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Jacob Michael Reinhold Lenz
 

Lebensdaten
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Lenz-Texte im Netz


* 23. Januar 1751 Seßwegen in Livland (heute: Cesvaine in Lettland) 

+ 3./4. Juni 1792 Moskau

Grab: unbekannt

 

 

 
Nach einer Zeichnung von
M. Pfenninger
 

   


   

Im Leben und im Schaffen ein charakteristischer Vertreter des Sturm und Drang. Begabtester unter den Stürmern und Drängern, bedeutender Dramatiker, der aber zeitlebens im Schatten Goethes steht und seinen Zeitgenossen weitgehend unbekannt bleibt. Knapp vier Jahre nach einem vielversprechenden Beginn endet die literarische Karriere im psychischen Zusammenbruch: "Nur ein vorübergehendes Meteor" (Goethe). "Er starb, von wenigen betrauert und von keinem vermißt" (einziger Nachruf in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung, 1792). Wiederentdeckung im Naturalismus/Expressionismus, zu der auch Büchners Novelle Lenz (1835 e) beiträgt: Identifikationsfigur, an der sich die Identitätskrise des modernen Ich festmacht. 
    

Viertes Kind des deutschstämmigen Pfarrers und späteren Generalsuperintendenten Christian David Lenz (1720-1798) und seiner Frau Dorothea, geb. Neoknapp (+1778). Anfangsunterricht beim Vater; strenge pietistische Erziehung. Lebensuntüchtig, gesellschaftlich versagend, hysterisch liebend, unausgeglichen, exzentrisch; verliebt sich in der Straßburger Zeit nacheinander in Goethes ehemalige Freundin Friederike Brion, in Cleophe Fibich (die Freundin des älteren von Kleist), in Goethes Schwester Cornelia und die ebenso unerreichbare Adlige Henriette Waldner. Ab 1777 Anfälle geistiger Umnachtung (paranoide Schizophrenie); unstetes Wanderleben. Stirbt im tiefsten Elend.
     


Wichtige Lebensdaten:

1759

Übersiedlung der Familie nach Dorpat; Elementar-, später Lateinschule.

1768

Theologiestudium an der Universität Königsberg; Vorlesungen Kants regen zum Studium der Schriften Rousseaus an.

1770

Kurzzeitig Hofmeister.

1771

Abbruch des Studiums; als "Mentor" Reise mit den Baronen Friedrich Georg und Ernst Nikolaus von Kleist nach Straßburg, wo die Kleist-Brüder ihren Militärdienst antreten; Bekanntschaft mit Goethe, Wagner und Jung-Stilling.

1772

Besuch in Sesenheim: heftige Neigung zu Friederike Brion (von der sich Goethe ein Jahr zuvor getrennt hatte). - Aufenthalte in den Garnisonen Landau, Fort Louis und Weißenburg; Rückkehr nach Straßburg.

1774

Verlässt wegen der Juweliertstochter Cleophe Fibich die Kleists; freier Schriftsteller, Lebensunterhalt durch Privatunterricht. Juni: Kontakte zum Schweizer Theologen und Philosophen Johann Kaspar Lavater. Sept.: erneute Immatrikualtion als Student der Theologie, Abbruch. - Der Hofmeister macht Lenz mit einem Schlag bekannt (man hält aber zunächst Goethe für den Autor).

1775

Freundschaftlicher Kontakt mit Goethe; 27.5. - 5.6.: gemeinsamer Besuch bei Goethes Schwester Cornelia und ihrem Mann Johann Georg Schlosser in Emmendingen; einseitige Liebe zu Cornelia.

1776

Straßburg: Liebe zu Henriette von Waldner-Freundstein, die aber im Frühjahr heiratet. - März: L. folgt Goethe über Mannheim und Frankfurt nach Weimar; Bekanntschaft mit Maler Müller, Herder, Klinger und Charlotte von Stein; 26. Nov.: Lenz fällt gesellschaftlich aus der Rolle; Ausweisung aufgrund einer vertuschten Affäre um ein Spottgedicht (Goethe: "Lenzens Eseley"); zu Schlosser nach Emmendingen.

1777

Unstetes Leben: u.a. in Basel, Zürich (Lavater), Emmendingen (Schlosser), Winterthur, am Bodensee. - 7. Juni: Tod Cornelias; Nov. während eines Aufenthalts bei Christoph Kaufmann in Winterthur erste Anzeichen von Verwirrtheit.

1778

20.1.-18.2.: auf Veranlassung Kaufmanns Aufenthalt beim Pfarrer und Philanthropen Oberlin in Waldersbach/Vogesen. Wahnsinnsanfälle, Selbstmordversuche. - Bei Schlosser in Emmendingen; Unterbringung bei einem Schuster (Arbeitstherapie), dann einem Förster in Wiswyl/Schweiz; schwere Anfälle von Raserei. - Tod der Mutter.

1779

In ärztlicher Behandlung in Hertingen bei Basel. - Juni: L. wird von seinem jüngsten Bruder Karl Heinrich Gottlob abgeholt; zu Fuß über Emmendingen, Frankfurt, Weimar nach Lübeck, Überfahrt nach Riga; 23.6.: Ankunft in Riga. Vater weist ihn ab.

1780

Gesundheitszustand bessert sich; Versuche, in Estland und St. Petersburg eine Anstellung als Hofmeister, Vorleser, Soldat zu finden, scheitern.

1781

Sept.: Lenz zieht nach Moskau; zeitweilig Erzieher in einer Pensionsanstalt; Unterstützung durch Freunde; Anzeichen geistiger Verwirrung nehmen wieder zu; trotzdem weitere literarische Tätigkeit; Übersetzungen aus dem Russischen. - Zunehmende Vereinsamung.

1783/84

Mitglied in der Moskauer Freimaurerloge Zu den drei Fahnen.

1787

Freundschaft mit dem Schriftsteller Nikolaj M. Karamsin; zunehmende Geisteskrankheit.

1789

Unstetes Leben von Landsitz zu Landsitz

1792

Tod im größten Elend nachts auf einer Moskauer Straße. - Heute starb allhier Jac. Mich. Reinh. Lenz, der Verfasser des Hofmeisters, des Neuen Menoza etc. von wenigen betrauert, und von keinem vermisst. (Intelligenzblatt der Allgemeinen Literaturzeitung)


Werke:
(e = entstanden; a = Uraufführung in; Z = Zeitschriftenveröffentlichung)

Dramen

1774 (1772 e)

Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung. Eine Komödie (sozialkrit. Tragikomödie; anonym; 1778 a Hamburg)

1774 (1773 e)

Der neue Menoza. Oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi. Eine Komödie (anonym; 1963 a Frankfurt a. M.)

1776 (1775 e)

Die Freunde machen den Philosophen. Eine Komödie (anonym)

1776 (1775 e)

Die beiden Alten. Ein Familiengemälde

1776 (1775 e)

Die Soldaten. Eine Komödie (anonym; 1863 a Wien)

1777 (1776 e)

Der Engländer. Eine dramatische Phantasey (anonym)

1782 Z (1887)

Die sizilianische Vesper. Trauerspiel

1782 Z

Myrsa Polagi oder die Irrgärten. Ein Lustspiel a la Chinoise

1819 (1775 e)

Pandaemonium Germanicum. Eine Skizze (Satire)

1845 (1766 e)

Der verwundete Bräutigam, hg. v. K. L. Blum, Berlin: Duncker & Humblot

1884 (1776 e)

Henriette von Waldeck oder Die Laube (Frgm.)

Bearbeitungen

1774 (1773 e)

Lustspiele nach dem Plautus fürs deutsche Theater (anonym):

  • Das Väterchen (Asinaria)

  • Die Aussteuer (Aulularia)

  • Die Entführungen (Miles gloriosus)

  • Die Buhlschwester (Turculentus)

  • Die Türkensklavin (Curculio)

1775

Menalk und Mopsus. Eine Ekloge nach der fünften Ekloge Virgils (anonym)

Erzählende Prosa

1776 (1775 e)

Zerbin oder die neuere Philosophie

1777 (1776 e)

Der Landprediger

1797 (1776 e)

Der Waldbruder (Briefroman; Frgm.)

1781

Etwas über Philotas Charakter

Gedichte/Epos

1769

Die Landplagen. Ein Gedicht in sechs Büchern (1500 Hexameter; anonym)

1776

Petrarch. Ein Gedicht aus seinen Liedern gezogen (anonym)

1781

Gedichte verschiedenen Inhalts

Schriften (Auswahl)

1774

Anmerkungen übers Theater nebst angehängtem übersetzten Stück Shakespeare (anonym)

1775

Meynungen eines Layen den Geistlichen zugeeignet. Stimmen des Layen (antirationalistische Abhandlung; anonym)

1775 e

Tagebuch der Leidenschaft für Cleophe Fiebich
Moralische Bekehrung eines Philosophen (Tagebuch der Liebe zu Cornelia)

1776

Flüchtige Aufsäzze

1780

Philosophische Vorlesungen für empfindsame Seelen

1874 (1772 e)

Versuch über das erste Principium der Moral

1901 (1775 e)

Über Götz von Berlichingen

1909 (1773 e)

Über die Natur unsers Geistes

1914 (1776 e)

Über die Soldatenehen

1918 (1775 e)

Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers

1965 (1774 e)

Für Wagnern

Übersetzung

1787

S. Pleschtschejew: Übersicht des Russischen Reiches ...

Werkausgaben

1828

Gesammelte Schriften, hg. v. Ludwig Tieck, Berlin: Reimer (3 Bde.)

1884

Lyrisches aus dem Nachlaß, hg. v. K. Ludwig, Berlin: Nauck

1884

Dramatischer Nachlaß, hg. v. K. Weinhold, Frankfurt/M.: Lit. Anstalt

1891

Gedichte, hg. v. K. Weinhold, Berlin: Hertz

1909

Gesammelte Schriften, hg. v. Ernst Lewy, Berlin: Cassirer (4 Bde.)

1909-1913

Gesammelte Schriften, hg. v. Franz Blei, München: Müller (5 Bde.)

1918

Briefe von und an J. M. R. Lenz, hg. v. Karl Freye u. Wolfgang Stammler, Leipzig: Wolff (2 Bde.)

1987

Werke und Briefe, hg. v. Sigrid Damm, Leipzig/München: Insel/Hanser (3 Bde.)

     

Forschungsstelle J. M. R. Lenz der Universität Mannheim


          

 

[Handeln ist die Seele der Welt]

 
Ha, er muß in was Besserm stecken, der Reiz des Lebens: denn ein Ball anderer zu sein, ist ein trauriger, niederdrückender Gedanke, eine ewige Sklaverei, eine nur künstlerische, eine vernünftige, aber eben um dessentwillen desto elendere Tierschaft. Was lernen wir hieraus? [...] Das lernen wir hieraus, daß handeln, handeln die Seele der Welt sei, nicht genießen, nicht empfinden, nicht spitzfündeln, daß wir dadurch allein Gott ähnlich werden, der unaufhörlich handelt und unaufhörlich an seinen Werken sich ergötzt: das lernen wir daraus, daß die in uns handelnde Kraft unser Geist, unser höchstes Anteil sei [...]. Das lernen wir daraus, daß diese unsre handelnde Kraft nicht eher ruhe, nicht eher ablasse zu wirken, zu regen, zu toben, als bis sie uns Freiheit um uns her verschafft, Platz zu handeln: Guter Gott, Platz zu handeln, und wenn es das Chaos wäre, das du geschaffen, wüste und leer, aber Freiheit wohnt nur da, und wir könnten dir nachahmend drüber brüten, bis was herauskäme - Seligkeit! Seligkeit" Göttergefühl das!
 
 (Aus: Über Götz von Berlichingen, 1775)

         

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