, weil uns das Gras rupfen leichter fiel als das Heu zu kauen. Vielleicht war das eine mögliche Ursache für die spätere Katastrophe, die über die beiden Stuten hereinbrechen sollte. Aber zu dem Zeitpunkt war das Wort Fructan noch ein Fremdwort für uns. Aber weiter der Reihe nach. Mit speziell für uns aufgetriebenen Heu, das Haukur und ich noch einigermaßen kauen konnten, und den eingeweichten Graspellets kamen wir jedenfalls über den Winter ohne klapprig auszusehen. Das Kauen dauerte halt sehr lang bei uns alten und vielleicht lag darin eine weitere Ursache für das spätere dicke Ende, denn dadurch geriet weit mehr als zwei Siebtel der Futtermenge in die Stutenbäuche. Langsam aber sicher gewöhnten sich die höheren Instanzen an unsere Zahnprobleme, ohne gleich Magengeschwüre bei unserem Anblick zu bekommen. Altwerden unsereins ist ja schließlich auch Neuland für sie und da wirken fehlende Erfahrungen durchaus beunruhigend.

Dann verstärkte sich mein unsauberer Gang, äußerlich keine Ursache diagnostizierbar. Die Lahmheit war sehr unregelmäßig, wurde aber regelmäßig deutlicher bis sie sehr stark war. Also ab in die Klinik und große Untersuchung. Bereits als das Abspritzen des Beines über den Fesselkopf hinaus erfolgt war, ging ich schon fast sauber. Also Röntgen der Gegend von allen Seiten. Langes Betrachten der Aufnahmen von allen Ärzten mit langen Gesichtern, die verzweifelt nach etwas Erkennbaren auf den Aufnahmen suchten, aber da war nichts oder doch. Einer meinte da eine unscharfe Stelle auf dem Knochen zu sehen. Sie machten nochmals exakt von der Stelle mit einem etwas anderen Blickwickel eine Aufnahme und da war es dann deutlicher zu erkennen. Die Knochenhaut war stark entzündet und mit kleinen Exostosen übersät. Da wucherte mein Knochen vor sich hin. Osteopatitis nennt das der Fachmann. Dummerweise zog sich die Stelle in das Fesselgelenk hinein, so daß sich die Knochenteile aneinanderrieben. Das war böse, da erstens sehr schmerzhaft - das hätte ich den Ärzten gleich sagen können, daß es höllisch weh tat, aber mich hat ja keiner gefragt - und zweitens böse, da nur schlecht therapierbar. Ich bekam Cortison direkt auf die Knochenfläche verteilt gespritzt und Angußverbände und mein Boß die Bemerkung, er solle sich keine so großen Hoffnungen machen. Es wurde zunächst total besser, dann aber alles schlimmer. Ich sprach nicht an. Irgendwann sagten die Ärzte, jetzt könnten sie nichts mehr tun und es wurde Zeit für das wohl schlimmste Gespräch für meinen Boß. Ewige Weide ja oder nein. Die Antwort lief auf ein gerade noch mögliches Tolerieren meines Zustandes hinaus. Sobald eine weitere Beeinträchtigung hinzukäme wie ich würde nicht mehr ans Futter gehen, von den anderen gejagt werden etc. dann ... Aber verfressen wie ich bin, gab ich nicht auf, es dauerte zwar manchmal eine ganze Weile, bis ich die zehn Meter zur Futterraufe überwunden habe, aber ich habe sie keuchend und ächzend überwunden und die anderen vergassen nicht ihren Respekt vor mir, obwohl ich zugegebenermaßen ziemlich hilflos war. Damit es überhaupt ging, pumpte mich mein Boß mit einer derartigen Dosis an Schmerzmittel voll, daß ich spätestens in einem/zwei Jahren an den Nebenwirkungen des Schmerzmittels gestorben wäre, aber er wollte Zeit gewinnen, um noch irgendwie und -wo eine Rettungsmöglichkeit für mich zu finden. Zur Entgiftung von dem Schmerzmittel machte er mich dann kombuchasüchtig. Hmmmmh, das schmeckt. Übrigens ist es das neue Wundermittel der höheren Instanzen, um alles für uns Ungenießbare darin zu verstecken, weil Geruch und Geschmack von Kombucha so ziemlich alles überdecken. Natürlich besorgte er auch Unmengen an MSM und obendrein an GSM und stopfte mich damit voll. Und wenn es besser ging, ging er mit dem Schmerzmittel runter und wenn wieder schlechter, dann wieder damit hoch, bis er irgendwann feststellte, daß zwischen der Dosis an Schmerzmittel und meinem Zustand gar kein direkter Zusammenhang zu beobachten war. Mal ging es einigermaßen, dann wieder schlechter, dann war es echt mies. Inzwischen stand ich schon wie ein Kamel auf, erst hinten dann vorne. Aber ich stand noch auf, nur die Schmerzen ließen mich häufig einfach nur auf der Stelle stehen. Ich wollte gehen, aber ein anderer Teil meines Gehirnes verbot es mir, weil die Bewegung den Schmerz wie flüssiges Blei durch den Körper rinnen ließ. Dieser Kampf mußte so richtig auf meinem Gesicht abzulesen gewesen sein. Mein Boß war viel da, um mich herum, auch oft in der tiefen Nacht, auch in der Sylvesternacht, wo dann garnichts mehr ging. Ich stand nur noch wie gelähmt und meinem Boß wurde klar, was er morgen am ersten Tag des Jahres 2002 zu tun hatte. Er kuschelte sich fest an mich und mein Fell wurde naß, ohne daß es regnete. Irgendwann in der Nacht ging er dann, um am Morgens mit dem wohl schwersten Herzen zurückzukehren, um mich rumlaufen zu sehen, ja richtig rumlaufen zu sehen, mit jedem Schritt wurde es besser. Das Erdbeben muß wohl auf die Steine zurückzuführen gewesen sein, die ihm abfielen. Von da an ging es von einem mittelstarken Rückfall abgesehen steil bergauf, ohne daß die höheren Instanzen an irgendeinem Faktor herumgedreht hätten. Heute sieht das ganze besser aus als im vergangenen Sommer, nur ein leicht unsauberer Gang. Manchmal vergesse ich auch all die Probleme und versuche (und manchmal klappt es sogar), unseren Hügel hinauf zu galoppieren oder ihn hinunter zu passen. Gestern abend habe ich sogar Skotti im Galopp geschlagen. Nur mein Boß scheint mir um Jahre gealtert zu sein. Und wieder geht ihm unser alter Spruch "Es ist immer zu früh, das Handtuch zu werfen, aber nie zu spät, noch einen Versuch zu wagen." durch den Kopf.

Tja, und als wir das alles so langsam anfingen zu verdauen, tief durchatmeten, um quasi von neuem durchzustarten, da kam dann das Grausame, das uns alle tief ins Mark traf, insbesondere meinen Boß, der sich davon bis heute kaum erholt hat und sich schwere Vorwürfe macht. Garun begann sich zu Beginn des Winters zu verändern, sie wurde ruhiger, verlor an Spritzigkeit. Eigentlich nahm es zu dieser Zeit niemand so richtig wahr, erst im nachhinein, quasi per Rekonstruktion. Auch stand sie morgens nicht mehr gleich am Zaun, sondern es dauerte ein Weilchen bis sie erschein. Auch ihre Freudensschreie blieben beim Erscheinen der höheren Instanzen aus, alles Dinge, die einem nicht unbedingt sofort auffallen hätte müssen und nichts was irgendwie zu direkter Besorgnis hätte Anlaß geben können, wenn es nicht die Veränderung eines bekannten Verhaltensmusters gewesen wäre. Vielleicht war es die Konzentration auf meine Zahnprobleme und mein Bein, vielleicht einfach auch ein unbewußtes Nichtwahrhabenwollen bei all den vielen schon vorhandenen Sorgen, daß die höheren Instanzen nicht sofort mißtrauisch wurden. Dummerweise hatten alle angesichts der bestehenden Misere einfach Reiturlaub über den Winter erhalten, auch Garun. Vielleicht wäre beim Reiten eine Reaktion festzustellen gewesen. Irgendwann und -wie begannen die höheren Instanzen sie dann doch mißtrauisch zu beäugen, weil sich ihre ganze Lebenslust doch langsam aber sicher reduzierte. Nein, nichts Auffälliges beim Fressen. Das zog sich so dahin, dann hatte man den Eindruck, daß sie vorsichtig ging, aber es war nichts Auffälliges zu entdecken. Keine dicke Sehne, keine empfindliche Stelle, auch nicht auf der Hufsohle, nein, mit Sicherheit kein Hufgeschwür. Dann kam der Winter, die Kälte und der Schnee, vielleicht Garuns Verhängnis abgesehen von meines Bosses Versagen, das er sich so fürchterlich ankreidet. Der Gang war in dem tiefen Schnee nicht so beobachtbar und auch das wußten wir dann erst im nachhinein, der Schnee machte den Boden weich und er kühlte vorallem. Irgendwann war es dann wieder deutlicher zu sehen und der Tierarzt wurde gerufen. Er diagnostizierte eine Lahmheit auf der Hinterhand, spritzte und war ganz happy als bereits am nächsten Tag nichts mehr zu sehen war. Irgendwie sträubte sich in meinem Boß alles gegen diese Diagnose, aber der Tierarzt war der Tierarzt und nicht er. Die Vorderhand zeigt nämlich jetzt eine Tendenz zur Trachtenhufung, aber die Pulsation und die ganze Empfindlichkeit des Hufes sprachen dagegen, auch die Jahreszeit, die reduzierte Futtermenge für die Stuten, auch müßte Garun ja schon längst wie ein Sägebock dastehen bei einer Hufrehe, die ja schon nach 48 Stunden chronisch wird. Nach drei weiteren Tagen verlud mein Boß Garun und fuhr sie in die Klinik, wo drei Ärzte Schwierigkeit hatten zu sagen, auf welchem Bein Garun lahmte, keine Diagnose stellen konnten, bis am Ende sie meinten, eigentlich könnte es nur noch eine Rehe sein, auch wenn die Symptome völlig daneben lägen. Sie machten von jedem Huf eine Röntgenaufnahme. Die Bilder hingen noch nicht mal richtig vor dem Lichtkasten, da brach alles in meinem Boß zusammen. Alle vier Hufbeine also auch die der Hinterhand wiesen eine entsetzliche Hufbeinrotation auf, wie nach einer monatelangen unbehandelten Rehe. Garuns Stoffwechsel mußte total zusammengebrochen sein, die Tierärzte sprachen auch wegen der vier betroffenen Hufe sofort von einer Vergiftung und keiner haltungsbedingten Rehe. Garun wurde sofort an den Tropf gehängt. Sie blieb wochenlang in der Klinik, bekam einen Spezialbeschlag, um eine weitere Hufbeinrotation zu verhindern und um ihr das Auftreten zu erleichtern, kam heim in die dick mit Hobelspänen eingestreute Box, ein neuer Schub folgte, wieder Klinik, wieder heim, nächster Schub, wieder Klinik. Am Ende kamen die Schübe in Wochenabstand und die Klinik schüttelte den Kopf.

Heute wissen wir, daß es eine sog. atypische und schleichende Hufrehe gibt, in kaum einem Pferdebuch erwähnt, wenig erforscht wie die Hufrehe überhaupt, extrem gefährlich, da meist zu spät erkannt und überwiegend zunächst als Hinterhandlahmheit behandelt, da alle vier Hufe betroffen. Aber der Preis für dieses Wissen war entschieden zu hoch. Und er wurde noch höher. Eine Woche nach Garun's Einlieferung in die Klinik folgte Sjöfn mit vergleichbaren Symptomen in die Klinik und wir warteten darauf, wer der nächste sei, falls die Vergiftung auf den ominösen Unbekannten am Zaun zurückzuführen sei. Aber im Unterbewußtsein wußte mein Boß, daß es den wohl nicht gab, das war gut für uns anderen, aber schlecht für ihn, denn dann mußte er der Unbekannte sein, der die Stuten unbewußt vergiftet hatte. Er ist schwer in sich gegangen, hat sich den Schädel zermartet, kam zum Ergebnis, daß er eigentlich nichts falsch gemacht haben kann oder doch? Vielleicht doch zuviel Weidegang für die Stuten im Sommer, zuviel Heu im Winter, jetzt wo sie nicht da waren, war zu erkennen, wie langsam und wenig wir alten fraßen, alles andere mußte in den Stutenbäuchen verschwunden sein, die lange Weidezeit in den Winter herein, erst jetzt las mein Boß was über schädliche Zuckerverbindungen Fructane genannt im Gras, die sich insbesondere an sonnigen aber frostigen Tagen bildeten und die seit neuestem massiv für das Auftreten von Hufrehe verantwortlich gemacht werden, wo wir doch gerade in diesem Herbst/Winter solange auf der Weide gebleiben waren. Von der Rehe hatte er auch ein nun im nachhinein feststellbares falsches Bild, denn bei möglichen Reheverdacht hätte er keine drei Tage zugewartet, aber Rehe war für ihn bislang immmer ein schnell und spontan ablaufender Prozeß, wo die Pferde sägebockartig dastanden und sich vor Schmerzen nicht von der Stelle bewegen konnten. Sogar der Tierarzt lag anfangs daneben. Egal, ob man meinem Boß einen Vorwurf machen kann oder nicht, er fühlt sich für das ganze Geschehen verantwortlich. Es hat ihn böse erwischt und das einzige, was ihn aufrecht hält, ist die Erkenntnis, daß es durch den Kopf in den Sand stecken nicht besser wird. Nicht Nichtstun sondern Bessertun ist angesagt, aber er ist auch verunsichert, da er nicht weiß, an was es eigentlich lag und was er besser machen könnte. 25 Jahre Pferdeerfahrung waren für ihn mit einem Strich weggewischt.

Und so konzentrierte er sich zunächst mal auf das, was noch zu retten war. Sjöfn hatte Glück im Unglück. Zwar Rehe auf vier Hufen, wieder völlig untypischer Verlauf, aber keine Hufbeinrotation. Sie sprach auch sofort auf die Behandlung an und kam nach kurzer Zeit nach Hause, ohne daß es je zu einem weiteren Reheschub wie bei Garun gekommen wäre. Sicherheitshalber bekam sie auch einen Spezialbeschlag verpaßt. Mein Boß suchte extra einen Schmied, den er von früher kannte, schon aus dessen Ausbildungszeiten, als er ihm aufgefallen war, weil er Hufschmied werden und nicht einen Nebenberuf zum Schlosser ergreifen wollte, und von dem er zwischenzeitlich von vielen Seiten auch nur Gutes erfahren hatte. War zwar etwas schwierig, weil der Schmied inzwischen in einer entfernteren Ecke arbeitete, aber am Ende erklärte er sich bereit, alle sechs Wochen vorbeizukommen, solange der Spezialbeschlag nötig sei. Danke Martin. Mein Boß sagt, daß es in so kritischen Situationen wichtig sei, an den Weg, den man einschlägt, zu glauben und den Personen, die einem an so einem Weg begleiten, vertrauen zu können. Sonst würde man verrückt vor Sorge und Unsicherheit. Sjöfn bekam eine Box mit einem Auslauf eingerichtet, Garun mußte vollständig für Wochen/Monate in die dick eingestreute Box. Ein Hüpfer, ein Sprung und Garun lahmte sofort stark und der nächste Schub war initialisiert. Darum die strikte Boxenruhe mit der dicken Einstreu und einer Futtermenge gerade zur Lebenserhaltung. Wir haben noch nie eine so schlanke um nicht zusagen dürre Garun gesehen. Aber das alles verhinderte nicht, daß weitere Schübe folgten und weitere Klinikaufenthalte zur Tagesordnung wurden, bis an dem Tag, wo die Klinik meinte, jetzt hätte es keinen Sinn mehr. Jetzt war nichts mehr zu verlieren. Vollgepumpt mit meinem Schmerzmittel von meinem Bein wanderte Garun in vier Eimer, genauergesagt jeder Huf in einem Eimer mit ziemlich kaltem Wasser stundenlang, Tag für Tag, Woche für Woche. Und die Reheschübe wurden schwächer und die Abstände zwischen ihnen immer größer, obwohl die höheren Instanzen langsam aber sicher die Dosierung von Schmerz- und Entzündungmittel nach unten korrigierten. Dann stagnierte das Ganze wieder. Eine weitere Besserung trat ein, als mein Boß anfing mit Garun an der Hand zu gehen, immer nur 10 Minuten auf weichem Boden. Die Box wurde umgebaut, ein kleiner Auslauf vor der Box geschaffen und unter Wasser gesetzt. Der dicke Lehmboden darunter und der Erdwall an der abwärtsgelegenen Seite liessen die Angelegenheit recht schlammig werden und so waren Garuns Hufe ständig in Schlamm gepackt. Es traten keine weiteren Schübe mehr auf, auch die starke Pulsation legte sich langsam und der Kronrand wurde kühler. Garuns Miniauslauf wurde eingerissen und sie durfte wieder zu Sjöfn, anfangs nur kurze Zeit, dann immer länger, dann ganz. Ihre Hufe hielten durch, obwohl sie jetzt ganz schön lostobte. Das war vor Monaten noch unvorstellbar gewesen. Große Erleichterung und wieder große Hoffnung. Die bekam weitere Nahrung, als mein Boß wieder begann mit Sjöfn zu reiten. Anfangs nur im Reitplatz, später dann im Gelände. Es war eigentlich nichts festzustellen. Sie wirkte wie die Alte. Nur das Kleppern der Eisen irritierten sie auf Asphalt oder Beton. Sie hat es wohl geschafft. Auch die Hufe sehen gut aus. Nur eine Rille, wie bei einer Futterumstellung, sonst nichts, nicht mal eine verbreiterte weiße Linie wie bei Garun. War das ein Tag, als mein Boß sie zum erstem Mal wieder bestieg. Ein gewaltiger Fels fiel da von ihm ab. Umso schlimmer traf ihn dann beim dritten Beschlag von Garun die Bemerkung des Schmiedes beim Abnehmen der Eisen: Oh Gott, das ist ja ein halber Hufbeindurchbruch. In der Tat faulte die Sohle ganz schön schwarz vor sich hin und da wo die Hufbeinspitze sein mußte, da schien das Messer auf keinen Widerstand mehr zu treffen, so ging's in die Tiefe. Irgendwo im Unterbewußtsein hämmerte der Satz, das kann nicht sein, so wie Garun auftritt, aber der Schmied bestand auf die Hinzuziehen des Tierarztes aus der Klinik. Mein Boß schaltete mit zittriger Hand erst mal das Handy ab, weil es schon an war, stotterte vor Schreck so rum, daß keiner in der Klinik verstand, was er wollte etc. Hufbeindurchbruch, das saß. Hatten wir doch so gekämpft und gehofft und nun doch verloren. Der Tierarzt überredete den Schmied weiterzuschneiden. Die schwarzen Gänge in den Huf wurden kleiner, neues gesundes Horn begann sich zu zeigen. Am Ende sah die Sohle etwas dünn aus mit etlichen Löchern, als ob jemand versucht hätte, ein Hufgeschwür rauszuschneiden, aber nicht gewußt hätte, wo es saß. Der Schmied wurde wieder ruhiger. Er erklärte, das Rausfaulen bei einer so starken Rehe sei nicht unnormal, aber im jetzigen Stadium um Wochen viel zu früh. Überhaupt wüchse der Huf unnormal stark. Was wir denn gemacht hätten. Als er dann das Dauerwasserbad mitbekam, war ihm die schnelle Entwicklung klar. War das ein Schreck gewesen. Zur Sicherheit fuhren wir in der Klinik vorbei und machten nochmals Röntgenaufnahmen. Nein, die Hufbeine hatten sich seit den ersten Aufnahmen nicht weiter bewegt. Damit nichts in die vielen Löcher in der Sohle unter die Erkosil-Einlage geriete, sollten die höheren Instanzen das Wässern einstellen. Konsequenz: Die Pulsation wurde wieder stärker, was zur Folge hatte, daß die höhren Instanzen den ganzen Tag mit einem Blumensprüher voll Wasser zischend um Garun rumliefen, um die Hufwand feucht zu halten, was wieder zur Beruhigung führte. Einmal am Tag war auch der dicke Wasserschlauch dran, wobei Garun dabei ständig weitergeführt wurde, so daß sie nie in einer Wasserpfütze stand, damit kein Wasser zwischen Sohle und Einlage eindringen konnte. Beim nächsten Beschlag war fast alles Schwarz verschwunden. Überhaupt wächst die Wand von oben her wieder glatt und im korrekten Winkel runter. Sieht für den schweren und langandauernden Anfall erstaunlich gut aus. Der Schmied ist sehr zufrieden und alle Ecus-Öle stehen noch unberührt als ultima ratio im Schrank. Und am vergangenen Wochende hat mein Boß Garun geritten, zweimal eine Viertelstunde im Reitplatz. Und Garun war mit Feuereifer dabei, bot sich an, wollte mehr als mein Boß, als ob nie was gewesen wäre. Klar die Trachtenhufung ist nicht zu übersehen, aber sonst nichts, sieht man mal von der geänderten Gangverteilung ab. Kein Wunder, die schweren Eisen mit eingeschweißten Steg plus Einlage vorne. Ich glaube, mein Boß hatte feuchte Augen vor Freude und Dankbarkeit, dafür daß jemand Garun ihm ein zweites Mal anvertraut hat und ihm die Chance gibt, es besser zu machen als zuvor.

Nein, sowas darf nie mehr passieren. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn eine definitive Ursache für die schleichende Rehe war nicht auszumachen gewesen. Die Begrenzung auf die beiden Stuten läßt eine gezielte Vergiftung durch Dritte eigentlich ausschließen. Alle haben immer dasselbe zum Fressen bekommen. Futterumstellungen gab es auch keine, auch keine anderen Veränderungen auf dem Gelände wie etwa neue Baumaterialien etc. Bleibt allein die Vermutung, daß die Stuten doch im Winter einen zu hohen Futteranteil erhalten haben, weil wir alten so langsam fraßen, aber es gab so gut wie nur Heu, da ja Winterruhe bestand, kein Kraftfutter. Die Stuten waren gut genährt, aber nicht fett. Bleibt die Vermutung, daß die Vergiftung im Frühwinter durch Fructane eingetreten ist. Fructane sind Speicherzucker, welche Pflanzen bei der Assimilation bilden, wenn die Sonne scheint, aber die Pflanze nicht wachsen will. Also insbesondere an sonnigen und frostigen Wintertagen und das noch besonders auf stark abgefressenen Weiden. Diese Speicherzucker sind für Pferde quasi unverdaulich und können nach neuesten Erkenntnissen Rehe auslösen. Eine Internetrecherche brachte eine Reihe ähnlich gelagerter Rehefälle zu Tage, wo eine Beweidung auf einer abgefressenen Herbstweide an sonnigen aber frostigen Tagen bestand. Einige der betroffenen Halter haben weitergeforscht, weil sie auch noch Ärzte waren, haben mit Bioresonanzmethoden den Fructangehalt im Gras an unterschiedlichen Tagen gemessen, auch Futtermittel auf Fructan untersucht. Ergebnis: Eine durch die zunehmende Klimaveränderung aufkommende Vergrößerung der Weidesaison derart, daß man im Frühjahr früher austreibt und die Pferde immer später im Herbst/Winter von der Weide holt, ist im Hinblick auf den Fructangehalt sehr gefährlich. Nach einer kalten Nacht ist an einem sonnigen Tag der Fructangehalt maximal und das umso mehr, je stärker die Weide abgefressen ist. An kalten aber verhangenen oder gar verregneten Tagen, ist der Fructangehalt gering. In der Nacht sowieso, weil die Sonne nicht scheint. Einige der betroffenen Halter sind ab sofort auf Nachtweidebetrieb umgestiegen, andere haben an fructangefährlichen Tagen die Weidezeiten zumindest stark gekürzt. Übrigens: Unter den untersuchten Futtermitteln wiesen Karotten, die Frost ausgesetzt waren, Fructangehalte auf, welche im Gras nicht im Geringsten erreichbar waren. Also höchste Alarmstufe bei angefrosteten Karotten. Das zum Thema mögliche Ursache.

Die Folge für uns besteht nun darin, daß wir nicht mehr zusammenstehen. Sjöfn und Garun werden nun getrennt gehalten. Die höheren Instanzen haben einen neuen Unterstand gebaut und die Koppeln umarrangiert. Wir alten bleiben nun vom frühen Abend bis zum späten Morgen auf der Weide oder im alten Stall, ganz wie wir wollen. Die Stuten haben Extraweiden (besonders magere), wo sie morgens und abends eine begrenzte Zeit hinausdürfen. Dazwischen stehen wir noch einige Stunden gemeinsam im großen Auslauf. Diese gemeinsamen Stunden werden wohl immer weniger werden, weil wir alten angesichts unserer Zahnprobleme langsam aber sicher einen 24 Stunden Weidebetrieb erfordern, so daß wir die Stuten nur noch ausnahmsweise bei uns haben, wenn sie mal zu uns auf die Weide dürfen, weil wir schon alle Feinheiten und Delikatessen rausgefressen haben und sie dann noch das lange Gras, daß wir nicht mehr beißen können, abweideln dürfen. Und im Winter werden wir jetzt auch getrennt gehalten, um die Futtermenge besser kontrollieren zu können. Außerdem sollen die Stuten wohl auch kaum an unseren Graspellets kommen, auf die wir angewiesen sind, da mit Heukauen nicht mehr so viel drin ist. Ich denke auch garnicht, diese Köstlichkeit mit irgendjemanden zu teilen. Aber schade ist es schon, daß wir jetzt nicht mehr so eine Truppe sind. Vertragen tun wir uns trotzdem ganz gut, auch wenn wir uns nur noch so für ein paar Stunden am Tag begegnen. Klar ist auch, daß es Weidezeiten an frostigen und sonnigen Herbst- und Wintertagen nicht mehr geben wird. Kein Problem, Graspellets sind mir da auch viel lieber. Und die höheren Instanzen haben sich geschworen, in Zukunft noch mißtrauischer zu werden, jede Kleinigkeit als mögliche Ankündigung kommenden Unheils anzunehmen und sie auch nicht wegzuschieben, weil schon soviel mit uns los ist und sie kaum noch den Kopf frei haben. Sie haben jetzt wohl gelernt, unser Altwerden und die damit verbundenen Probleme als etwas normales und natürliches anzunehmen und nicht davor zu flüchten, es nicht wahrhaben zu wollen, so schwer es auch fällt, weil ihnen damit auch bewußt geworden ist, wie wenig gemeinsame Zeit uns noch verbleibt. Aber in gewisser Weise können wir jetzt diese Tage wieder in vollen Zügen und in Dankbarkeit genießen. Wir haben uns alle etwas verändert, sind näher zusammengerückt. Ich muß gestehen, daß ich ein richtiges Schmusehotti geworden bin. Nicht nur wegen der Graspellets und den vielen Bananen. Und das gilt auch für alle anderen. Erstaunliche Veränderungen sind da zu beobachten. Vielleicht solltet ihr auch mal eueren höheren Instanzen das Buch "Der sechste Sinn. Zwiesprache mit Pferden" von Carola Lind und Karin Müller zu Weihnachten oder so schenken, aber bitte nur, wenn ihr meint, daß euere höheren Instanzen das scheinbar Unfaßbare ertragen können.

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